Ein Wort voraus...
Liebe GLOBUS-Leser, Mitglieder, Freunde und Förderer des VDA!
Im Jahre 2006 feierte der „Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland e.V.“ in München sein 125-jähriges Bestehen. Zu unserem Festakt am 11. November im Sudetendeutschen Haus waren zahlreiche Mitglieder und Förderer des Vereins aus allen Teilen Deutschlands, aber auch aus dem Ausland erschienen.
Heute, knapp zwei Jahre später, ist es mir eine besondere Freude, Sie mit diesem Vorwort auf die Lektüre der vorliegenden GLOBUS-Ausgabe einzustimmen, die ganz im Zeichen des sächsischen Freistaates und der vielfältigen Beziehungen der Sachsen zu den Auslandsdeutschen in allen Teilen der Welt steht.
Denn in diesem Jahr kann unser Verein erneut ein „rundes“ Jubiläum feiern, das nicht nur die „VDA-ler“ in Sachsen, sondern auch den Bundesvorstand wie wohl auch alle übrigen Vereinsmitglieder mit Stolz erfüllt:
Nachdem sich früh – bereits im VDA-Gründungsjahr 1881 – eine Dresdner Ortsgruppe des Vereins gebildet hatte, wurde knapp zwei Jahre später der Landesverband Sachsen ins Leben gerufen, der in diesen Tagen auf seine Gründung vor 125 Jahren zurückblicken kann.
Dieser Landesverband, bis heute ein Aktivposten des Vereins, zählt damit zu den traditionsreichsten Verbänden innerhalb des VDA. Daher war es auch eine Selbstverständlichkeit für uns, daß wir auf unserer letzten Bundesvorstandssitzung in Berlin beschlossen haben, unsere kommende Vorstands- und Verwaltungsratssitzung im November 2008 im sächsischen Schellerhau – im ehemaligen VDA-Heim „Margarete Cronau“ – abzuhalten.
Zudem wird die anschließende VDA-Mitgliederversammlung ebenso wie die Jubiläumsveranstaltung des Landesverbandes Sachsen am 8. November 2008 in der Landeshauptstadt Dresden stattfinden.
Mit dieser Entscheidung bringt der VDA-Bundesvorstand seine besondere Anerkennung für die großen Verdienste zum Ausdruck, die sich der „sächsische VDA“ und seine Mitglieder mit vielfältigen Aktivitäten für den Erhalt und die Pflege der deutschen Sprache und Kultur im Ausland erworben haben.
Diese Wertschätzung bekommt um so mehr Gewicht, wenn man bedenkt, daß der VDA nach seiner Wiedergründung im Jahre 1955 nur in der Bundesrepublik aktiv werden konnte und es unseren Landsleuten in der DDR über Jahrzehnte hinweg verwehrt blieb, sich im VDA für die Unterstützung der Auslandsdeutschen einzusetzen.
Die deutsche Wiedervereinigung schuf neue politische Rahmenbedingungen für die Aufgaben und die Ziele des VDA, die die Vereinsarbeit besonders in Osteuropa begünstigten beziehungsweise vielfach erst wieder möglich machten. Aufgrund des tatkräftigen Einsatzes zahlreicher Frauen und Männer, die sich ehrenamtlich für die ideelle und materielle Unterstützung der Deutschen im Ausland einsetzen, erwachte der VDA darüber hinaus auch in den neuen Bundesländern zu neuem Leben. So nahm im Jahre 1999 der VDA-Landesverband Sachsen seine segensreiche Arbeit wieder auf.
Wenngleich sich der geographische Schwerpunkt der Aktivitäten des sächsischen Landesverbandes, dessen Unterstützung in früheren Zeiten in besonderem Maße den Deutschen im benachbarten böhmischen Raum galt, verändert hat, besteht das Ziel unverändert darin, die deutsche Sprache im Ausland zu fördern und den im Ausland lebenden Deutschen bei der Bewahrung ihrer kulturellen Identität mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.
An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen, um auch Ihnen, liebe GLOBUS-Leser, für Ihre Unterstützung unserer Ziele zu danken, ohne die eine Aufrechterhaltung unserer Arbeit in der jetzigen Form kaum denkbar wäre. Zugleich möchte ich Sie ermutigen, sich getreu unserem Motto „Wir verbinden Menschen“ an der Werbung neuer VDA-Mitglieder zu beteiligen. Denn die Förderung der deutschen Sprache und Kultur im Ausland, etwa durch einen intensiven Jugendaustausch oder die materielle Unterstützung deutschsprachiger Einrichtungen und Medien, sind eine unverzichtbare und ehrenvolle Aufgabe, der höchste Anerkennung gebührt.
