Inhalt


Editorial  

Aktuelles
Gerhard Müller: 13. Sängerfest in Australien / 60 Jahre Bund Deutscher Nordschleswiger / Brasilien: „Haus der Jugend“ in Gramado feiert 40-jähriges Jubiläum / Wiener Erklärung der Deutschen Weltallianz 2005

Minderheiten
Gert Bürgel/Peter Bien: Brennpunkt Südosteuropa. Dresdner VDA-Forum über die Deutschen in Rumänien und Jugoslawien

Im Blickpunkt: Deutsche Medien im Ausland
Frank Schüttig: Internationale Medienmesse in Brüssel   
Ernst Meinhardt: Man schreibt Deutsch. Große Auswahl an deutschsprachigen Medien auf den Kanarischen Inseln
Neue deutschsprachige Griechenland Zeitung
Deutsche Medien in der Türkei

Schulen
Die Deutsche Schule „Independencia“ in Paraguay  

Jugendaustausch
Weiße Strände, türkisblaues Meer. Vanessa Sigel über ihre Erlebnisse als Austauschschülerin in Rio de Janeiro   

Deutsche Sprache
Schülerwettbewerb „Begegnung mit Osteuropa“    
Kulturpreis Deutsche Sprache verliehen                         

Reisebericht
Werner Reckziegel: Unsere Chaco-Tour. Eine Reise zu den Empfängern deutscher Hilfslieferungen in Argentiniens Norden.

Geschichtliches
Bodo Bost:  Deutschsprachige Jesuiten in Lateinamerika. „Global Players“ im 17. und 18. Jahrhunderts

Bücher     
Chorliederbauch „Kein schöner Land / Elisabeth Maschler: Im Gürtel des Orion

Aus den Landesverbänden  
Baden-Württemberg: Vortrag über die deutsche Minderheit in Oberschlesien / Nordrhein-Westfalen: VDA-Reise nach Eupen

Panorama

Leserbriefe 

 

 

                                

Deutschsprachige Medien im Ausland

Kulturbotschafter und Außenhandelsförderer

Außerhalb Deutschlands, Österreichs und der Schweiz werden mehr als 3.000 deutschsprachige Zeitungen, Zeitschriften und Internetportale sowie etwa 400 Radio- und Fernsehprogramme in deutscher Sprache produziert. Zielgruppen sind neben Auslandsdeutschen, -österreichern und -schweizern
Touristen, Geschäftsleute und Sprachschüler. Die deutschsprachigen Auslandsmedien erreichen täglich über drei Millionen Menschen weltweit und gelten als die bedeutendsten Kulturbotschafter und Außenhandelsförderer Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Das Land mit den meisten deutschsprachigen Auslandsmedien sind die USA. Zwei Drittel der Medien erscheinen im europäischen Ausland und in Russland. Die älteste noch erscheinende deutschsprachige Auslandszeitung ist die 1727 gegründete St. Petersburgische Zeitung, die jüngste die in Warschau erscheinende Polen-Rundschau. Seit 1990 sind etwa 300 neue Zeitungen, Zeitschriften und Programme vor allem in Osteuropa und in den Ferien-Regionen in Südeuropa und der Türkei entstanden.

Minderheiten

Dresdner VDA-Forum über die Deutschen in Rumänien und Jugoslawien

Zu seinem alljährlichen Forum über deutsche Minderheiten lud der VDA-Landesverband Sachsen ins Dresdner World Trade Center ein. Das Thema lautete: „Brennpunkt Südosteuropa – Deutsche Minderheiten 1920 – 1945 – 2005“. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand das Schicksal der deutschen Volksgruppen in Rumänien und Jugoslawien, die im vergangenen Jahrhundert einschneidende politische Veränderungen durchleben mussten und ein kollektives Schicksal erlitten, das ihre Selbstbehauptung in Frage stellte.

