Globus 4/2006 - Inhalt


Editorial                                                  

Aktuelles
Neuer VDA-Verwaltungsrat gewählt

125 Jahre VDA
Positive Bilanz: VDA-Hauptversammlung        
Grußworte
Festliche Jubiläumsveranstaltung in München 
Dr. Tammo Luther:
Festvortrag „125 Jahre VDA“
Gustav Binder: "Für ein paar Stunden Heimat"
Deutsche aus aller Welt zu Gast in Bad Kissingen

Minderheiten
Dr. Johann Hager: Deutsche – Deutschstämmige – Deutschrumänen

Schulen
Werner Grünthal: „Bewährtes erhalten – die Zukunft gestalten“. Kongress des Weltverbandes Deutscher Auslandsschulen (WDA) in Kapstadt               

Jugendaustausch
Deutsche Jugend Lemberg zu Gast in Bayern
Monika Braun-Schoerers 17. Gastschüler   

Reportage
Ernst Meinhardt: „es erinnert mich an meine Jugend“. Besuch im einzigen deutschen Gottesdienst, den es in Lothringen noch gibt                 

Brief aus Brasilien
Vize-Gouverneur Dr. Antonio Hohlfeldt über die deutsche Kultur in Süd-Brasilien heute    

Bücher
Martin Schmidt: Reise zu den Deutschen im Osten Europas       
VDA-Kalender 2007: Historische Gasthäuser in Deutschland                        

Aus den Landesverbänden
Sachsen: VDA-Forum 2006 in Dresden über die Verbreitung des Namens der sächsichen Landeshauptstadt in der Welt    
Baden-Württemberg: Mitgliederversammlung u. Rechenschaftsbericht  

Leserbriefe                        

 

Editorial

Liebe Globus-Leser!

Die Festveranstaltung zum 125-jährigen Bestehen des VDA in München hat dokumentiert, welches Ansehen der VDA bei höchsten Repräsentanten unseres Staates genießt, wie groß die Verbundenheit zwischen den deutschsprachigen Gemeinschaften in der Welt mit dem VDA ist und dass der VDA Ziele und Ideale verfolgt, die in die Zukunft gerichtet sind. In dieser Ausgabe des Globus sind die Grußworte dokumentiert, die Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert MdB, der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Staatssekretär Dr. Christoph Bergner und der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, Staatsminister Eberhard Sinner dem VDA namens des Deutschen Bundestages, der deutschen Bundesregierung und der bayerischen Staatsregierung übermittelt haben. Dieser Zuspruch macht Mut, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen, lebendige Brücke zwischen Deutschland und den Deutschen in aller Welt zu sein. Es war mehr als eindrucksvoll, dass wir in München Repräsentanten deutscher Gemeinschaften aus Polen, Russland, der Tschechischen Republik, aus Ungarn und Rumänien, aus Australien, der Republik Südafrika, Namibia, Kanada und den USA begrüßen konnten. Die in aller Welt lebenden deutschsprachigen Gemeinschaften setzen darauf, dass der VDA auch heute und morgen treuer Sachwalter der berechtigten Anliegen unserer deutschen Landsleute in aller Welt bleibt.

Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert MdB hat in seinem Grußwort auf die Bedeutung der deutschen Sprache für die deutsche Identität hingewiesen und zu Recht einen Verfassungsrang für die deutsche Sprache eingefordert. Inzwischen steht der VDA mit seinem Einsatz für die Bewahrung der deutschen Sprache nicht mehr allein. Die Initiative der weltbekannten deutschen Sopranistin Edda Moser für ein "Festspiel der Deutschen Sprache" dokumentiert, wie sehr sich inzwischen auch Künstler gegen die zunehmende Verwahrlosung im Umgang mit unserer Sprache engagieren. Ziel des "Festspiels der Deutschen Sprache" ist es, die Schönheit und Kraft der deutschen Sprache wieder ins Bewusstsein zu rücken. Nachdrückliche Unterstützung erhält diese von Künstlern getragene Initiative durch den langjährigen Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl. In Zeiten der Globalisierung erscheint es manchen modisch und weltläufig überall Anglizismen einzustreuen. Fehlerhafte Grammatik, unverständliche Abkürzungen und kuriose Wortzusammensetzungen prägen zunehmend den Sprachgebrauch in unserem Land. Umso wichtiger ist es, dass sich eine starke Bürgerbewegung gebildet hat, die mit unterschiedlichen Mitteln diesen Tendenzen entgegenwirkt. Sprachforscher, prominente Persönlichkeiten und Verleger machen auf den Verfall der deutschen Sprache aufmerksam und warnen vor den Folgen, wenn wir unsere eigene Sprache verlernen. Eine Dokumentation im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" vom Oktober dieses Jahres ist dafür ein deutliches Beispiel. Dabei sollte doch allen Deutschen klar sein: Wenn wir in unserer Sprache nicht mehr zu Hause sind, verlieren wir mehr als nur Worte sondern verlieren wir auch unsere kulturelle Identität! Deshalb sind wir alle aufgefordert, in der Familie, den Schulen, den Medien und natürlich auch in der Politik mit unserer Sprache sorgfältig und im Bewusstsein für ihren Reichtum und ihre Ausdrucksstärke umzugehen. Auch in Europa ist die deutsche Sprache immer mehr auf dem Vormarsch. Insgesamt 16,7 Millionen Menschen lernten im Jahr 2005 an Schulen, Universitäten und Sprachschulen Deutsch als Fremdsprache, so der jüngste Bericht zur auswärtigen Kulturpolitik. Damit ist Deutsch seit der Erweiterung der Europäischen Union nach Osten mit 63 Millionen Menschen die Deutsch sprechen, außerhalb des deutschsprachigen Sprachraums zur zweitwichtigsten Fremdsprache nach Englisch in Europa geworden. Der größte Teil von Deutsch lernenden und sprechenden Europäern lebt in Mittel- und Osteuropa.

Wir sehen also: Es lohnt sich, im VDA für die Bewahrung der deutschen Sprache und Kultur in den deutschen Gemeinschaften in aller Welt einzutreten. Unser 125-jähriges Bestehen sollte uns anspornen, weiterhin unsere Pflicht zu erfüllen.

Herzlichst
Ihr Hartmut Koschyk
VDA-Bundesvorsitzender

Brücke zu den Deutschen in aller Welt

Mit einem Festakt im Sudetendeutschen Haus in München hat der VDA sein 125-jähriges Bestehen gefeiert

Zur Begrüßung spielte das junge ungarndeutsche Stefan-Valentin-Quartett aus Budapest einen Satz aus Joseph Haydns Quartett Nr. 79. Danach trat der VDA-Bundesvorsitzende Hartmut Koschyk MdB auf die Bühne und hieß die fast 200 Gäste aus aller Welt im Festsaal des „Sudetendeutschen Hauses“ herzlich willkommen. Viele von ihnen hatten eine weite Anreise auf sich genommen, um in München dabei sein zu können, darunter Frau Dr. Renate von Ludanyi, Präsidentin der „German Language School Conference“ aus den USA, Tony Bergmeier und Ernst Friedel aus Ontario, Kanada, Dr. Meinhard Uken aus Südafrika, Günter Körner aus Australien, Dr. Friedrich Kauder aus Brasilien, Olga und Heinrich Martens aus Moskau, Heinrich Kroll aus Oberschlesien. Der VDA verstehe sich als Bindeglied zwischen Deutschland und den Landsleuten im Ausland, sagte Hartmut Koschyk. Bis heute lebten ca. 14 Millionen Deutsche in Ost- und Mitteleuropa, in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, im westlichen Europa, auf dem nordamerikanischen Kontinent, in Mittel- und Südamerika und in Australien. Der VDA leiste zwischen ihnen „lebendige Verständigungsarbeit“ und werde diesen „Dienst an unserem Vaterland“ auch in Zukunft mit Mut und Zuversicht fortsetzen. „Nur wer sich seiner Herkunft bewusst ist, kann für andere Völker und Kulturen offen sein“, erklärte Koschyk.

Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert hatte ein Grußwort gesandt. Das Engagement des VDA zeige, erklärte der Bundestagspräsident, „wie wichtig in unserem Land die überfällige Debatte über gemeinsame kulturelle Wurzeln, die gemeinsame Geschichte und gemeinsame religiöse Werte und Traditionen ist. Jede Gesellschaft braucht eine Verständigung über ihre Fundamente, ihre Herkunft und ihre Orientierungen“. Für die Bundesregierung gratulierte Staatssekretär Dr. Christoph Bergner, Beauftragter für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Die Zeugnisse deutscher Kultur im Ausland müssten „von uns Deutschen gepflegt und für die Zukunft bewahrt werden“, forderte der Staatssekretär. Ausdrücklich lobte Bergner die „Pionierleistungen“, die der VDA nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in Russland vollbracht habe. Dort seien Idealismus, Mut und Tatkraft bewiesen worden. Staatsminister Eberhard Sinner, Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, überbrachte Glückwünsche von Bayerns Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber. Der VDA sei zwar in Berlin gegründet worden, habe aber auch tiefe Wurzeln in Bayern, sagte der Staatsminister. Er dankte dem Bundesvorsitzenden Hartmut Koschyk und allen Mitgliedern für ihr unermüdliches Engagement. „Alles Gute und Gottes Segen dem VDA“, schloss der Staatsminister.

Den interessanten Festvortrag hielt der junge Historiker und Verlagslektor Dr. Tammo Luther. Luther schilderte die bewegte Geschichte des VDA, der 1881 als „Allgemeiner Deutscher Schulverein“ gegründet worden war, um die im Ausland lebenden deutschsprachigen Gemeinschaften bei der Bewahrung ihrer muttersprachlichen und kulturellen Identität zu unterstützen. Ende der 20er Jahre zählte der Verein über alle parteilichen, gesellschaftlichen und konfessionellen Grenzen hinaus mehr als 2 Millionen Mitglieder. 1938 wurde er von den damaligen Machthabern gleichgeschaltet. Zehn Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges entschlossen sich engagierte Deutsche aus unterschiedlichen politischen Lagern und gesellschaftlichen Schichten zu einer Wiedergründung des Vereins in München. Zu den Gründungsvätern zählten u.a. der Bayerische Ministerpräsident Dr. Wilhelm Högner (SPD), der bayerische CSU-Politiker Dr. Alois Hundhammer, der langjährige Vorsitzende des DGB-Landesbezirks Bayern Max Wönner und der Industrielle Dr. Rudolf Rodenstock.

Heute verstehe sich der VDA als Brücke zwischen den in aller Welt lebenden Deutschen und der Bundesrepublik Deutschland, sagte Hartmut Koschyk, seit 1994 VDA-Bundesvorsitzender, in seinem Schlusswort. Die Förderung und Pflege der deutschen Sprache und Kultur und die Unterstützung deutscher Gemeinschaften in aller Welt seien die Hauptziele des VDA. Immer wichtiger werde aber auch der Schüleraustausch, der jährlich 300 Jugendlichen aus dem Ausland einen Aufenthalt in Deutschland und nahezu der gleichen Zahl junger Deutscher einen Aufenthalt im Ausland ermögliche, so Bundesvorsitzender Koschyk.

Frau Dr. Julie Kohlrausch aus Bremen und Ilse Mühlenbruch aus Köln wurden für ihre langjährige aktive Mitgliedschaft mit Blumen geehrt und erhielten viel Beifall. Frau Mühlenbruch schnitt die Geburtstagstorte „125 Jahre VDA“ an. Ernst Friedel und Tony Bergmeier vom Deutschkanadischen Kongreß überreichten Hartmut Koschyk eine Gedenktafel als bleibende Erinnerung an das Jubiläum. Frau Zeisig und Herr Züfle boten an einem Tisch Bücher und VDA-Souvenirs an. Anton Gassenberger vom VDA-Landesverband Baden-Württemberg hielt die gesamte Veranstaltung in Bild und Ton fest (der Film ist als Video oder DVD erhältlich). Der anschließende Empfang im „Sudetendeutschen Haus“ bot den Gästen aus aller Welt Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen, alte und neue Bekannte zu treffen und ihre Erfahrungen auszutauschen. Das Stefan-Valentin-Quartett sorgte für die musikalische Umrahmung.

 

Deutsche - Deutschstämmige - Deutschrumänen

Eine notwendige Klarstellung

So erfreulich eine zunehmend häufige Berichterstattung über Siebenbürgen in deutschen Zeitschriften zu beobachten ist, so wenig befriedigend ist die darin oft anzutreffende unrichtige Vorstellung der Siebenbürger Sachsen als „deutschstämmige Einwohner" bis hin zu „Rumänen deutscher Abstammung". Dr. Johann Hager hat sich mit dem siebenbürgisch-sächsischen Nationsbegriff beschäftigt.

