Liebe GLOBUS-Leser!

Die Ukraine scheint uns in den letzten Jahren nicht nur dadurch „näher gerückt“ zu sein, dass sie seit 2004 direkter Nachbar der Europäischen Union ist. Inzwischen ist doch ein spürbar steigendes Interesse in Deutschland an den Entwicklungen in der Ukraine zu beobachten. Die Beziehungen dorthin werden vielfältiger, intensiver, alltäglicher – auch wenn es insgesamt noch bescheidene Ausmaße sein mögen.

Politische Instabilität und unsichere Investitionsbedingungen verhindern bisher ein breiteres unternehmerisches Engagement aus Deutschland. In der kulturellen Zusammenarbeit stehen wir vor ähnlichen Fragen, die auf eine Gesellschaft im Umbruch treffen: Welche der rund 130 offiziell registrierten gesellschaftlichen Organisationen der deutschen Minderheit können beständige Ansprechpartner sein und bleiben? Die Deutschen, obwohl nur noch etwa 33.000 Personen in dem 48-Millionen-Einwohner-Staat zählend, sind als nationale Minderheit anerkannt. Ob sie tatsächlich eine wichtige Brückenfunktion zwischen unseren beiden Ländern ausüben können, hängt von ihrem Selbstbewusstsein und unserer Unterstützung ab.

Maßnahmen der Bundesregierung zielen zwar auf eine verstärkte Präsenz der deutschen Kultur- und Bildungspolitik in der Ukraine, doch können diese nur dann erfolgreich sein, wenn den Ukrainern erleichtert wird, Deutschland zu besuchen, das Land zu erleben und Freundschaften zu pflegen. Die Erfahrung des VDA ist leider: Wer heute als Ukrainer ein Visum für Deutschland beantragt, muss persönlich zweimal bei der Deutschen Botschaft in Kiew vorstellig werden.  Dies bedeutet in den entfernten Regionen der Ukraine: Zwei volle Reisetage mit den damit verbundenen Kosten. Der Antragsteller wird verständnislos fragen, ob er wirklich willkommen ist.

Dennoch wollen wir im VDA Impulse geben, indem wir in dieser

GLOBUS-Ausgabe  Beispiele aufzeigen, die durchaus zukunftsweisend für die deutsch-ukrainischen Beziehungen sind: Gerd Sander berichtet als Pastor von unerwarteten Begegnungen in diesem Land, das vor 65 Jahren einer der am schlimmsten heimgesuchten Kriegsschauplätze war. Für das Verständnis der Gegenwart ebenso wichtig ist das Wissen um die früheren deutschen Ansiedlungen oder das Stadtbürgertum. Auch das moderne Berufsleben führt dazu, daß Deutsche zumindest für mehrere Jahre ins Ausland ziehen und dazu oft nur bereit sind, wenn ihre Kinder den Anschluss an das heimische Bildungssystem nicht verlieren. Eine Elterninitiative steht als treibende Kraft hinter der neu eröffneten Deutschen Schule Kiew und deren Kindergarten.

Daß bereits ein kurzer Aufenthalt von wenigen Wochen in einem anderen Land tiefe und nachhaltige Eindrücke vermitteln kann, führt uns Ernst Barlachs wegweisende Reise in die Ukraine vor Augen. Die Skulpturen, die er nach seiner Rückkehr modellierte, begründeten seinen Ruf als Bildhauer von Weltrang.

Vielleicht nicht als Projekt der Kulturarbeit geplant, wohl eher eine unternehmerische Pionierleistung stand am historischen Beginn der ukrainischen Buchdruckkunst. Es war ein Deutscher, der in der damaligen polnischen Hauptstadt Krakau das erste für die Ukraine bestimmte Buch in kyrillischer Schrift druckte  – und dafür geradewegs ins Gefängnis wanderte: Sweipolt Fiol.

Ein höchst ungewöhnliches Ereignis der Auswanderungsgeschichte hat in einigen Dörfern in der sibirischen Taiga bei Irkutsk noch anschauliche Spuren hinterlassen: Die freiwillige Umsiedlung der Bug-Holländer aus der Westukraine nach Ostsibirien vor Einhundert Jahren. Eduard Bütow besuchte deren Nachkommen und kehrte tief beeindruckt zurück.

Und schließlich erkundigten wir uns bei Ivan Molnar, der aus Deutschland inzwischen im dritten Semester an einer Moskauer Hochschule studiert – und für immer bleiben möchte.