Martin Eichler aus München referierte zum Thema „Geschichte und Gegenwart der Deutschen in Rumänien“. Er ist  Inhaber des „Bilderdienstes Siebenbürgen“ und Fotograf und besucht seit 1973 mindestens einmal im Jahr Siebenbürgen. Dadurch ist er mit dem Leben und allen Befindlichkeiten und Veränderungen innerhalb der deutschsprachigen Bevölkerung bestens vertraut.

Die Deutschen in den Dörfern sind seit der großen Auswanderungswelle Anfang der 90er Jahre vereinsamt. 1930 gab es in Rumänien noch 750.000 Deutsche. 1992 waren es noch 200.000 und 1997 nur noch ca. 60.000 Deutsche, die heute in Bukarest, in Siebenbürgen und im Banat leben. Die evangelische Kirche, die noch in den 70er/80er Jahren eine starke Volkskirche war, ist inzwischen nur noch eine Diaspora-Kirche. In Siebenbürgen sind nur noch 35 Pfarrer im Amt, viele haben sechs bis acht Gemeinden zu versorgen. Der kontinuierliche Rückgang der deutschen Minderheit hat aber weiter zurückliegende Ursachen: 1920 kam Siebenbürgen zu Rumänien. Dies führte zu einer großen Enteignungswelle, der Besitz der Kirche wurde verstaatlicht. In der Zeit, in der Rumänien mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündet war, wurden alle siebenbürgischen Organisationen gleichgeschaltet, die wehrfähigen Männer mussten zur Waffen-SS. Nach 1945 wurden arbeitsfähige Deutsche zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt. Viele verloren ihr Eigentum. Bis 1950 hatte die deutsche Minderheit kein Wahlrecht. Obwohl Eichler ein besorgniserregendes Bild vom Leben und Bestand der deutschen Minderheit zeichnete, nannte er auch neue Impulse: Begegnungsstätten, deutsche Schulen (wenngleich viele muttersprachliche Lehrer fehlen), ein großes Siebenbürger Sachsentreffen, deutschsprachige Radio- und Fernsehsendungen und deutschsprachige Zeitungen. 

Prof. Johann Hinrich Walter behandelte das Thema „Dresdner Studenten im Einsatz für siebenbürgische Kirchenburgen“. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden, wo Prof. Walter lehrt, ist ein nicht alltägliches Projekt realisiert worden. Studenten der Fachrichtungen Vermessungswesen/Kartographie und Bauingenieurwesen/Architektur waren spontan bereit, im rumänischen Siebenbürgen Bauunterlagen von mittelalterlichen Kirchenburgen zu erstellen. Mit Sponsorenhilfe ging es im Jahr 2003 mit zwei VW-Transportern, vollbeladen mit Instrumenten und Computern, für zwei Wochen nach Bodendorf. 2004 war Stolzenburg das Ziel und in diesem Jahr Marienburg bei Kronstadt. 

Viele Kirchenburgen befinden sich in einem kritischen Zustand: Risse, Baufehler, Erdbeben, in einem Fall der Schiefstand des Turmes, geben Anlass zur Sorge, wie solche Kirchen in ihrer Substanz überhaupt noch erhalten werden sollen. Die Vermessung der Bausubstanz mit massiven Bauschäden im Bereich des Mauerwerkes und der Dachstühle war eine große Herausforderung. Neben Computerdarstellungen in 3-D-Technik wurden auch Zeichnungen von komplizierten Bauformen angefertigt. Die in Hermannstadt ansässige Bauabteilung der evangelischen Kirche in Siebenbürgen war erfreut über die hervorragende Arbeit der Dresdner Studenten. Dort, wo ein Erhalt der Bausubstanz nicht möglich sein wird, sollen die Unterlagen wenigstens zur Archivierung und Dokumentation für die Nachwelt dienen. 2006 wird wieder eine Studentengruppe nach Rumänien reisen, diesmal ins nördliche Siebenbürgen.

