"Weil mir Hermannstadt am Herzen liegt" Bundespräsident Horst Köhler in Siebenbürgen VDA-Jahrestagung in Wiesbaden VDA und Verein Deutsche Sprache (VDS) beschließen Zusammenarbeit Brief von Bundeskanzlerin Angela Merkel
Jugendaustausch Aus Chile nach Saarbrücken
Auslandsdeutsche Lars Halter, Präsident der Steuben-Paradein New York, über das 50. Jubiläum in diesem Jahr
Im Blickpunkt: DEUTSCHE IN RUMÄNIEN
Dr. Anneli Ute Gabanyi: Deutsche in Rumänien
Bodo Bost: Luxemburg und Siebenbürgen
„Vater der Raumfahrt“ aus Siebenbürgen: Dr. Hans Barth über den Raketenpionier Hermann Oberth
Dr. Swantje Volkmann: Kirchenbau im Banat
Dr. Josef Sallanz: Die Deutschen in der Dobrudscha
Dr. Hans Dama: Nikolaus Lenau, ein Dichter aus dem Banat
Horst Fassel: Deutsches Staatstheater Temeswar
Ulrich Uhlmann: Salzgeschichten aus Siebenbürgen
Deutsche Sprache Der Verein Deutsche Sprache (VDS) stellt sich vor
Bücher Gunther Plüschow: Silberkondor über Feuerland (Gerhard H. Ehlers)
Aus den Landesverbänden
Editorial
Liebe Globus-Leser! Jeder siebente Bürger in Europa gehört einer nationalen Minderheit oder ethnischen Volksgruppe an. Im Laufe der Geschichte und in einigen Fällen bis in die heutige Zeit gab das Verhältnis zwischen Minderheit und Mehrheit oft Anlass zu Konflikten bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen wie z.B. auf dem Balkan.
Wenn früher Minderheitenangelegenheiten meist als innerstaatliche Angelegenheiten angesehen wurden, sind sie in den letzten 20 Jahren verstärkt zum Thema der internationalen Politik geworden. So hat z.B. die OSCE einen Hohen Kommissar für Minderheitenangelegenheiten ernannt, die Föderalistische Union Europäischer Minderheiten (FUEV) setzt sich europaweit für einen verbindlichen Minderheitenschutz ein, im Rahmen der Europäischen Union wird das Büro für Minderheiten- und Regionalsprachen (EBLUL) gefördert, eine interparlamentarische Arbeitsgruppe des Europäischen Parlaments beschäftigt sich mit Minderheitenangelegenheiten, und der Europarat hat zwei wichtige Instrumente des Minderheitenschutzes – die Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten und die europäische Charta für Minderheiten- und Regionalsprachen – verabschiedet.
Schließlich hat die EU in einem Kriterienkatalog die Standards für die Behandlung von Minderheiten aufgestellt, die von den neuaufgenommenen Mitgliedsstaaten der EU erfüllt werden müssen.
Rumänien hat diesen internationalen Gesichtspunkten Rechnung getragen und für seine 18 anerkannten Minderheiten, von denen in dieser Globusausgabe die deutsche Minderheit in Rumänien präsentiert wird, einen weitreichenden Minderheitenschutz u.a. in Hinblick auf deren parlamentarische Vertretung eingeführt.
Der VDA hat sich traditionell um die deutsche Minderheit in Rumänien, die Siebenburger Sachsen und die Banater Schwaben gekümmert. Auch wenn es nach der politischen Wende Anfang der 90er Jahre eine starke Ausreisewelle nach Deutschland gegeben hat, hat sich der Bestand der deutschen Minderheit in Rumänien stabilisiert, und das Deutsche Forum trägt heute zur kulturellen und sprachlichen Vielfalt in Rumänien bei. Dabei spielt der hohe Stellenwert der deutschen Sprache – auch für die Mehrheitsbevölkerung – eine große Rolle. Hohes Ansehen in der Mehrheitsbevölkerung genießt die deutsche Minderheit auch in der Politik, wo z.B. in Hermannstadt der Vorsitzende des Deutschen Forums Klaus Johannis mit überwältigender Mehrheit zum Bürgermeister gewählt worden ist, obwohl die deutsche Minderheit nur einen geringen Bevölkerungsanteil der Stadt ausmacht. Dieses unterstreicht in eindrucksvoller Weise, dass die Minderheit heute einen Mehrwert für die Gesamtbevölkerung und die Region, in der sie ansässig ist, darstellt.