Von der südlichen Hälfte des Globus erreichte uns ein herzlicher Gruß aus Argentinien, mit dem sich der Deutsch-Argentinische Kultur- und Sportverband vorstellt und vor allem die sportbegeisterte Jugend anspricht.

Wir freuen uns, wenn auch diese GLOBUS-Ausgabe wieder vielfältige Anregungen gibt. Vielleicht nehmen Sie im kommenden Jahr an einer der von VDA-Landesverbänden geplanten Reisen teil, laden einen Austauschschüler in Ihre Familie ein, nehmen an einer unserer regionalen Veranstaltungen teil oder knüpfen Brieffreundschaften in alle Welt. Die Möglichkeiten, sich im VDA einzubringen, sind nahezu grenzenlos.

Der Bundesvorstand des VDA wünscht Ihnen und Ihren Familien eine gesegnete Weihnachtszeit und ein glückliches, friedvolles Neues Jahr 2009. Bleiben Sie uns verbunden!

Herzliche Grüße,

Ihr

Dr. Wolfgang Betz

Stellv. Bundesvorsitzender des VDA

 

Über die Schicksale der deutschen Siedlungen im Südosten der Ukraine

Eine Frage der Aufrechterhaltung des historischen Gedächtnisses

Von Nikolai Schischkin, Makejewka, Ukraine

Seit der Entstehung der Mariupoler deutschen Kolonien 1823 und bis Oktober 1941 spielte ihre Existenz eine große Rolle auf dem Territorium des heutigen Gebietes Donezk. Die deutschen Kolonien bestanden praktisch auf dem ganzen erwähnten Territorium in Form von Koloniengruppen, zum Beispiel “Planer Kolonien”, Ostheim, Memrik, Neu-Jork, oder in Form von einzelnen Siedlungen. Anfang des 20. Jahrhunderts waren es mehr als 150 Kolonien, in denen etwa 50.000 Menschen wohnten.

Anfang Oktober 1941, mit der Annäherung der Front zum Donbass, mußten auf Befehl des sowjetischen Volkskommissars des Inneren, Lawrenti Beria, alle ethnischen Deutschen nach Sibirien und Kasachstan deportiert werden (Befehl № 001 354 vom 23. September 1941). Ein Teil von ihnen wurde aber aus Zeitnot damals nicht ausgesiedelt. Sie traf das Schicksal, in den Jahren 1942 und 1943 als „von der Deportation nach Sibirien hinterbliebene Volksdeutsche“ nach Deutschland verschleppt zu werden. Von Deutschland aus wurde die Mehrheit von ihnen nach dem Kriegsende 1945 nach Sibirien ausgesiedelt. Zu diesem Zeitpunkt war die Geschichte der deutschen Siedlungen in Donezkgebiet praktisch beendet, obwohl die deutsche Bevölkerung seit Generationen dieses Territorium bewohnte. 1956 wurden die Aufenthaltsbestimmungen für die Deutschen gelockert. Sie durften ihren Wohnort wieder frei wählen, aber nicht in ihren früheren Siedlungsgebieten. In den ehemaligen deutschen Siedlungen wohnten somit auch nach 1956 keine Deutschen mehr – ausgenommen von wenigen Einzelfällen. Dabei kehrte aber keine Familie in ihr eigenes Heim zurück. Obwohl laut der Volkszählung 1989 in Donezkgebiet etwa 6.500 Deutsche wohnten, waren sie hauptsächlich Stadtbürger und die Mehrheit von ihnen wohnte früher nicht hier, sondern war erst in den letzten Jahren zugezogen.