Über die Geschichte der Jugoslawiendeutschen bis 1945 sprach Dr. Norbert Spannenberger von der Universität Leipzig. Der Referent sagte, „Jugoslawiendeutsche“ sei ein staatsrechtlicher Ersatzbegriff, weil die deutschen Siedler in diesen Gebieten nie eine zusammenhängende Einheit gebildet hätten. Sie siedelten zu unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen Gründen. Das erschwerte trotz gemeinsamer Sprache eine Identitätsstiftung.

In Slowenien lagen die Siedlungsgebiete der Deutschen in der Untersteiermark, in der Krain und in der Gottschee. In Serbien siedelten die Deutschen im Westbanat und in der Batschka, wobei sie im Westbanat in fünf größeren Städten und in 48 Landgemeinden die Mehrheit der Bevölkerung stellten. In der Batschka, zwischen Donau und Theiß, besaßen vier Städte und 35 Landgemeinden eine deutsche Bevölkerungsmehrheit. In Kroatien siedelten die Deutschen in Slawonien und Syrmien. Außerdem gab es in der kroatischen Südbaranya zehn Gemeinden mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung. Im Jahre 1910 ermittelte eine Volkszählung in der Donaumonarchie für das später jugoslawische Gebiet 577.000 Deutsche. Eine Volkszählung Anfang der 20er Jahre ergab, dass nur noch 513.000 Deutsche in diesem Gebiet wohnten. Das waren 4,3 Prozent der Gesamtbevölkerung, womit die Deutschen die größte Minderheit bildeten.

Den letzten Vortrag des Tages hielt Oliver Bagarić von der Universität Leipzig. Sein Thema lautete: „Deutsche Minderheiten im heutigen Slowenien, Kroatien und Serbien“. Damit schloss er an den Zeitabschnitt an, den sein Vorredner behandelt hatte.

Am 21. November 1943 wurden alle Jugoslawiendeutschen durch die Beschlüsse der AVNOJ (Antifaschistischer Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens) zu Feinden erklärt. Sie wurden enteignet und entrechtet. Ende 1944 lebten in Jugoslawien noch 200.000 Deutsche von einst 500.000. Viele waren geflüchtet, die Verbliebenen waren vor allem Donauschwaben. Im Jahre 1948 zählte man noch 55.000 Personen deutscher Volkszugehörigkeit – und 1981 nur noch 10.000. Von den 200.000 Verbliebenen kamen 170.000 in Arbeitslager, von denen es mindestens 70 gab. 30.000 Deutsche wurden in die Sowjetunion deportiert. Von den Verfolgungen war nur die relativ kleine Gruppe von Deutschen ausgenommen, die sich den Tito-Partisanen angeschlossen hatte. Etwa ein Drittel der 200.000 Deutschen kam ums Leben. Die kollektive Vertreibungs- und Vernichtungspolitik der Kommunisten richtete sich ausschließlich gegen die Deutschen und nicht gegen die im Lande lebenden Ungarn, obwohl von den Ungarn während des Krieges viele Verbrechen begangen worden waren.

Im Tito-Jugoslawien waren die Deutschen nicht als nationale Minderheit anerkannt. Die meisten von ihnen siedelten zwischen 1955 und 1979 in die Bundesrepublik über. In Kroatien gab es im Jahre 2001 noch 3.000 Deutsche, die vor allem im Raum Esseg lebten. Schon in der kroatischen Verfassung von 1991 wurde die deutsche und österreichische Minderheit anerkannt. Heute gibt es in Kroatien fünf deutsche Vereinigungen. Die bedeutendste ist die VDG (Volksdeutsche Gemeinschaft – Landsmannschaft der Donauschwaben). Ihre Zeitung heißt „Deutsches Wort“. Als ihre wichtigsten Aufgaben sehen die Deutschen in Kroatien das Aufstellen von Gedenktafeln in kroatischer und deutscher Sprache in Orten, in denen einst Deutsche gelebt haben, die Dokumentation des sakralen Erbes der Donauschwaben und die Schaffung von Gedenkstätten für die donauschwäbischen Lageropfer.