Ich wünsche Ihnen eine kurzweilige Lektüre unseres „sächsischen“ GLOBUS-Heftes
und grüße Sie herzlich
Ihr
Dr. Tammo Luther
Mitglied des Bundesvorstandes des VDA
Die weltweite Verbreitung des Namens „Dresden“ durch die Erfindung des europäischen Porzellans
Von Gert Bürgel
Am 15. Januar 1708 verfasste der als „Goldmacher“ bekannte Johann Friedrich Böttger ein Handschreiben, in dem er nach intensiven Experimenten auf der Jungfernbastei in Dresden sieben Rezepturen zur Porzellanherstellung festhielt. Das heißbegehrte und lange gesuchte „Arkanum“ der Porzellanherstellung war gefunden. Der Taufschein für das europäische Porzellan lag vor.
Das geschah vor nunmehr genau 300 Jahren. Und so wird dieses denkwürdigen Ereignisses im Freistaat Sachsen, besonders aber in der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meißen feierlich gedacht.
Ein Rückblick
Böttgers Lebensgeschichte mutet abenteuerlich an. Er wurde 1682 in Schleiz geboren und starb 1719 verarmt in Dresden. Wahrscheinlich erlag er einer Vergiftung, die er sich bei seinen vielen Experimenten zugezogen hatte. In Berlin begann er seine Lehrzeit in einer Apotheke. Ein griechischer Mönch soll den jungen wissbegierigen und experimentierfreudigen Böttger in seinen alchimistischen Bann gezogen haben, so dass dieser ebenfalls mit Versuchen begann, Gold aus anderen Elementen herzustellen. Das Gerücht seiner angeblichen Fähigkeiten verbreitete sich und wurde schnell als Tatsache hingestellt. Auch am Brandenburger Hofe hörte man davon. Aber Böttger flüchtete nach Wittenberg und bat den sächsischen Kurfürsten um Schutz. Unter größten Vorsichtmaßnahmen wurde der „Goldmacher“ heimlich nach Dresden gebracht.
Unter der gestrengen Obhut Augusts des Starken (1670 – 1733) ähnelte hier Böttgers weiteres Leben und Wirken dem eines Gefangenen im „goldenen Käfig“, worüber er sich auch nicht wenig beklagte. Seinen alchimistischen Goldmacherkünsten war kein Erfolg beschieden.
Der Gelehrte Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651 – 1708), der sich schon länger mit der Technologie der Glas- und Porzellanherstellung befasste, wurde auf den experimentierfreudigen jungen Böttger aufmerksam. Unter seiner Betreuung arbeitete Böttger bereits 1706 auf der Albrechtsburg in Meißen an ersten Porzellanproben. Kriegswirrnisse im Jahre 1706 zwangen zu einer einjährigen Pause, die Böttger untätig auf der unweit von Dresden gelegenen Festung Königstein verbringen musste.
Am 8. Juni 1707 lässt August der Starke Böttger von der Festung Königstein zu einem Geheimtreffen nach Dresden bringen. Böttger erläutert sein Vorhaben, mit den richtigen Gerätschaften schnell einen Durchbruch erzielen zu können und das Geheimnis der Porzellanherstellung zu lüften. Und so fand er im neu eingerichteten Laboratorium auf der Jungfernbastei durch intensive, systematische Versuche die Formel für das „echte“ europäische Porzellan.
Das war ein Glücksfall für das sächsische Königshaus unter Kurfürst August dem Starken, für seine Residenzstadt Dresden, für Europa und die ganze abendländische Welt, denn das wohlgehütete Geheimnis der chinesischen Porzellanherstellung war damit gebrochen.
Tatsache ist zwar, dass Böttger ohne die intensiven wissenschaftlichen und technologischen Vorarbeiten und die intensive Betreuung durch Tschirnhaus und andere niemals zu seinem Ergebnis gekommen wäre. Aber er – und nur er - war letztendlich der „Fleißmensch“, der durch seine intensive, systematische Arbeit das lange gesuchte „Arkanum“ gefunden hat.
Aus strategischen Sicherheitsgründen war der Standort Dresden für eine Porzellanmanufaktur ungeeignet. Es kamen nur zwei wehrhafte Burgen nahe Dresden in Frage: die Festung Königstein oder die Albrechtsburg bei Meißen. Im Jahre 1710 gründete August der Starke auf der Albrechtsburg zu Meißen die Meißener Porzellanmanufaktur. Zunächst waren es nur 26 Mitarbeiter, doch im Jahre 1750 waren es bereits 400.
Fast ein halbes Jahrhundert behielt die Meißener Manufaktur ihre Monopolstellung in Europa, denn die Technologie des Porzellanherstellung wurde wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Erst durch Spionage und Abwerbung von Fachkräften gelangte sie nach Wien und Berlin, Frankreich und England, wo neue Manufakturen gegründet wurden.
Ein Markenname erobert die Welt
Viele Porzellan-Manufakturen in aller Welt führen auch heute noch den Namen „Dresden“ in ihrem Warenzeichen. Vornehmlich hat dazu der Umstand beigetragen, dass im angelsächsischen Sprachraum anstelle des Begriffes „Meißener Porzellan“ bis heute die Bezeichnung „Dresden-Porzellan“ oder „Dresden-China“ gebräuchlich geblieben ist. Der Grund dafür ist, dass der frühe Handel mit den begehrten Porzellanerzeugnissen ausschließlich von der Residenzstadt Dresden aus erfolgte.