Dieser Mehrwert entsteht auch über den großen Einsatz, den das Deutsche Forum in der Kultur- und Sprachenarbeit leistet, und nicht zuletzt deswegen wurde der damalige Vorsitzende des Deutschen Forums Prof. Dr. Philippi vor einigen Jahren mit dem VDA-Kulturpreis ausgezeichnet.
Der VDA begleitet und unterstützt die Auslandsdeutschen und deutschen Minderheiten in ihrem Bestreben nach Erhalt von Identität, Sprache und Kultur und in ihrer Funktion als Brückenbauer zwischen Mehrheit und Minderheit und als Mitgestalter der deutschen auswärtigen Kulturpolitik. In diesem Sinne ist Minderheitenpolitik Friedenspolitik für Europa. Sich hierfür einzusetzen, bleibt Auftrag und Verpflichtung des VDA.
Peter Iver Johannsen Vorsitzender des VDA-Verwaltungsrates
"Weil mir Hermannstadt am Herzen liegt"
Bundespräsident Horst Köhler zu Besuch in Siebenbürgen
"In und um Hermannstadt leben verschiedene Völker und Religionen friedlich zusammen. Grundgedanken der europäischen Einigung sind hier seit Jahrhunderten gelebter Alltag. Ich wünsche Hermannstadt, dieser wahrhaft europäischen Stadt, eine blühende Zukunft". Diese Sätze schrieb der deutsche Bundespräsident Horst Köhler in das Ehrenbuch der Stadt nach einem Gespräch mit Hermannstadts Bürgermeister Klaus Johannis. Diese Worte erinnerten an die Ansprache des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog, der im Mai 1995 in der evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt in seiner Ansprache gesagt hatte: "Ich sehe eine Zukunft für die Rumäniendeutschen".
Bundespräsident Köhler kam auf einer viertägigen Balkanreise, die er in Bukarest angetreten hatte, nach Hermannstadt und damit eigentlich in der Zukunft an, die einer seiner Vorgänger im Amt "gesehen hatte". Köhler sagte schon zu Beginn seines Besuches in Hermannstadt vor der Presse: "Wir in Deutschland freuen uns sehr, daß Rumänien Mitglied der Europäischen Union ist. Deutschland hat ein Interesse daran, daß sich Rumänien als gleichberechtigter Partner entwickelt. Rumänien gehört zur europäischen Familie. Es war selbstverständlich, daß ich Hermannstadt besuche, um zur Berufung als Europäische Kulturhauptstadt zu gratulieren aber auch, weil es hier deutsche Wurzeln, deutsche Kultur gibt. Wir erleben, wie Menschen verschiedener Religionen und Völkerschaften produktiv zusammenarbeiten und das ist etwas, das ausstrahlt nach ganz Europa. (...) Hermannstadt in seiner Entwicklung ist ein gutes Beispiel für die Perspektiven und die gute Zukunft Rumäniens." Köhler sagte auch, er möchte mit seinem Besuch ein Zeichen setzen, Hermannstadt weltweit bekanntmachen und dessen Attraktivität steigern, so daß immer mehr Touristen diese Stadt als Reiseziel wählen.