Seit 1997 werden von der Forschungsgruppe des Verbandes der deutschen Kultur e.V. in Makejewka historisch-ethnografische Forschungen zu den ehemaligen deutschen Kolonien im Südosten der Ukraine durchgeführt. Im Laufe der Forschungsarbeiten wurden Informationen gesammelt, die die Lebensweise in den deutschen Kolonien, sowie verschiedene Seiten der wirtschaftlichen Tätigkeit, die Besonderheiten der Innengestaltung der Häuser,  die Kleidung, Sitten und Bräuche dokumentieren. Dem Donezker Landeskundemuseum wurden mehr als einhundert Gegenstände übergeben, die in Bezug auf die traditionelle deutsche Kultur Museumswert haben. Es muss erwähnt werden, dass vor unseren Forschungen und Ausstellungen keine Museumsstücke im Donezker Landeskundemuseum vorhanden waren, die direkt mit der Ethnografie der deutschen Siedlungen in diesem Gebiet verbunden sind. Als Ergebnis unserer Forschungsarbeiten entstand eine Sammlung von Gegenständen, die verschiedene Seiten der alltäglichen und geistigen Kultur der deutschen Kolonisten charakterisieren: Dazu gehören Möbel (Kleidungsschrank, Sofa, Tisch, Stühle, Kinderbett) und Haushaltsgegenstände (Alltagsgeräte, Petroleumlampe, Waffeleisen, Backblech mit einem Untersetzer, Geschirr, Handarbeitsmuster). Gesammelt wurden auch Muster der verwendeten Baumaterialien wie   Backsteine, „Saman“, Dachziegel, Holzrahmen mit Fensterscheiben,  und auch besondere Dachmaterialien – „Ternit“ und Holzschindeln. Die Dachziegel und Backsteine sind teilweise mit einem Zeichen versehen: Zum Beispiel “Neu Jork Dick”, “Fabriker Wiese”, “W”. Das heißt, dass sowohl Materialien von den damals verhältnismäßig großen Fabriken genutzt wurden, als auch von kleineren Werken, die es praktisch in jeder Siedlung gab. Darüber hinaus enthält unsere Sammlung Bauwerkzeuge und landwirtschaftliche Geräte. Eine ganze Anzahl von Fotos erzählt vom Leben in den damaligen deutschen Dörfern.

Kultur und Lebensweise der deutschen Kolonisten des nördlichen Vorasowgebiets erwiesen sich so gefestigt in ihrem Kern, dass sie sich auf verschiedene Weise bis jetzt auswirken, obwohl schon seit einem halben Jahrhundert das Leben einen ganz anderen Lauf geht. Nach der besonderen Einladung der Herrscherin des russischen Imperiums Katharina II. auf freien Böden angekommen, waren die Deutschen sehr gute und liebevolle Wirtschafter, errangen viel Erfolg im Ackerbau. Außerdem haben sie einen neuen Hausbautyp eingeführt, wofür örtliche Rohmaterialien benutzt wurden. Und das Wichtigste ist, dass die Kolonisten zu vollberechtigten Bürgern ihrer für sie neuen multinationalen Heimat geworden waren.  Sie haben nicht nur eine bestimmte Zeit lang ihre Sprache und Sitten bewahrt, eigneten sich aber auch die Nachbarkultur an. Im Laufe der ganzen Zeit gab es keine internationalen Konflikte oder Fehden. Mit der Bildung der sowjetischen Macht aber, und zwar zur Zeit der Kollektivierung seit Ende der 1920er Jahre, und dann während der Repressalien 1937 wurde der deutschen Bevölkerung ein unersetzbarer Schaden zugefügt. Kulmination der Unterdrückung, infolge deren die deutsche Volksgruppe fast vernichtet wurde, waren die Pauschalverurteilung von 1941 und die illegale Verschleppung nach Sibirien und Kasachstan.

Mit dem Wachstum der Archive und Sammlungen ist es möglich geworden, eine Reihe von historisch-ethnografischen Ausstellungen zum Thema der deutschen Kolonien durchzuführen. Die erste Ausstellung “Die Splitter des Gedächtnisses” wurde 1998 vom Verband der deutschen Kultur (Makejewka) und dem Donezker Landekundemuseum organisiert. Es war die erste Ausstellung im Donezkgebiet, die das Thema der Geschichte, Kultur und Schicksale deutscher Siedlungen sowie deren Bewohner aufgriff. Zum ersten Mal wurde den Besuchern eine Landkarte mit der Bezeichnung der ehemaligen deutschen Kolonien präsentiert.

Schon im darauffolgenden Jahr fand im Landeskundemuseum Donezk die nächste Ausstellung statt, im Jahr 2000 eine weitere im Stadtmuseum von Makejewka, beide unter dem Namen “Die Splitter des Gedächtnisses”.