Neben der Staatlichen Porzellanmanufaktur in Meißen nutzt ein weiterer sächsischer Betrieb den wohlklingenden Markennamen „Dresden“. Es ist dies die frühere Manufaktur Carl Thieme im nahegelegenen Freital-Potschappel. Sie nennt sich heute „Sächsische Porzellanmanufaktur Dresden“.
Auch in Irland ist der Porzellan-Markenname „Dresden“ ein Begriff. Deutsche Auswanderer aus Thüringen produzieren dort das Irish-Dresden Porzellan.
Im letzten Jahrhundert wurden aus dem begehrten Porzellan auch Puppen gefertigt. In Nordamerika waren das die Dresden-Porzellan-Puppen, vergleichbar mit den bei uns bekannten Käthe-Kruse-Puppen. Im amerikanischen Volksmund nannte man sie kurzerhand Dresden-Puppen, auf englisch „Dresden-Dolls“. Mit ihren anmutigen Porzellanköpfen waren diese Puppen für die kleinen Puppenmuttis – aber nicht nur für diese – ein Inbegriff der Schönheit, Liebe und Zuneigung. Deshalb wurden im anglo-amerikanischen Sprachraum sogar lebende Personen eines bestimmten Typs als „Dresden-Dolls“ bezeichnet. Beispiele dafür sind Shirley Temple (geb. 1928) und auch Petula Clark (geb. 1932). Der Schönheit der Porzellanpuppen wurden auch Gedichte gewidmet.
Eine in Kalifornien gezüchtete Rosensorte, deren grazile Blütenblätter an kunstvoll geformtes Porzellan erinnern, trägt den Namen „Dresden-Doll“. Und auch eine Alpenrose, eher als Rhododendron bekannt, wird wegen ihrer zarten Blütenpracht „Dresden-Doll“ genannt.
Für die Wertschätzung des „Dresden-Porzellans“ gibt es weitere Beispiele: Die Stadt Arita ist das Zentrum der japanischen Porzellanindustrie und zugleich die Partnerstadt von Meißen. Weltenbummler aus Dresden werden zu ihrer größten Überraschung im Porzellanpark von Arita ein Stück vertraute Heimat vorfinden: ein Duplikat des Dresdner Zwingers in voller Größe. Ohne Zweifel ist diese Kopie für die Japaner eine Referenz an die europäische Porzellanstadt Dresden. Ebenso wie im Zwinger werden auch hier Ausstellungsstücke des Dresdner bzw. Meißner Porzellans gezeigt.
In Australien, nahe Sydney, gibt es ein Pony-Gestüt, das sich „Dresden Ryding Stud“ nennt. Es ist benannt nach den lieblichen Dresden-Porzellanfiguren, mit denen die Besitzerin ihre kleinen Ponys gern vergleichen möchte.
In den USA ist „Dresden“ auch ein weiblicher Vorname. Junge Mütter nannten ihre Babys „Dresden“ als Erinnerung an die Porzellan-Puppen, mit denen sie in ihrer Kindheit gespielt hatten. Ihre Liebe und tiefe Zuneigung zu diesen Puppen haben sie mit der Namensgebung auf ihre Babys übertragen.
Die bedeutendste Namensspur in Verbindung mit „Dresden-Porzellan“ ist eine Gemeinde in England. Mehr als 150 Jahre blieb der englische Ort „Dresden“ so gut wie unentdeckt, obwohl es mit seinen früher 9000 und jetzt noch 5000 Einwohnern schon immer das größte „Dresden“ neben der sächsischen Landeshauptstadt war.
Heute ist dieses Dresden ein Teil von Stoke-on-Trent, dem Zentrum der englischen Porzellanindustrie. Seine örtlichen Strukturen mit einer Dresden-Parish-Church in der Mitte, einer Dresden-Elementary-School und einem Dresden Post Office sind noch gut erkennbar. Liberales Bürgertum gab um 1840 seinem neugegründeten Wohnort diesen Namen als Referenz an die erste Porzellanstadt Europas. Auch sind sich die englischen Dresdner des historischen Zusammenhangs Ihrer Namensverwandtschaft mit dem sächsischen Dresden sehr bewusst. Schon seit einigen Jahren gibt es Beziehungen auf privater und gesellschaftlicher Ebene zwischen beiden Dresden.
Englische Porzellanarbeiter aus Stoke-on-Trent wanderten in das Zentrum der US-amerikanischen Porzellan-Industrie nach East Liverpool in Ohio aus. Den Markennamen „Dresden“ nahmen sie mit. Die Manufakturen, darunter eine namens „Dresden-Potteries“, nannten ihre Produkte „Dresden-China“ oder „Dresden-Porcellain“.
Ein Begriff für Schönheit, Liebe und figürliche Anmut
Als Erfinder des europäischen Porzellans wurde Johann Friedrich Böttger in Dresden mit einem Denkmal geehrt. Es steht auf der Brühlschen Terrasse, nahe bei den Kasematten der Dresdner Festungsanlage, wo er einst gewirkt hat.