Treffen mit deutscher Minderheit
Nach einem Rundgang durch das Zentrum der Altstadt, einem Gespräch mit Brukenthalschülern und einer Begegnung mit Wandergesellen, traf der Bundespräsident und seine zahlreiche Delegation im Bischofspalais ein, wo ein Treffen mit Vertretern des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien aus allen Regionen Rumäniens und Vertretern der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien stattfand. Bischof D. Dr. Christoph Klein begrüßte den hohen Gast als ersten deutschen Bundespräsidenten, der Rumänien nach dessen EU-Beitritt bereist und als ersten Bundestagspräsidenten, der die deutsche Minderheit in Rumänien besucht, seit Hermannstadt gemeinsam mit Luxemburg Europäische Kulturhauptstadt 2007 ist. Bischof Klein sagte u. a., die deutsche Minderheit sei zwar dramatisch geschrumpft (im Vergleich zur Zwischenkriegszeit auf knapp ein Zehntel), blicke aber trotzdem in die Zukunft. Man habe nach dem Schock des Exodus einen Neuanfang gewagt, neue Strukturen und Organisationformen geschaffen, so daß die Rumäniendeutschen nicht nur im politischen Leben sondern auch in der Ökumene einen wichtigen Beitrag leisten. "Kirche und Forum arbeiten sehr eng zusammen", sagte Klein und das habe Tradition: "Die Kirche hat immer auch politische Verantwortung übernommen und die Politik Verantwortung in den kirchlichen Strukturen wahrgenommen." Klein dankte dem Bundespräsidenten stellvertretend für alle Unterstützung, die von Behörden und Privatpersonen aus der Bundesrepublik Deutschland für die Rumäniendeutschen geleistet wurde und bat den hohen Gast um "weitere Begleitung und wohlwollende Unterstützung". Desgleichen sprach Bischof Klein die Hoffnung aus, daß sich die rumänische Regierung der Bedeutung der deutschen Minderheit immer klarer bewußt werde und diese damit eine immer wichtigere Rolle in den rumänisch-deutschen bilateralen Beziehungen spielen werde. Bundespräsident Köhler dankte für die Begrüßung. Er sei sehr bewegt von dem Empfang. Schließlich hätten seine Eltern in Bessarabien gelebt, seine Mutter auch in Kronstadt und Hermannstadt: "Ich bin hergekommen, weil mir Hermannstadt am Herzen liegt. Ich bin ein wenig stolz darauf, daß deutsche kulturelle Wurzeln hier so lange gehalten haben. Auch habe ich hier viele Anhaltspunkte für eine Zukunft in Rumänien erlebt." Rumänien selbst tue es gut, daß die Hermannstädter "auf so natürliche Weise deutsche Kultur, Prouktivität, Disziplin und Tatkraft vermitteln, und das sage ich ohne jeglichen nationalistischen Anflug".
Vorbildliches Schulsystem
Seitens des DFDR kamen Dr. Paul Jürgen Porr, der Vorsitzende des Siebenbürgenforums, und Michael Szellner, stellvertretender Vorsitzender des Banater Forums, zu Wort. Dr. Porr sagte einleitend: "Was wir heute als europäisches Gedankengut bezeichnen, das wurde hier in Siebenbürgen gelebt". Er verwies auch auf das "vorbildliche Schulsystem der Siebenbürger Sachsen" und schlußfolgerte, daß diese Tradition die Siebenbürger Sachsen heute noch bei der Gestaltung der Forumstätigkeit in die Pflicht nehme. So seien die Begegnungsstätten offen für alle, die Schulen mit Unterricht in der Sprache der deutschen Minderheit besuchten hauptsächlich Andersnationale, an der Klausenburger Babe∫-Bolyai-Universität gäbe es 17 deutschsprachige Abteilungen, die Unterstützung für kleine und mittelständische Unternehmen gelte den Rumäniendeutschen und deren Umfeld. Schließlich bedankte sich Dr. Porr für die in den vergangenen 17 Jahren erhaltene Hilfe und bat, diese Hilfe möge zumindest auf dem aktuellen Niveau erhalten bleiben, auch im Kontext der EU-Mitgliedschaft Rumäniens. Michael Szellner sprach davon, daß im Banat und im Banater Bergland Wirtschaft und Schule prägend wirkten, zählte einige wichtige Schulen und Hochschulen in Temeswar, Arad und Reschitza auf und erwähnte, daß es ein Deutsches Staatstheater in Temeswar gebe. Zum Schluß überreichte Bischof Klein dem Bundespräsidenten u. a. eine Karte des Verwaltungsgebiets der evangelischen Kirche A. B. in Rumänien von 1922, als auch Bessarabien und Bukowina dazugehörten und sagte: „Sie gehören zu uns, auch kirchlich“. "Meine Eltern haben ein schweres Leben gehabt, aber sie haben mir Respekt und Liebe für Rumänien vermittelt", sagte Bundespräsident Köhler zum Abschluß seines Besuches und versprach "weiter daran zu arbeiten, daß die Unterstützung für die deutsche Minderheit in Rumänien weiter auf einem entsprechenden Niveau erhalten bleibt."