Im April 2003 eröffneten wir die Ausstellung „Unterbrochenes Lied... Deutsche Kolonien im Südosten der Ukraine: Geschichte, Kultur, Schicksale“. Sie war dem 200jährigen Jubiläum der Ankunft der deutschen Kolonisten im Süden der Ukraine und auch der Gründung der  sogenannten Mariupoler Kolonien vor 180 Jahren gewidmet. Gestaltet wurde die Ausstellung gemeinsam vom Verband der deutschen Kultur und dem Donezker Künstlerverband mit Unterstützung der Kulturabteilung der Gebietsverwaltung Donezk  und der Stiftung “Gesellschaft für Entwicklung” in Odessa. Wir knüpften damit an die vorherigen Ausstellungen an und zeigten Werke der Malerei, Grafiken, Plastiken, Fotographien und Zeugnisse der Ethnografie. Mit dieser „Gedächtnis- und Nachdenk-Ausstellung“ bezweckten wir, anhand der tragischen Geschichte der hiesigen deutschen Bevölkerung zu zeigen, wie zerbrechlich die Welt ist. Unterdrückung und Gewalt verursachen nicht nur das Leid einzelner Menschen, sondern zerstören ein Gemeinwesen und fügen auch der Natur großen Schaden zu. Weitere Ausstellungen folgten, beispielsweise die Kunstausstellung „Nicht vom Brot allein“.

Wir hoffen, daß sich aus den bisherigen Sonderausstellungen zukünftig eine dauerhafte Präsentation in einem Museum in unserer Region einrichten lässt.  So bewahren wir nicht nur das  Überlieferte einer Volksgruppe, die eine helle Spur in der Geschichte hinterlassen hat, sondern stellen auch die künstlich unterbrochenen Zusammenhänge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieser multinationalen Gegend wieder her.   

Leider muss man mit großer Bestimmtheit feststellen, dass die traditionelle ländliche deutsche Kultur in dieser Gegend für immer verloren ist. Als Beweis dient der ungeschickte Versuch der deutschen Ansiedlung 1991 unter dem spekulativen Motto der Wiederkehr der Deutschen in die Ukraine und die Gründung der Deutsch-Ukrainischen Stiftung. Es gibt ein Unterstützungsprogramm für die deutsche Bevölkerung seitens der deutschen Regierung. Dessen Realisation lässt viele Fragen offen, die auch mit dem aktuellen Zustand der deutschen ethnischen Gemeinschaft in der Ukraine und insbesondere im Südosten des Landes zu tun haben. Es sind Fragen, die somit weit über  den Rahmen dieses Artikels hinausführen, aber durchaus erörtert werden müssen.

Nikolai Schischkin ist Vorsitzender des Verbandes der deutschen Kultur e.V., Makejewka, Ukraine, und als selbstständiger Unternehmer Organisator von Kulturveranstaltungen.

Zum Studium ins Land der tausend Gesichter

Ein Gespräch mit IVAN MOLNAR, Moskau

Herr Molnar, in Mecklenburg sind Sie zum VDA gestoßen, haben sich dann nach Thüringen verabschiedet, und in Russland finde ich Sie jetzt wieder. Wie erklären Sie das?

Ganz einfach: Es spricht für den GLOBUS!

Bodenständigkeit ist offenbar nicht Ihre Stärke?

Moskau ist jetzt meine 8. Stadt, und ich bin ein Mensch, der bereit ist, sehr viel kennenzulernen und auch den Wohnort zu wechseln. Moskau ist der erste Wohnort in meinem Leben, wo ich mich wirklich zu Hause fühle.

Aber Ihr bisheriger Weg ist geprägt durch den Beruf Ihrer Eltern.

Ja, denn meine Eltern arbeiten im Theater. Meine Mutter stammt aus der Slowakei und ist Opernsängerin, mein Vater, ein Oldenburger, ist Opernregisseur. In dieser Branche ist es üblich, daß man nach spätestens fünf Jahren das Theater wechselt.

Geboren bin ich in Bratislava in der Slowakei – auf deutsch Preßburg – und bin mehrsprachig aufgewachsen: Slowakisch, Tschechisch, Ukrainisch habe ich durch meine Oma gelernt, dann lernte ich Deutsch in Meiningen, wohin wir 1986 gezogen waren. Russisch sprach ich eigentlich nur sehr wenig. Intensiverer Kontakt und somit das Interesse an Russland entstand erst in Schwerin durch russlanddeutsche Aussiedler.

In Schwerin wurden Sie auch auf den VDA aufmerksam.

Die Schweriner Volkszeitung berichtete damals über den VDA, das hat mich natürlich sehr interessiert. Ich hatte mich nach dem Abitur 2003 für den „Anderen Dienst im Ausland“ entschieden, einen sozialen Dienst anstelle des Wehrdienstes. Diesen  leistete ich an einer Waldorf-Schule in Jaroslawl, an der Wolga gelegen. Und ich spürte dort sehr schnell, daß  Russland mein Zuhause werden könnte.

Zunächst folgten aber solide Lehrjahre in Thüringen!