Sein Schaffenswerk ging um die Welt. Dem Ruf der Stadt Dresden als Weltstadt der Künste, Kultur und des Barocks hat er eine neue Facette hinzugefügt. So ist der Name „Dresden“ seit nunmehr 300 Jahren nicht nur der erstklassige Markenname für Erzeugnisse aus Porzellan, sondern er entwickelte sich zu einem eigenständigen Begriff für Schönheit, Liebe und figürliche Anmut – mitten in unserem Leben und überall auf der Welt.
Alle heimatverbundenen Dresdner, das Land Sachsen und die gesamte Nachwelt haben Böttger und allen, die zu dieser großartigen Erfindung ihren Beitrag leisteten, zu danken.
Gert Bürgel,Dresden,ist Mitglied des Landesvorstands des VDA Sachsen für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit und recherchiert vornehmlich historische Themen.
China: Tsingtau war Austragungsort der olympischen Segelwettbewerbe
„Deutsche Stadt am Gelben Meer“
Von Martin Schmidt
Viele Bilder der Olympischen Spiele in Peking vom 8. bis 24. August sind in den Köpfen geblieben – die begeisternden Massenszenen der Eröffnungsfeier, die überwältigenden Erfolge chinesischer Sportler, die ebenfalls sehr beachtliche Gold-Bilanz Deutschlands und natürlich der weltpolitisch folgenschwere gleichzeitige „Olympiakrieg“ im Kaukasus.
Demgegenüber fanden die in der gut eine Flugstunde von Peking entfernten Küstenstadt Tsingtau (chin. Qingdao) stattfindenden Segelwettbewerbe kaum Beachtung. Dabei ist das Wassersportdomizil Tsingtau nicht nur einer von ganz wenigen Badeorten der Volksrepublik China überhaupt, sondern verdient gerade deutscherseits Aufmerksamkeit. Die Verbindungen reichen weit über die Tatsache hinaus, daß das holsteinische Kiel 2004 ein Programm startete, mit dem auf verschiedenen Ebenen Segelkenntnisse ins Reich der Mitte transferiert wurden. Denn die Millionenstadt Tsingtau bildete noch vor hundert Jahren das Zentrum der deutschen Kolonie Kiautschou, was vor allem in architektonischer Hinsicht augenfällig geblieben ist, prägen doch die zahlreichen wilhelminischen Bauten der Jahrhundertwende das moderne Tsingtau.
Die geschichtlichen Wurzeln dieser Spuren liegen in einer Haltung begründet, wie sie im machthungrigen Zweiten Kaiserreich in der Forderung des Großadmirals Tirpitz zum Ausdruck kam: „Sollte der deutsche Handel immer mehr aufhören, ein Zwischenträger zwischen englischen und chinesischen Erzeugnissen zu sein und deutsche Waren auf den asiatischen Markt werfen, so bedarf es eines Geschwaders und eines eigenen Hongkong (...).“ Erst sehr spät wurden die deutschen Ambitionen im Land des Drachens Wirklichkeit, nämlich erst, nachdem sich alle anderen imperialistischen europäischen Großmächte plus Japan ihre Stützpunkte im dahinsiechenden chinesischen Kaiserreich bereits gesichert hatten. Doch China ist groß, und in der Nordprovinz Schantung (Shandong) – der Heimat des Konfuzius – ließ sich noch ein Fleckchen finden: Kiautschou mit Tsingtau, der späteren „deutschen Stadt und Festung am Gelben Meer“.
Die Rahmenbedingungen der Expansion waren nicht unbedingt vorteilhaft, da die Kiautschou-Bucht außerhalb der damals bevorzugten Seerouten lag. Das Fischerdorf Tsingtau erschien als unbedeutendes Nest, zu dem sich im Umland rund 300 ebenso verschlafene wie verschmutzte Dörfer gesellten. Die Masse der Bewohner des dichtbesiedelten Landstrichs, dessen Größe in etwa derjenigen Hamburgs entsprach, fristete als Klein- und Kleinstbauern ein kümmerliches Dasein. Diesen eher deprimierenden Fakten standen aber auch positive Eigenschaften gegenüber: die Wassertiefe der Bucht machte sie für tiefgehende Schiffe und nach entsprechender Ausbaggerung zur Anlage eines großen Hafens geeignet, im Hinterland gab es reiche Kohlevorkommen, und politisch gesehen lag die Region weit genug von den Interessensphären anderer Großmächte entfernt und eröffnete wegen ihrer Nähe zu Süd-Japan und Korea günstige strategische Perspektiven.
Die deutsche Kolonialgeschichte in China war besonders eng mit der christlichen Mission verknüpft, speziell mit Johann Baptist Anzer (1851-1903) aus der Oberpfalz, dem katholischen Steyler Missionsbischof für das Apostolische Vikariat Schantung. Die Ermordung von zwei deutschen Missionaren im Jahr 1897 diente als Vorwand für die widerstandslose Besetzung der Kiautschou-Bucht durch ein maritimes Landungskorps am 14. November desselben Jahres. Die offizielle Inbesitznahme folgte im März 1898 und wurde in Peking gegenüber dem Mandschu-Hof vertraglich für „vorläufig“ 99 Jahre bestätigt.