Beatrice Ungar Hermannstädter Zeitung
Die Deutschen in Rumänien
Von Dr. Anneli Ute Gabanyi
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ist in Rumänien ein Kapitel deutscher Siedlungsgeschichte in seiner bisherigen Form zu Ende gegangen. Bei der Volkszählung des Jahres 1930 bekannten sich noch 745.421 gleich 4,1 Prozent der insgesamt 18.057.028 rumänischen Staatsbürger zur deutschen Nationalität. Bei der letzten Volkszählung vom Januar 2002 wurden in Rumänien nur noch 60.088 Deutsche gezählt. Das entsprach 0,3 Prozent der Gesamtbevölkerung von damals 21.698.181. Die beiden zahlenmäßig wichtigsten noch in Rumänien verbliebenen Siedlergruppen umfassen, zu ungefähr gleichen Teilen, die Siebenbürger Sachsen, die im zentralrumänischen Hochland zwischen den West-, Ost- und Südkarpaten siedeln, und die Banater Schwaben in dem im Westen Rumäniens gelegenen Gebiet, das durch die Flüsse Donau, Theiss und Mieresch sowie durch das Karpatenbergland begrenzt wird. Die Zahl der Deutschen aus Rumänien, die sich seit 1950 in der Bundesrepublik Deutschland niedergelassen haben, lag zum Ende des Jahres 2001 bei rund 429.592 Personen.
Die Deutschen in Rumänien - ein historischer Überblick
Die Niederlassung der Siebenbürger Sachsen, der ältesten deutschen Siedler auf dem Territorium des heutigen Rumänien, im "Lande jenseits der Wälder" (terra ultrasilvana), erfolgte im 12. Jahrhundert im Zuge der deutschen Ostkolonisation. Sie folgten dem Ruf des ungarischen Königs Geysa II (1141 - 1161) zum Schutz der Grenzen gegen Mongolen- und Tatareneinfälle und zur wirtschaftlichen Erschließung des Landes. Durch Innenkolonisation und neue Siedlerzüge wurde der den deutschen Kolonisten zugewiesene "Königsboden" besiedelt. Es gilt als gesichert, dass die ersten deutschen Kolonisten auf dem ihnen zugewiesenen Königsboden, der ihnen 1224 in der ersten erhaltenen Reichsverleihung durch den ungarischen König Andreas II. verliehen wurde, aus dem linksrheinischen fränkischen Raum nach Osten gezogen sind. Die deutsche Siedlergruppe erfreute sich besonderer Vorrechte - freie Richter- und Pfarrerwahl, eigene Gerichtsbarkeit, Zollfreiheit - fixiert, die danach auf fast den gesamten Siedlungsraum der Siebenbürger Sachsen ausgedehnt wurden. Im Gegenzug verpflichteten sich die Kolonistede, dem König einen Jahreszins zu entrichten sowie Kriegsdienst zu leisten. Die zum Schutz ihrer Wohnstätten errichteten Wehrkirchen und Kirchenburgen prägen auch heute noch das siebenbürgisch-sächsische Siedlungsgebiet.