Die falschen Darstellungen in den Medien sollten wir nicht einfach resigniert hinnehmen mit der Feststellung leider mäßiger Geschichtskenntnisse der Nachkriegsgeneration, besonders über die östliche Hälfte Europas. Auch der konfus verwendete Begriff der „Integration“ von fremdländischen Einwanderern hat dazu geführt, dass Staats- und Volkszugehörigkeit in Deutschland nicht mehr unterschieden werden. Unter „Nationalität“ haben wir in Siebenbürgen immer die Volkszugehörigkeit verstanden. Das war die naturgegebene Gemeinschaft, in die man hineingeboren wurde. Sie war eine selbstverständliche und dauerhafte Eigenschaft eines jeden Individuums und streng zu unterscheiden von der oft wechselnden Staatsangehörigkeit. Diese war eine Rechtsnorm und keine Naturkonstante.

Die Siebenbürger Sachsen sind weder „deutschstämmige Einwohner“ noch „Deutschrumänen“, wie sie in bundesdeutschen Medien zuweilen genannt werden, sondern sie waren und sind seit unserer Ansiedlung im 12. Jahrhundert bis heute schlicht und einfach nur Deutsche oder Siebenbürger Sachsen. Als solche werden sie auch von den in diesem Land lebenden Rumänen und Ungarn angesprochen. Die Ansiedlung unserer Vorfahren geschah unter Zusicherung besonderer Freiheiten, die im so genannten „Goldenen Freibrief“ von 1224 bestätigt wurden, dem weitestgehenden Siedlerrecht in ganz Osteuropa. Diese Autonomie konnte über Jahrhunderte bewahrt werden – im alten Ungarn, im Fürstentum Siebenbürgen (1540-1690) und im österreichischen Kronland Siebenbürgen (bis 1867). Nach der Reichsteilung in Österreich-Ungarn beendeten die Ungarn unser Freitum 1876. Das Bewusstsein einer eigenständigen Nation blieb aber erhalten, ebenso unsere Kulturautonomie, ganz besonders unser beispielhaftes Schulwesen, eines der ältesten Europas.

In unserer Geschichtsauffassung besteht zwischen Ost- und Westeuropa ein grundsätzlicher Unterschied, der keineswegs nur die Deutschen betrifft. Im Westen denkt man in Staaten (Wer französischer Staatsbürger wird, ist damit „Franzose“), im Osten denkt man in Völkern. In der alten k.u.k.-Armee waren Feldpostkarten in 14 Sprachen vorgedruckt. Das war dringend notwendig, denn in Ungarn etwa waren nur 40 % der Einwohner Magyaren. Unsere Familie hat in fast jeder Generation die Staatsangehörigkeit gewechselt. Meine Großeltern waren österreichische, dann ungarische Staatsbürger. Meine Eltern waren erst ungarische, dann königlich-rumänische, zuletzt sozialistisch-rumänische Staatsbürger. Dabei waren wir nie im Zweifel daran, Deutsche zu sein. Bei meiner Geburt 1924 war Hermannstadt noch eine mehrheitlich deutsche Stadt, bis zum Abitur besuchte ich deutsche Schulen. Meine alte Schule, das Brukenthal-Gymnasium, hat eine über 600-jährige Tradition. Daran musste ich voller Dankbarkeit denken, als ich bei der ärztlichen Vorprüfung 1947 in Tübingen in Chemie vom Ordinarius anerkennend gefragt wurde: „Sagen Sie: Wo sind Sie zur Schule gegangen?"

Genau so erlebten auch die in Siebenbürgen lebenden Rumänen und Ungarn nie einen Bruch in der Definition ihrer Nationalität, unabhängig von der jeweiligen Staatsangehörigkeit. Die Ereignisse von Krieg und Nachkrieg sind bekannt. Wir stehen am Ende unserer 850-jährigen Geschichte und versuchen, die Erinnerung daran an unsere Kinder weiterzugeben. Dazu gehört, dass wir ebenso wenig „Deutschrumänen" sind wie die Südtiroler „Italiener.

Dr. Johann Hager

 

 

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