Stimmt, meine Ausbildung zum Hotelfachmann in Erfurt. Mir war aber bald klar, daß dieser Beruf nicht das Richtige für mich ist – die Arbeitsbedingungen sind im Verhältnis zu dem geringen Verdienst absolut nicht toll. Die Arbeit dort in der Wirtschaftsabteilung hat mir aber gut gefallen, also sah ich mich in diesem Bereich genauer nach meinen Möglichkeiten um. Einen Studienplatz in Deutschland zu bekommen, erschien mir wenig aussichtsreich. Und da es mich ohnehin nach Russland zog, überlegte ich, dort auch zu studieren. Im Internet stieß ich auf die ATISO in Moskau, das ist die „Akademie für Arbeit und Soziale Beziehungen“, wo ich jetzt studiere: Betriebswirtschaftslehre in der Fachrichtung Buchhaltung und Rechnungswesen.

Und, was lässt sich bis jetzt nach drei Semestern sagen?

Am Anfang stehen allerlei bürokratische Hürden: Zeugnisse müssen übersetzt, geprüft und anerkannt werden, Visum und Erlaubnisse sind zu beantragen, man braucht Ausdauer und Nerven. Aber es geht!

Die ATISO hat mir von Anfang an gut gefallen. Das Gebäude ist modern. Ich bin an der Fakultät für Finanzen und Versicherungen. Die Studiengebühren liegen bei 2000 Euro im Jahr, das ist im Rahmen meiner Möglichkeiten. Klasse finde ich, daß der Rektor für die Studenten persönlich erreichbar ist und auch Deutsch spricht. Ebenso erlebe ich die Professoren hilfsbereit und mit einem offenen Ohr für uns Studenten. Wie man die Angebote nutzt, kommt natürlich auf jeden selber an. Hier wie überall gibt es Kommilitonen, die Vorlesungen schwänzen oder stören. Solchen hilft auch die beste Uni der Welt nichts.

Moskau ist groß. Wo ist die ATISO zu finden?

Moskau hat um die 12 Millionen Einwohner – eine quirlige, laute Stadt mit immensem Autoverkehr. Die ATISO liegt im Südwesten fast am Stadtrand, aber in U-Bahn-Nähe. Das Studentenwohnheim befindet sich direkt daneben. Ich miete aber eine Ein-Raum-Wohnung, denn im Wohnheim wäre es mir zu eng. Immerhin will ich fünf Jahre hier studieren. Ich zahle dafür 400 Euro im Monat. Das ist für Moskau noch sehr billig.

Welche Rolle spielt die Fremdsprachenausbildung im Studium?

Am Lehrstuhl für Fremdsprachen wird in erster Linie Deutsch, Englisch und Französisch angeboten. Es gibt sehr wenige, die als erste Fremdsprache nicht Englisch nehmen. Wenn man zum Beispiel Volkswirtschaft studiert, dann sind zwei Fremdsprachen Pflicht. Da wählt die Mehrzahl Deutsch, soweit ich das mitbekomme. Das Interesse der Studenten an Deutsch kommt auch von den guten Kontakten der ATISO zu den deutschsprachigen Ländern.

Sind Sie ein Exot unter den Studenten?

Mit mir sind es drei Deutsche, ich bin aber der einzige Deutsche und überhaupt westliche Ausländer, der komplett hier studiert. Das hat es eigentlich noch nie gegeben. Austauschstudenten sind hier natürlich eine größere Zahl anzutreffen, vor allem aus Asien. Ebenso Studenten aus den verschiedenen russischen Republiken und Regionen. Dazu muß man sich klarmachen, daß Moskau nach wie vor eine Ausnahmestellung hat, die erinnert noch etwas an die sozialistischen Zeiten. Die Lage in den Regionen bessert sich aber, auch hinsichtlich der Studienmöglichkeiten.

Was raten  Sie deutschen Studenten, die sich für Moskau interessieren?

Offenheit für neue Kulturen! Meine Meinung ist die: Wenn man möchte, daß alles so ist wie in Deutschland, dann braucht man nicht ins Ausland zu gehen, weder nach Russland, noch nach China, noch in die USA. Das eine oder andere ist für manchen sicherlich neu, wie die Pünktlichkeit, auf die hier nicht so großer Wert gelegt wird. Auch deutsche Wörter wie „sofort“ oder „morgen“, müssen in der russischen Version nicht unbedingt „sofort“ oder „morgen“ bedeuten. Aber im Laufe der Zeit kommt man auch damit zurecht.