Zur politischen Selbständigkeit gesellte sich im 16. Jahrhundert dank des geschlossenen Übertritts der Siebenbürger Sachsen zum lutherischen Glauben die Unabhängigkeit ihrer Evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnisses. Erst die 1867 erfolgte Gründung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie brachte das Ende der Existenz der Siebenbürger Sachsen als gleichberechtigte ständische Nation in Siebenbürgen. Mit der Auflösung ihrer Nationsuniversität verloren sie die politische Grundlage ihrer Autonomie.
Die Banater Schwaben kamen erst im 18. Jahrhundert im Zuge einer großangelegten Kolonisierungsaktion ins Land, nachdem das sogenannte Banat nach mehr als hundertfünfzigjähriger Türkenherrschaft im Jahre 1716 in eine Provinz des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation umgewandelt worden war. Um das verwüstete, menschenleere Sumpfgebiet wieder urbar zu machen und dort Gewerbe und Handel zu beleben, wurden Bauern, Handwerker, Berg- und Facharbeiter aus dem westlichen Grenzraum des deutschen Sprachraums als Kolonisten angesiedelt. Ungefähr 15.000 bis 20.000 folgten dem Ruf Kaiser Karls VI. in den Jahren 1722 - 1726. Während der Regierungszeit Kaiserin Maria Theresias (1740 - 1780) wurden weitere 22.355 deutsche Siedler dort ansässig. Die Banater Schwaben stammen vorwiegend aus den linksrheinischen Gebieten Rheinpfalz, Rheinhessen, Trier, Lothringen sowie aus Franken, in geringerer Zahl auch aus Bayern, Schwaben und den österreichischen Alpenländern.
Nach der 1778 erfolgten Eingliederung des Banats in den ungarischen Staatsverband gerieten die mehrheitlich katholischen Banater Schwaben unter Assimilationsdruck seitens der neuen Verwaltung. Anders als die Siebenbürger Sachsen konnten sie nicht auf gewachsene politische Strukturen und eine gefestigte Identität zurückgreifen. Dadurch wurden ihre politischen und geistigen Eliten ihrer Sprache und Tradition stärker entfremdet, als dies bei den Siebenbürger Sachsen nach 1867 der Fall war.
Die deutsche Minderheit in Rumänien nach 1918
Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie votierten Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben im Jahre 1919 für den Anschluss an das Königreich Rumänien. Der neue rumänische Staat machte nicht alle den Minderheiten gemachten Versprechungen der sogenannten "Karlsburger Beschlüsse" vom 1.12.1918 wahr. Im Zuge der 1921 eingeleiteten rumänischen Agrarreform verloren die Sächsische Nationsuniversität und die Evangelische Kirche große Teile ihres Grundbesitzes, die ihnen zugesagten kulturellen und schulischen Privilegien hielt die rumänische Regierung nur zum Teil ein.. Dank der politischen Rahmenbedingungen - eine politische Vertretung im Parlament, eine vergleichsweise freie Presse - war es der deutschen Minderheit jedoch möglich, ihre Rechte einzufordern und gegebenenfalls zu verteidigen.
Nach dem Ersten Weltkrieg gewannen analog zum Aufstieg autoritärer, nationalistischer Regime in Europa auch innerhalb der Rumäniendeutschen Anhänger nationalsozialistischer "Erneuerungsbewegungen" Zustrom, doch erst das Einschwenken der rumänischen Außenpolitik auf die Linie der Achsenmächte eröffnete Berlin die Möglichkeit, die Politik der Rumäniendeutschen umfassend auf das Dritte Reich auszurichten. Die vom nationalsozialistischen Regime in Hitlerdeutschland provozierte Katastrophe, die die deutsche Minderheit in Rumänien in Form von Zwangsaussiedlung, Krieg, Flucht und kollektiver Verfolgung erfasste, bedeutete den Anfang vom Ende der Existenz der Deutschen in Rumänien.