Der deutsche Imperialismus auf chinesischem Boden hatte – wie alle Kolonialprojekte der europäischen Großmächte dieser Zeit – seine Schattenseiten. Während die machtpolitisch ohnmächtigen, im Stolz auf ihre große Kultur aber ungebrochenen Chinesen die Europäer abschätzig „Langnasen“ oder „Hühnerherzen“ nannten, titulierten die weißen Kolonialherren ihre neuen Untergebenen überheblich als „Schlitzaugen“ und „Zopfträger“.
In den Augen der breiten Bevölkerung des Deutschen Reiches war Kiautschou trotz oder gerade wegen des mythenumrankten Boxeraufstandes (die fast ausnahmslos von jungen Bauern gebildete Bewegung der Yihetuan oder Boxer entstand in West-Schantung, also in relativer Nähe des deutschen Pachtgebietes) vielleicht der populärste deutsche Überseebesitz. Denn neben der zum Heldenepos hochstilisierten brutalen Niederschlagung des Chinesenaufstands, an der deutsche Truppen entscheidenden Anteil hatten, entwickelte sich vor allem der Aufbau von Tsingtau zu einer Erfolgsgeschichte, die bis heute internationalen Respekt hervorruft. Die einzige Stadtgründung Deutschlands auf asiatischem Boden erlebte eine außergewöhnlich rasche wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung. Schon bald nach Gründung der Kolonie entstanden eine Eisenbahn und eine angesehene Deutsch-Chinesische Hochschule für Spezialwissenschaften. Tsingtau wurde als militärisch gesicherte Reißbrettstadt mit einem Europäerviertel, einem Viertel der chinesischen Geschäftsleute und Handwerker sowie zwei Arbeitervierteln, regelrecht aus dem Boden gestampft, ohne daß es – dank einer vorausschauenden Landordnung – zu Grundstücksspekulationen kam wie im Falle Schanghais oder Hongkongs. So erhielt die Handels- und Marinestadt in kurzer Zeit eine nach Funktionen gegliederte Raumstruktur: Wohngebäude, Arbeitsstätten, Bildungseinrichtungen, Krankenversorgung, Freizeiteinrichtungen und Versorgungssysteme hohen Standards. Der Bauboom ließ bis zum Ersten Weltkrieg eine schmucke wilhelminisch geprägte deutsche Stadt in China entstehen – mit baumbestandenen geschwungenen Straßenzügen, roten Ziegeldächern und kaisergelben Fassaden. Die 1910 in malerischer Lage eingeweihte evangelische Christuskirche wurde zum Wahrzeichen.
Die Deutschen brachten eine Vielzahl technischer Errungenschaften mit: fließend Wasser, elektrischen Strom, Krankenhäuser, Autos, Telefone sowie eine noch immer funktionierende hochmoderne Kanalisation. Die ganze Gegend wurde eingehend vermessen; aus Deutschland kamen kaiserliche Beamte, Militärs, Architekten, Ingenieure und Facharbeiter, außerdem moderne Maschinen, Werkzeuge und anderes mehr. Eine Mineralwasserfabrik, eine Getreidemühle, Ziegeleien und die nach wie vor existierende Germania-Brauerei (deren „Tsingtao Beer“ auf der Sponsorenliste der Olympischen Spiele auftaucht) nahmen den Betrieb auf. Im Jahre 1913 beschäftigte allein die Werft von Tsingtau rund 2000 chinesische Arbeiter. Kein Wunder, daß sich die Einwohnerzahl der Stadt durch Zuwanderung und bessere medizinische Versorgung in kurzer Zeit verfünffachte. Die zuvor kahlen Hügel rund um Tsingtau wurden aus sanitären wie wasserwirtschaftlichen Gründen aufgeforstet. Darüber hinaus gab es kulturelle Neuerungen wie den Bau einer großen Bibliothek und die Gründung etlicher Vereine. Unter den in Asien lebenden Europäern erfreute sich Tsingtau schon bald des Rufs als gesündester Ort und wurde dank seiner Badestrände, eines milden Klimas und des nahegelegenen Lauschan-Gebirges auch als Touristenattraktion geschätzt.
Kurz vor dem Ersten Weltkrieg ließ sich mit Recht behaupten, daß das Ziel, ein Schaufenster deutscher Leistungsfähigkeit in Ostasien einzurichten, erreicht war. Als der Revolutionär und Kuomintang-Gründer Sun Yat-sen Tsingtau besuchte, erklärte er es zum Modell für die chinesische Stadt der Zukunft und Deutschland zum Vorbild für die Schaffung eines modernen Chinas. Die auf dem Boden des Pachtgebiets lebenden Einheimischen blieben chinesische Staatsbürger, standen jedoch unter dem „Schutz“ des Reiches und dessen Gouverneur Truppel. 1913 bestand die Stadtbevölkerung Tsingtaus aus 53 312 Chinesen, 2069 Europäern und Amerikanern, 2400 Soldaten der deutschen Garnison, 205 Japanern sowie 25 anderen Asiaten.