Dann haben Sie schnell auch schon Freunde gefunden?

Das ist nicht schwierig. Man merkt einfach, das Interesse ist groß, und wenn man sich aufgeschlossen zeigt, dann bekommt man auch Offenheit und Gastfreundschaft geschenkt.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Sehr gern bin ich im Zentrum Moskaus unterwegs. Der Rote Platz ist immer wieder ein Erlebnis. Es ist mit Worten gar nicht zu beschreiben, man muß einfach dagewesen sein. Dort ist auch das große Kaufhaus GUM -Glawny Uniwersalny Magasin-, Moskaus größtes Kaufhaus.

Was reizt Sie an einem Einkaufsbummel im Kaufhaus?

Moment! Was natürlich kaufen betrifft, so ist das Zentrum Moskaus teurer als in Deutschland. Ich schaue mir einfach alles an. Da ist das Motto eher: Sehen und gesehen werden. Auch der sogenannte Arbat, unsere Fußgängerzone, ist immer einen Besuch wert. Es ist ein Künstlerviertel. Hier treffen Sie auf die Straßenmaler. Auch das Puschkin-Museum ist sehenswert.

Moskau und Russland sind zweierlei. Haben Sie schon einen Blick ins Land riskiert?

In den Sommerferien hat mich Sotschi sehr gereizt, 2000 km entfernt am Schwarzen Meer. Mit Russland verbindet man als Deutscher ja immer Winter, Schnee, eisige Kälte…

In Sotschi herrscht ein total anderes, subtropisches Klima. Die Stadt ist eine wirklich große Schönheit,  alles dort macht einen renovierten Eindruck, Palmen prägen das Bild, das Meer – und ganz nah sind die Berge des Kaukasus. Eine wunderschöne Landschaft! Russland ist tatsächlich ein Land der tausend Gesichter. Um die alle zu entdecken, muß man hier leben und zwar viele Jahre!

Das Stichwort „Heimweh“ brauche ich offenbar gar nicht erst anzusprechen.

Ich bin jetzt ein Jahr schon nicht mehr in Deutschland gewesen und ich spüre kein Heimweh, da ich mich in Russland so zuhause fühle.

Trotz aller Begeisterung wird es doch etwas geben, was Ihnen überhaupt nicht gefällt.

Das Thema Wohnen ist schon ein Problem, vor allem die unkontrollierten Auswüchse bei den Preisen. Die soziale Absicherung ist nicht mit der in Deutschland vergleichbar. Aus Sicht meiner Altersklasse könnte der Staat auch mehr für die Jugend tun. An vielen Universitäten sind die Studiengebühren abschreckend hoch.

Wie kamen Sie dazu, über den Rundfunk zum russischen Volk zu sprechen?

(lacht) Dann erzähle ich mal kurz, wie ich diesen Moderator überhaupt kennenlernte, das war noch in Jaroslawl. Da gab es eine Musiksendung, in der man sich alte russische Schlager wünschen konnte. Ich rief an, und während des Gesprächs mit dem Moderator erwähnte ich, daß ich aus Schwerin bin, und er sagte: „Mensch, ich hab’ ja in Wismar gedient zu Sowjetzeiten“. Irgendwann verabredeten wir uns und entwickelten die Idee, meine Geschichte in einer Radiosendung zu erzählen. Das war im Dezember 2007 - eine Stunde lang, während der mir die Zuhörer auch Fragen stellen konnten über Telefon und Internet.

Die zweite Sendung war am 7. Mai 2008, kurz vor dem Jahrestag des Kriegsendes, an dem in Russland der Sieg gefeiert wird. Die deutsch-russischen Beziehungen waren das Thema. Ich bin darauf eingegangen, daß auch Deutschland im Krieg sehr gelitten hat, aber die Zeiten sich geändert haben und die Deutschen ein weltoffenes und reiselustiges Volk sind. In der Sendung durfte ich einige Musikstücke spielen lassen, dafür habe ich alte Lieder aus dem Deutschland und Österreich der „Goldenen Zwanziger Jahre“ ausgesucht, von Robert Stolz oder dem Tenor Joseph Schmidt: „Heimatland – wenn ich einmal dich wiederseh’, Heimatland – warum mußte ich von dir geh’n…“ Ja, das war in ganz Russland zu hören. „Russischer Nachrichtendienst“ heißt der Sender wörtlich übersetzt, in Moskau.

Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach dem Studium? Ich habe den Eindruck Sie haben in Russland Ihr ganz persönliches „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ gefunden.

Ich bleibe in jedem Falle hier. Ich muß wirklich sagen, nach Deutschland zurückzukehren, wäre für mich ein riesengroßer Fehler.

Sie wollen so ohne weiteres nach Russland auswandern? Wie steht es um die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis?

Russland ist durchaus ein Land der Bürokratie. Ich hoffe, daß ich es eines Tages mit einem russischen Diplom einfacher habe, ein Arbeitsvisum zu bekommen. Firmen, die ausländische Arbeitnehmer einstellen und Erfahrungen mit der Migrationsbehörde haben, helfen einem dabei. In den mich interessierenden Branchen – Wirtschaftsprüfung oder Investment Banking – dürfte es aus heutiger Sicht nicht so schwierig sein wie in anderen Bereichen. Wenn man mit dem Herzen dabei ist, ist auch die Bürokratie überwindbar.

Das Gespräch mit Ivan Molnar führte Dr. Wolfgang Betz.

Ein Gruss aus Argentinien!

Von Klaus Andriessen, Buenos Aires

 

Liebe Leserinnen und Leser des GLOBUS,

wie so oft im Leben, unterbrechen sich selbst sehr gute Kontakte zueinander, und hinterher weiss dann keiner so recht warum. Eigentlich ist das auch egal, denn die verlorene Zeit ist sowieso nicht wieder aufzuholen. Es gilt nach vorne zu schauen und positive, machbare Ziele anzusteuern. In diesem Sinne möchten wir Ihnen liebe Leser kurz berichten über einen Teil dessen was uns aus der hiesigen deutschsprachigen Gemeinschaft, im Sinne eines möglichen Zusammenhalts,  beschäftigt.

Abgesehen von einer stattlichen Anzahl deutsch-argentinischer Sportvereinen, in denen mehr oder weniger die Mitglieder noch die deutsche Sprache pflegen, aber trotzdem ihre Verbundenheit zum Land ihrer Vorfahren stolz bekunden und als solche angesehen werden, haben wir hier eine ebenso stattliche Zahl deutsch-argentinischer Schulen wo Deutsch als erste Fremdsprache gelehrt wird. Abgesehen von mehreren anderen kulturellen Institutionen und vielen Firmen, die mit in Deutschland ansässigen Firmen verbunden sind. Das deutsche Wesen und Deutschland als solches hat hier im Lande den besten Ruf. Um nur einiges zu nennen, was uns vom DEUTSCH-ARGENTINISCHEN KULTUR- UND SPORTVERBAND (DAKSV) zur Zeit für die nähere Zukunft beschäftigt, ist folgendes:

-         Der Sportverband, (um das hier gebrauchte “Kürzel” zu nennen) wurde bereits am 22. Mai 1926 gegründet, um die damals schon seit Jahrzehnten bestehenden Institutionen deutschstämmiger und deutschsprachiger Gemeinschaften zu koordinieren und zu vertreten. Der Ruderklub Teutonia wurde im Jahre 1890 gegründet, der Neue Deutsche Turnverein im Jahre 1915, Deutscher Turnverein Villa Ballester und Deutscher Turnverein Quilmes Anfang der zwanziger Jahre, D.T. Lomas de Zamora in den vierziger Jahren. Der Deutsche Klub in Mendoza ist auch schon weit über die 100 Jahre alt.

-         In diesem Moment bereiten wir unser schon zur Tradition gewordenes alljährliches FEST DER JUGEND vor, welches wohl das grösste und wichtigste Sportfest unserer hiesigen Gemeinschaft ist und welches das erste Mal im Jahre 1930 stattfand. Im Durchschnitt kommen da rund 5000 Personen zusammen, von denen mehr als die Hälfte Schüler von rund 20 deutsch-argentinischen Schulen im Alter von 9 bis 16 Jahren sind. Einige kommen von weit her (ca. bis zu  1500 Km). Dieses Fest der Jugend findet jedes Jahr in einem anderen deutschen Sportverein statt. Das Programm ist ganztägig. Am Vormittag werden Leichtathletik-Proben absolviert. Es findet ein 50- oder 100-Meter-Lauf statt, dann Kugelstossen, Schleuderballwurf und Weitsprung, alles im Rahmen des Deutschen Sportabzeichens. Dann haben wir noch am Vormittag das Bodenturnen. Am Nachmittag dann, der sportliche Höhepunkt des Tages, der mit sehr viel Interesse und Spannung  aller Anwesenden erwartet wird: Die Staffelläufe. Danach noch der Bunte Rasen mit Turn- und Volkstanzvorführungen mit einer grossen Anzahl Schüler, die sich für diesen Auftritt extra vorbereitet haben, und vieles mehr. Verstreut auf dem ganzen Klubgelände findet man jede Art von “Buden” die leckere  Imbisse  anbieten: Würstchen, gegrillte Hamburger, Kartoffelsalat mit Sauerkraut und Weisswurst (hier in bester Qualität!!!), Salate, auf dem Rost gegrillte Würstchen und leckeres Fleisch vom Rost auf Brötchen, jede Art Getränke, auch Bier für die Erwachsenen, Waffeln, Pfannkuchen, und Speiseeis als Nachtisch, und so Mancherlei was ein Jugendherz (und Magen) erfreuen könnte.