Krieg, Flucht, Verfolgung, Diskriminierung
Im Anschluss an den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 wurde Deutsche aus den Gebieten Nordbukowina, Bessarabien und von Herña, die von Hitler in einem geheimen Zusatzprotokoll der sowjetischen Einflußsphäre zugesprochen worden waren, in das damalige Reichsgebiet überführt. Im Februar 1942 bzw. im Mai 1943 schloss Deutschland Abkommen mit Ungarn bzw. Rumänien, wonach die wehrfähigen Deutschen aus Nord- und Südsiebenbürgen zur Waffen-SS und der deutschen Wehrmacht eingezogen wurden. Rund 15 Prozent von ihnen fielen im Krieg. Von den Überlebenden konnten nur wenige Tausend nach Rumänien zurückkehren, wo sie verhaftet und zum Teil jahrelang in Gefangenschaft festgehalten wurden. Das Problem der getrennten rumäniendeutschen Familien nahm seinen Anfang.
Nach dem am 23. August 1944 vollzogenen Frontwechsel Rumäniens entstand für die auf rumänischem Staatsgebiet lebenden Deutschen eine völlig neue Lage von weitreichender, schicksalhafter Bedeutung. Allein die Deutschen aus dem seit August 1940 ungarisch verwalteten Nordsiebenbürgen sowie aus Teilen des Banats konnten bis zum Jahresende 1944 evakuiert werden. Für die in Rumänien Zurückgebliebenen begannen Jahre der Entrechtung, Verschleppung und Diskriminierung, die ihren Willen, in den alten Siedlungsgebieten auszuharren, entscheidend geschwächt haben. Die von der Sowjetunion eingesetzten Behörden übten Rache an den Deutschen, denen sie eine Kollektivschuld an der "Teilnahme Rumäniens am antisowjetischen Krieg und der Besetzung Rumäniens durch Nazideutschland" zuwiesen. Das bedeutete:
Deportation: Im Januar 1945 wurde die arbeitsfähige deutsche Bevölkerung Rumäniens - Männer zwischen 17 und 45 und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren – auf Befehl Moskaus zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert, ungefähr 15 Prozent der insgesamt 75.000 Deportierten kamen dabei ums Leben.
Entrechtung: In den ersten Nachkriegsjahren wurde die deutsche Minderheit in Rumänien in besonderer Weise diskriminiert, ihnen wurden alle politischen Rechte aberkannt.
Enteignung: Durch das Agrarreformgesetz vom 23.3.1945 verloren allein die deutschen Bauern ihren landwirtschaftlichen Grundbesitz samt Häusern und Inventar.
Verlust der kulturellen Autonomie: Im August 1948 wurden die Schulen verstaatlicht, der Kirchenbesitz enteignet.
Liquidierung der Eliten: Die geistigen und politischen Eliten der Deutschen ebenso wie die der Rumänien oder Ungarn in Gefängnisse gesperrt oder in Straf- und Arbeitslager verbannt.
Zwangsumsiedlung: Im Juni 1951 kam es im Zuge der sowjetisch-jugoslawischen Kontroverse zu einer Umsiedlungsaktion im Banat, bei der auch knapp 10.000 Deutsche - in die südrumänische Tiefebene verschleppt wurden.