In Serbien hat sich die Lage nach 1991/92 schwierig gestaltet. Bei der Volkszählung 2002 wurden in Serbien 3.900 Deutsche gezählt. Davon leben 3.100 in der Wojwodina. Auch in Serbien werden in früheren Lagern Gedenkstätten eingerichtet. Seit 2002 gibt es in Serbien und Montenegro ein neues Minderheitengesetz. Die Deutschen werden jetzt als dort schon immer ansässige Volksgruppe anerkannt. In Slowenien wurden bei der letzten Volkszählung 1.800 Deutsche ermittelt. Sie sind dort keine anerkannte Minderheit. Begründet wird das damit, dass die Gruppe der Deutschen zu klein sei und nicht in einem geschlossenen Gebiet lebe. Deshalb erhalten die Deutschen auch keine finanzielle und kulturelle Förderung durch den Staat. Dennoch gibt es in Slowenien drei deutsche Vereine: in Marburg, in Poljane (der „Gottscheer Altsiedlerverein“) und in Laibach (ein „Gottscheer Verein“).

Gert Bürgel
Mitarbeit: Peter Bien

 

Reisebericht

Unsere Chaco-Tour
Eine Reise zu den Empfängern deutscher Hilfslieferungen in Argentiniens Norden

Eine Einladung zur 85-Jahr-Feier der Deutschen Schule in Charata (1.300 km entfernt von Buenos Aires) nahmen meine Frau und ich zum Anlass, alle die zu besuchen, die dabei helfen, unsere Spenden aus Deutschland gerecht zu verteilen. Wir haben dafür einige Zentren eingerichtet, denn an Ort und Stelle kennen die Leute die Probleme am besten. Es ist auch für uns wichtig, diese Personen kennen zu lernen, das erleichtert die Zusammenarbeit. Am 2. August traf der 49. Container bei der Deutschen Wohltätigkeitsgesellschaft (DWG) in los Pinos ein. Am anderen Morgen begann unsere Arbeit und anschließend fuhren wir los. Die erste Station war Santa Fe (448 km). Am nächsten Tag setzten wir unsere Reise bis Resistencia (Hauptstadt von Chaco, 570 km von Santa Fe) fort. Dort besuchten wir den Club Aleman und Austriaco. In der Villa Prosperidad im Armenviertel gibt es einen Kindergarten mit Werkstatt, Computer und Bibliothek, wo die Kinder Essen erhalten und auf die Schule vorbereitet werden.

„Hogar Nazareth“ wird von Schwestern aus Kanada geleitet und beherbergt 36 ältere Personen, die man von der Straße geholt hat. Hogar de Ancianos San Cayetano, jetzt ein Altenheim, früher Heim für Kinder von Leprakranken, liegt in der Kolonie Baranda 40 km entfernt von Resistencia.. Am Abend lud uns der Vorstand des Deutschen Klubs ein, der für das Verteilen der Spenden verantwortlich ist. Nach dem Besuch der Kolonie Baranda, wo wir Gelegenheit hatten, mit der Heimleitung die Probleme zu besprechen, ging es weiter. In Resitencia  hatte eine Temperatur von 36 Grad geherrscht (im Winter!). Drei Stunden später, im 300 km entfernten Charata, war sie  um 16 Grad gefallen. In Charata wurden wir mit dem Vorstand der Deutschen Schule vom Bürgermeister empfangen. Die Union Cultural Argentino –Germano, wie die Schule dort heißt,  ist verantwortlich für die Verteilung der Spenden von der DWG aus Deutschland. Der Bürgermeister überreichte uns das Wappen und Fahne von Charata als Dank. Danach spielte eine Kapelle, die zur Fahnenhissung angetreten war. Der Bürgermeister hißte die argentinische Fahne, ich mit der Schönheitskönigin, Fräulein Kempes aus Charata, die deutsche. Anschließend wurden die Fahnen der Nationen gehißt, aus denen weitere Ansässige stammen (Spanien, Italien, Israel). Nach einer Reportage im Radio hatten wir den Leuten von Coronel Du Graty versprochen, sie zu besuchen. Auf sehr schlechter Straße legten wir 110 km zurück und kamen um 13.30 Uhr an. Ungefähr 20 Personen hatten uns zu einem Mittagessen im Restaurant der Telefongesellschaft eingeladen.