Eine besondere Rolle nahm Kiautschou auch während des Ersten Weltkrieges ein, zumal der der Marine unterstellte Flottenstützpunkt Tsingtau das strategisch wichtigste Verteidigungsobjekt des deutschen Kolonialreiches war. Knapp 5000 reichsdeutsche und österreichische Soldaten standen einer weit überlegenen japanischen Streitmacht gegenüber, die von britischen Verbänden unterstützt wurde und über eine ungeheure Feuerkraft verfügte. Doch erst nach monatelanger erbitterter Gegenwehr konnten am 7. November 1914 ungefähr 64 000 Japaner die deutschen Verteidigungsstellungen stürmen und die Kolonie zur Kapitulation zwingen.
Rund um das Kampfgeschehen ranken sich erinnerungswürdige historische Episoden wie die Geschichte Gunther Plüschows, des einzigen im Pachtgebiet stationierten Marinefliegers. Plüschows Luftabwehrkämpfe und seine abenteuerliche Flucht vor der Gefangennahme quer durch Asien sowie aus einem englischen Gefangenenlager wurden im Deutschland der Zwischenkriegszeit zum Symbol des Heldenmutes der „Tsingtauer“. Zudem sorgte er damals durch einen Weltrekord im Motorradfahren auf der Berliner AVUS sowie als fliegender Forschungsreisender in Patagonien und Feuerland für Aufmerksamkeit (siehe seinen autobiographischen Bestseller „Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau“ von 1916, den in London herausgegebenen Erlebnisbericht „My escape from Donington Hall“ von 1922 und das Buch „Silberkondor über Feuerland“ aus dem Jahr 1929).
Die Kolonie Kiautschou blieb laut Versailler Vertrag zunächst in japanischer Hand, ehe sie am 10. Dezember 1922 an China zurückgegeben wurde. Danach fiel Tsingtau in einen langen Dornröschenschlaf, ehe die „deutsche Stadt“ seit der Öffnung der Volksrepublik in den späten Siebzigern einen neuerlichen rasanten Ausbau erlebte. Als Tiefseehafen ist sie von großer Bedeutung für die ölverarbeitende Industrie und den Güterverkehr der gesamten Halbinsel Schantung. Tsingtau besitzt den drittgrößten Hafen Chinas und den neuntgrößten der Erde.
Noch bis in die neunziger Jahre hinein mußten viele alte Kolonialgebäude unschönen Neubauten weichen, da sie als Schandmal der Fremdbestimmung galten. Daß die charakteristischen wilhelminischen Häuser mit ihren roten Dächern nicht ganz dem „ehernen Prinzip der Entwicklung“ und den dazugehörigen „Bauwerken der äußeren Erscheinung“ zum Opfer fielen, ist unter anderem einem örtlichen Verein zu danken, der sich liebevoll um die Erhaltung der kolonialen Bausubstanz kümmert. Obwohl das vor hundert Jahren gerühmte einzigartige Panorama der Stadt durch Hochhausbauten teilweise zerstört wurde, zeugen beispielsweise die evangelische Kirche und Teile des deutschen Bunkersystems (das man besichtigen kann) unübersehbar von der besonderen Historie. Die heute weltweit agierende einstige Germania-Brauerei ist mittlerweile als sehenswertes Museum mit Übergang in den modernen Teil der Abfüllanlage zu besichtigen, und die ehemalige Gouverneursresidenz fungiert ebenfalls als Museum, mit Originalmöbeln aus Stuttgart und Fotografien aus der Kolonialzeit. In späteren Jahren nutzte man die Gouverneursvilla als Gästehaus, in dem sogar der rotchinesische Führer Mao Tse-tung 1956 mehrere Monate zubrachte. Ihm folgten Staatsgäste wie Ho Chi-Minh oder Prinz Sihanuk.
Im Vorfeld der Olympischen Spiele wurden in der Altstadt Tsingtaus zahlreiche Sanierungsarbeiten durchgeführt, deren Umfang allerdings bei weitem nicht an das Bauprogramm in der maroden Altstadt von Peking heranreichte. Dort ließen die Behörden nach Angaben der Zeitung Beijing News sage und schreibe etwa 10 000 alte Häuser entlang von 40 engen Gassen, den sogenannten Hutongs, abreißen und originalgetreu wiedererrichten. Alte Ziegelsteine und Dachpfannen fanden bewußt eine Wiederverwendung, zumal sich in der Volksrepublik China allmählich eine veränderte Haltung zur bislang als fremd empfundenen Denkmalspflege durchsetzt. Der ökonomische Fortschritt geht auch in den Köpfen der herrschenden Kommunisten nicht mehr wie selbstverständlich mit der Zerstörung des kulturellen Erbes einher. Dieses neue Denken gereicht nicht nur Tsingtau mit seinen deutschen Spuren zum Vorteil, ist aber dort besonders beeindruckend umgesetzt worden.