-         Einer unserer Turnvereine, der Deutsche Turnverein Villa Ballester, verfügt über ein sehr schönes überdachtes Stadion in dem rund 5000 Personen Platz haben. Da konnten wir schon mit viel Erfolg und Applaus eine schöne Gymnastik-Gala-Schau von Schülern und Schülerinnen vorführen, die von sich Reden machte. Dies soll wiederholt werden.

-         Weiterhin koordinieren wir alljährlich die Abwicklung des Deutschen Sportabzeichens und die diversen Schwimmabzeichen nach den Normen der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft, und versuchen auch, diese an rein argentinischen Schulen einzuführen, denn Sport ( Breitensport im allgemeinen, Leichtathletik und Schwimmen) sind nicht nur unserer Meinung nach, Grundpfeiler einer gelungenen Erziehung, die ganz selbstverständlich der Gemeinschaft zugute kommt in der und von der wir leben.

-         Des weiteren bereiten wir zur Zeit ein gemeinsames Weihnachtsfest vor. Gemeinsam, im Rahmen der uns angeschlossenen Sportvereine und kulturellen Institutionen.

-         Als einen weiteren beachtlichen Erfolg dieses Jahres sehen wir die Vereinbarung aller uns angeschlossenen Vereine und Institutionen,  dass jedes ordentliche Mitglied des einen auch Benutzungs-Mitgliederrechte in den anderen uns angeschlossenen Vereinen hat, selbstverständlich mit geringen Ausnahmen, wie z. B. das Wahlrecht.

-         Für das Turnfest Frankfurt 2009 im Mai/Juni treffen wir bereits Vorkehrungen. Es ist unser Ziel, dass sich in der “Gruppe 50 Plus” aktive Sportler beteiligen. Leider sind zu dieser Zeit hier keine Schulferien, abgesehen von der Wirtschaftslage und der für uns mehr als ungünstigen Währungsdifferenz, die letzten Endes auch ausschlaggebend sind.

-         Zu den letzten hervorzuhebenden Aktivitäten zählt die Einweihung einer vollkommen renovierten Kegelbahn im Deutschen Turnverein Quilmes mit mehr als 100 Teilnehmern. Verschiedene Wanderungen wurden unternommen, sowie eine erfolgreiche Radtour, bei der lokale Gedenkstätten besucht wurden, an denen uns Historiker das Wissenswerte dieser Ehrungen erklärte. Buenos Aires und Umgebung ist reich an Sehenswertem. Nicht nur das Tigre-Delta (ein so genanntes Inlanddelta) mit seinen rund 2000 Km Wasserstrassen und Hunderten von Inseln bildet ein Paradies für sich.

 

Liebe Leserinnen und Leser des GLOBUS, dies soll Ihnen einen kleinen Überblick geben von dem, was unsererseits vom DEUTSCH-ARGENTINISCHEN KULTUR UND TURNVERBAND getan wird, und wir hoffen ab jetzt weiterhin laufenden Kontakt zu pflegen. Denn, um das was wir hier Deutschtum nennen zu erhalten, brauchen wir einen “Brückenkopf” in Deutschland, und da dürfte wohl der “VEREIN FÜR DEUTSCHE  KULTURBEZIEHUNGEN IM AUSLAND” die beste Adresse sein, denn durch das Ausbleiben deutscher Einwanderer fehlen uns trotz aller Globalisation Kulturträger des Deutschlands von heute. Ein wichtiger Faktor um ”am Ball zu bleiben”.

 

Klaus Andriessen ist Pressewart des Deutsch-Argentinischen Kultur- und Sportverbands in Buenos Aires.

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