„Da müssen wir noch helfen!“

Wir besuchten auch das Krankenhaus des gepflegten Ortes gleich gegenüber vom Restaurant. Ich will nicht alle Mängel des noch nicht eingeweihten Neubaus anführen. Die Türen sind zum Beispiel so schmal, daß man mit dem Rollstuhl nicht hineinfahren kann. Wenn ein Patient mit dem Krankenwagen gebracht wird, muß er deshalb zunächst im Freien abgeladen werden. Dem Krankenwagen fehlte die nötige Ausrüstung. Deshalb habe ich den Koffer mit einem Rettungsgerät, den ich mitgenommen hatte, gleich dort gelassen. Für die Überführung der Kranken in das größere Krankenhaus im 27 km entfernten Villa Angela fehlt ein Sauerstoffgerät. Man behilft sich mit einem Blasebalg, da müssen wir noch helfen. Auch das Heim “El Buen Pastor” im selben Ort besuchten wir, wo rund 60 Kinder versorgt werden. Dann fuhren wir in eine Siedlung,  die Pastor Fiedrich Held, der viele Jahre in Argentinien und Paraguay lebte, gebaut hat. Mit Unterstützung von mehreren Gemeinden aus Württemberg wurde sie finanziert. Die Wohnungen sind bescheiden, die Toiletten außer Haus. Das Viertel heißt Ulm.

Die Schule wurde 1945 enteignet und später wieder zurückgegeben, doch als Schule wird sie nicht mehr genutzt. Zahlreichen Gästen aus Nah und Fern wurden Ehrungen und Urkunden überreicht. Es musizierte die Jugendkapelle von Charata , danach eine wolgadeutsche Musikband. Der Anschnitt der Geburtstagstorte war ein weiterer Höhepunkt. Wir trafen viele Bekannte, Vorstandsmitglieder aus Las Breñas, aus Coronel Du Graty, aus Resistencia , so daß sich noch Gelegenheiten für interessante Gespräche boten. Am Abend luden  uns die Gastgeber zu einem Ziegen-Asado ein, eine Spezialität dieser Gegend. Wir dankten für die Mitarbeit beim Verteilen der Spenden und verabschiedeten uns bald, denn wir  wollten früh aufbrechen und unsere Reise fortsetzen.

In Pampa del Infierno, 130 km von Charata entfernt, wollten wir uns mit Spendenempfängern treffen, von denen jedoch nur einer erschien. Mittags fuhren wir weiter nach Castelli. Die 200 km schafften wir in knapp zwei Stunden. Ein Hotel hatte man uns schon reserviert. Auch wenn es das beste im Ort war, gab es kein warmes Wasser und das Licht im Bad war nicht in Ordnung. Wir haben gefroren, doch sind wir schon allerlei gewöhnt. Wir riefen Vicente Mason an, den Vorsitzenden der Wolgadeutschen, der kurz danach ins Hotel kam. Wir wollten noch verschiedene Institutionen besuchen, die von uns Spenden erhalten und sie im Umkreis von 200 Kilometern verteilen. Leider kamen wir in der kurzen Zeit nicht überall hin. Überrascht waren wir vom Behinderten-Zentrum, das mit Beinprothesen schon vier Menschen geholfen hat. „Gotas de AMOR“ ist ein Heim für Kinder aus zerrütteten Familien von 8 Monaten bis 16 Jahren, die das Gericht zur Betreuung dorthin schickt Leider bekommen sie weder vom Staat noch von den Bürgermeistern Zuschüsse für Verpflegung und Unterhalt. Ein Ehepaar und ihre 17jährige Tochter erziehen die Kinder, als ob es ihre eigenen wären, und geben ihnen auch Schulunterricht. Diese Gegend ist sehr arm, deshalb unterstützen wir sie.