Martin Schmidt ist Journalist und Publizist sowie Vorsitzender des VDA-Landesverbands Rheinland-Pfalz.
Informationskasten:
Für wertvolle Hinweise und ergänzende Informationen danken wir Herrn Professor Dr. Wilhelm Matzat, Bonn, und Herrn Dr. Chen Li, Shanghai. Ebenso danken wir dem Marinemaler Olaf Rahardt, Rudolstadt, für die freundliche Genehmigung zum Abdruck seines Gemäldes.
Die Redaktion
Das Frachtschiff DRESDEN der Deutschen Seereederei Rostock 1959 in Tsingtau. Die DRESDEN verkehrte häufig in Ostasien und liegt heute als Museumsschiff in Rostock. Gemälde von Marinemaler Olaf Rahardt, 2002 (www.marinemaler-olaf-rahardt.de).
Johann August Röbling – der Schöpfer des „achten Weltwunders“
Von Peter Bühner
Die New Yorker feierten vom 22. bis 25. Mai dieses Jahres den 125. Geburtstag ihrer Brooklyn-Bridge. Im thüringischen Mühlhausen fand dieses Jubiläum ebenfalls ganz besondere Aufmerksamkeit. Hier wurde nämlich der „Vater“ dieser Brücke, Johann August Röbling, genialer Konstrukteur, Erfinder und Unternehmer, der wohl bedeutendste Brückenbauer des 19. Jahrhunderts, am 12. Juni 1806 geboren. Am erhaltenen Geburtshaus in der anlässlich der Vollendung der Brooklyn-Brücke nach ihm benannten Röblingstraße erinnert eine Tafel an den großen Sohn der Stadt. Und am nahen Untermarkt kann man ihm seit 2007 leibhaftig begegnen – die lebensgroße Bronzeplastik des Bildhauers Werner Löwe wurde vollständig durch Spenden finanziert.
Neben dem Schulbesuch absolvierte er gleichzeitig eine Ausbildung in den Grundlagen des Zimmermanns- und Maurerhandwerks sowie der Konstruktionslehre, da er sich offenbar frühzeitig auf den Beruf eines Ingenieurs oder Architekten orientierte. Seine Ausbildung setzte er in Erfurt am renommierten Pädagogium des Mathematikers Unger fort. 1824 immatrikulierte er sich in Berlin am Königlichen Polytechnischen Institut, einer der bedeutendsten Ingenieurschulen der damaligen Welt. Gleichzeitig belegte er an der Universität auch geisteswissenschaftliche Fächer. Besonders faszinierten ihn aber die Vorlesungen über den Brückenbau. Hier erfuhr Röbling von den ersten modernen Hängebrücken, die damals gerade entstanden. Aus seiner „Praktikantenzeit“ bei der Königlich Preußischen Bezirksregierung in Arnsberg stammen zwei nicht realisierte Entwürfe für kleinere Ketten-Hängebrücken über die Ruhr und über die Lenne. Frustration über mangelnde Aufgeschlossenheit gegenüber technischen Neuerungen in der preußischen Bauverwaltung, vor allem aber über die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Preußen und Deutschland führten zu dem Entschluss, nach Amerika auszuwandern. 1831 verließ Röbling seine Vaterstadt für immer.
Mit seinem mit ihm ausgewanderten Bruder Karl Friedrich gründete er in Pennsylvanien die Kolonie „Saxonburg“. Mit Saxonburg verbindet Mühlhausen seit diesem Jahr auch eine offizielle, im Zeichen Röblings stehende Städtepartnerschaft. In harter Arbeit versuchten die Brüder Röbling, ihre Existenz als Farmer zu sichern und ihre Kolonie zu entwickeln. 1836 heiratete Johann August die ebenfalls aus Mühlhausen stammende Johanna Herting - neun Kinder gingen aus dieser Ehe hervor. 1837 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Der nunmehrige John A. Roebling suchte aus seiner insgesamt doch unbefriedigenden Farmerexistenz einen Ausweg. Der bot sich in der Übernahme von Vermessungsarbeiten für den Kanal- und Eisenbahnbau. Um Höhenzüge zwischen Wasserstraßen zu überwinden, wurden damals in Amerika die Schiffe durch eine Standseilbahn auf schiefen Ebenen über den Höhenzug gezogen. Die verwendeten Hanfseile unterlagen dabei einem beträchtlichen Verschleiß. Mit Erfolg führte Roebling die Verwendung von Drahtseilen ein, die er ab 1841 in Saxonburg produzierte. Doch nicht nur Berge erwiesen sich für die Kanäle als kaum zu überwindende Hindernisse, sondern auch Flüsse. Sie mussten mit Aquädukten überquert werden, deren Pfeiler oft die Schifffahrt im überbrückten Fluss behinderten. Als Lösung dieses Problems konzipierte Roebling die Aufhängung des Kanaltroges mit Drahtseilen in Form einer Hängebrücke, für die keine Pfeiler im überbrückten Strom erforderlich waren. Seine erste Kanal-Drahtseilhängebrücke wurde 1844/45 errichtet. Ihr folgten bald die erste Straßenhängebrücke und diverse weitere Hängebrücken. Für seine vielfältigen Aktivitäten und die Ausweitung der Drahtseilproduktion erwies sich Saxonburg als ungeeigneter Standort. 1849 nahm in Trenton/New Jersey seine neue Fabrik die Produktion auf.
Der Ausbau des Eisenbahnnetzes war für Roebling ein wichtiges Betätigungsfeld. 1851 begann er mit dem Bau einer zweigeschossigen Hängebrücke über die Niagaraschlucht. Die obere Ebene diente dem Eisenbahnverkehr, die untere dem Straßenverkehr. Diese 1855 vollendete Brücke galt als „Weltwunder“ und zog unzählige Besucher an. Gegen Ende des Jahrhunderts nicht mehr den Anforderungen eines enorm gestiegenen Verkehrs gewachsen, wurde sie durch einen Neubau ersetzt. Doch Roebling hatte längst sein nächstes “Weltwunder“ vollendet: Der Ohio-River trennte das alte erschlossene Gebiet der Vereinigten Staaten von den neuen Territorien im mittleren Westen. Doch um die Mitte des Jahrhunderts war die Entwicklung im Nordwesten so weit vorangeschritten, dass der Ohio zwar als Wasserweg große Bedeutung erlangt hatte, gleichzeitig aber auch als immer lästiger werdendes Hindernis für den Verkehr zu Lande. So wurde die Idee einer Brücke an seinem Mittellauf geboren. Roeblings Entwurf sah eine Hängebrücke mit der bis dahin noch nie erreichten Spannweite von 365 Metern und einer Höhe von 30 Metern über dem Wasserspiegel vor, die die Schifffahrt kaum behinderte. 1856 waren die Dinge so weit gediehen, dass die Arbeiten beginnen konnten. Erst wegen Geldmangels, dann wegen des amerikanischen Sezessionskrieges (den Roebling als überzeugter Anhänger Lincolns erlebte) wurden die Arbeiten 1859 unterbrochen. 1863 konnte der Bau der Cincinnati-Bridge fortgesetzt werden. Die bei ihrer Fertigstellung längste Brücke der Welt wurde am 1. Dezember 1866 feierlich eröffnet. Sie hat sich trotz beträchtlich gestiegener Belastung bis heute bewährt. Seit 1984 trägt sie den Namen Roebling-Bridge und hat den Status eines Nationaldenkmals. Sie war die letzte Brücke, die John A. Roebling nicht nur konstruierte, sondern auch vollendete.
Im Schatten von New York, nahm das am anderen Ufer des East River gelegene Brooklyn ebenfalls eine beachtliche Entwicklung. Die bestehenden Fährverbindungen genügten Mitte des 19. Jahrhunderts den Anforderungen eines rasant wachsenden Verkehrs zwischen beiden Städten nicht mehr. 1857 erregte Roebling mit dem Hinweis auf die Möglichkeit des Baues einer Brücke, die den gewaltigen Schiffsverkehr nicht behindern würde, großes Aufsehen. Es war der erfolgreiche Erbauer der Niagara-Brücke und nicht irgendein Fantast, der sich geäußert hatte. Das war der eigentlich Beginn des gigantischen Projektes. Roebling plante eine Brücke mit einer Spannweite von 487 Metern. Doch die Ausführung dieses Projektes war ihm nicht mehr vergönnt. Er verunglückte bei Vermessungsarbeiten und erlag am 22. Juli 1869 einer Tetanusinfektion. Die Leitung des Baues übernahm nun sein ältester Sohn Washington A. Roebling. Der eigentliche Brückenbau begann am 2. Januar 1870. Die Konstruktion der Caissons für die Gründung der 107 Meter hohen Brückenpfeiler war eine eigenständige Leistung Washington Roeblings. Es gab jedoch noch keine ausreichenden Erfahrungen für das Arbeiten in größeren Tiefen, so dass die berüchtigte „Taucherkrankheit“ immer wieder Opfer forderte, zu denen 1872 auch Washington Roebling zählte - mit der Folge jahrelanger Lähmung. Seine couragierte und kluge Frau Emily eignete sich unter seiner Anleitung die notwendigen mathematischen und ingenieurtechnischen Kenntnisse an, um die von ihrem Mann erarbeiteten Pläne und Anweisungen auf der Baustelle umsetzen zu können. Am 24. Mai 1883 wurde die Brooklyn-Bridge eingeweiht. Die Brücke wurde euphorisch als das „achte Weltwunder“ gefeiert. Bis heute zeigt sie sich einem immens gestiegenen Verkehrsaufkommen gewachsen. Auch sie hat den Status eines Nationaldenkmals. 2006 war sie Motiv der Sonderbriefmarke zum 200. Geburtstag Johann August Röblings.
Peter Bühner ist Bürgermeister der Röbling-Geburtsstadt Mühlhausen/Thüringen.
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