Schule ohne Heizung, Klassenzimmer ohne Tür

Am letzten Tag im Chaco fuhren wir nach Villa Bermejito, ein Dorf am Bermejo (75 km entfernt von Castelli, davon 40 km unbefestigt), wo wir eine Schule besuchten. Ein Teil der Schule war neu, der andere eine Ruine. Aber auch da waren Kinder, die unterrichtet wurden. Ein Klassenzimmer hatte keine Tür, nur ein paar Bretter davor. Die Decke hatte Löcher. Es gab keine Heizung, die Kinder trugen Anoraks und dicke Kleidung. Sie grüßten uns, der Direktor erklärte, dass wir Lebensmittel schicken. Ein etwa zehnjähriger Schüler sagte: DANKE. Ein Affe kam jeden Tag über den Fluß geschwommen und holte sich etwas zu essen, was ihm die Kinder gaben . Doch an diesem Morgen war dem Affen das Wasser des Bermejo-Flußes wohl zu kalt. Schade, ich hätte gern ein Foto von ihm gemacht. Mit einen Abendessen im Klub der Wolgadeutschen ehrte man uns. Fast 40 Personen waren gekommen. Ihre Dankbarkeit trieb uns die Tränen in die Augen. Man überreichte uns Geschenke aus gedrechseltem Holz, die man nur dort oben im Chaco bekommt.

Ganz herzlich war der Abschied von unseren Freunden in Castelli. Die Abfahrt aus Castelli sollte uns die 850 km bei einer Temperatur von 0 Grad  bis nach Esperanza bringen. So fuhren wir ohne Frühstück  - drei kleine Kekse und Kaffee - vom Hotel ab. In acht Stunden schafften wir die Strecke bis Esperanza in Santa Fe. Unser  Vertrauter im Deutschen Verein Esperanza, der unsere Spenden bis 350 km im Umkreis verteilt, hatte uns das Hotel reserviert. Dort fanden wir schon eine Telefonnummer vor, die wir anrufen sollten. Wir trafen uns im Vereinslokal und waren überrascht, dass es wieder Restaurantbetrieb gab und auch Kindergeburtstage gefeiert wurden. Oben auf der Terrasse hat man mit dem Bau eines Mehrzweckraumes begonnen. Erfreuliche Fortschritte! Wir besprachen, dass ich gern das Rote Kreuz  und den Klub der Leons besuchen möchte, die wir auch unterstützen. Letzterer hat eine Bank für Beinphrothesen installiert. Dort haben wir angeregt, daß man mit der Institution in Castelli zusammenarbeitet, die schon  Erfolge mit Beinprothesen erzielt hat. Am Nachmittag fuhren wir zurück nach Santa Fe und am nächsten Tag nach Buenos Aires.

Bei dieser  Reise legten wir in zehn Tagen rund 3.600 Km zurück. Wenn wir alles erzählen wollten, was wir erlebt haben, würde ein Buch daraus. Und doch könnten wir das Erlebte nicht so schildern wie es war. Die Menschen sind anders als in Buenos Aires. Sie haben weniger und sind dankbar und zufriedener mit dem, was sie besitzen. Das wenige, was sie haben, sind sie bereit zu teilen. Meine Frau und ich haben viel Elend gesehen. Unsere Reise war notwendig um zu sehen, was fehlt und wo man helfen kann. Eines konnten wir feststellen: Daß wir auf der Sonnenseite dieser Welt leben.

                                                                                                                               Werner Reckziegel

Werner Reckziegel ist Vorsitzender des Verbandes der Deutsch-Argentinischen Gesellschaften in Buenos Aires. Für seinen Einsatz für die deutsch-argentinischen Beziehungen und sein Engagement für notleidende Menschen in Argentinien hat ihn Bundespräsident Horst Köhler kürzlich mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet (siehe auch GLOBUS 3-2005, S. 4).

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