Zusammenführung getrennter Familien im Vordergrund
Nach dem Tode Stalins trat in Rumänien auch für die deutsche Minderheit eine Wende zum Besseren ein. Die Zwangslager wurden bis 1964 aufgelöst, die innerhalb Rumäniens Deportierten und Evakuierten durften in ihre Wohnorte zurückkehren, ein Teil der enteigneten Häuser und Höfe an die Betroffenen zurückgegeben. Trotz der Rücknahme der einseitig diskriminierenden Maßnahmen war jedoch nicht zu übersehen, dass die Deutschen in Rumänien in ihrer Substanz schwer getroffen waren. Vieles von dem, was seit Kriegsbeginn geschehen war, ließ sich nicht mehr rückgängig machen: die Trennung zahlreicher Familien infolge Krieg, Flucht und Deportation, die Zerstörung der wirtschaftlichen Existenzgrundlage der Deutschen in Stadt und Land, die soziale Deklassierung, die Zerstörung der gewachsenen dörflichen Gemeinschaften sowie der städtischen Mittelklasse, die Liquidierung eines Teils der rumäniendeutschen Eliten, der Verlust des ethno-kulturellen Identitätsgefühls, die zunehmende Isolierung vom deutschen Sprach- und Kulturraum. Die legale Ausreise aus Rumänien bildete lange Zeit keine realistische Alternative, die Zusammenführung jahrelang getrennter Familien in der Bundesrepublik war bis in den 1950er und frühen 1960er Jahren nur in Ausnahmefällen möglich.
Bundesregierung unterstützt Ausreise der Rumäniendeutsche
In den ersten Jahren nach dem Machtantritt des neuen rumänischen Staats- und Parteichefs Nicolae Ceauseşcu im Jahre 1965 kamen die Rumäniendeutschen ebenso wie die rumänische Mehrheitsbevölkerung in den Genus begrenzter Liberalisierungsmaßnahmen des Regimes. Im Jahre 1968 wurde ein sogenannter "Rat der Werktätigen deutscher Nationalität" gegründet. Die Minderung des innenpolitischen Drucks fand jedoch unter den Deutschen nicht das vom Regime erwünschte positive Echo. Nach der 1967 erfolgten Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Bonn und Bukarest trat für die Rumäniendeutschen das Ziel der Ausreise in den Vordergrund. Diskriminierungen und Sanktionen entmutigten sie nicht, vielmehr bestärkten sie die Deutschen in ihrem Wunsch, Rumänien zu verlassen. Sie setzten auf die Fürsprache der Bundesregierung und auf die Bereitschaft der rumänischen Führung, humanitäre Fragen wie die Zusammenführung getrennter Familien im Einklang mit den bei der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von 1975 eingegangenen internationalen Verpflichtungen zu lösen.
Die deutsche Bundesregierung hatte unter wechselnden Regierungen konsequent an ihrem doppelten Fürsorgeprinzip - Hilfe für die Bleibenden und zugleich Unterstützung für die Ausreisewilligen - festgehalten. Nach der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen stieg die Zahl deutscher Aussiedler aus Rumänien rasant an - von ungefähr 900 pro Jahr im Zeitraum 1950 - 1967 auf durchschnittlich 3.400 jährlich zwischen 1968 und 1971. Zwischen 1973 und 1977, als das Verfahren bereits in einigermaßen geregelten Bahnen verlief, erreichten die Aussiedlerzahlen durchschnittlich 7.200 Personen pro Jahr. Anlässlich seines Rumänienbesuchs traf Bundeskanzler Helmut Schmidt mit Rumäniens Staats- und Parteichef Nicolae Ceauåescu eine Vereinbarung, wonach Rumänien sich verpflichtete, jährlich zwischen 12.000 und 16.000 Deutschen die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland zu gestatten. Im Gegenzug sagte der Bundeskanzler die Zahlung eines Pauschalbetrags pro Aussiedler zu. Dieser Betrag stieg von 5.000 DM im Jahre 1978 auf 7.800 DM zum Zeitpunkt der Wende.
Seit Beginn der achtziger Jahre verschlechterte sich die Lage der deutschen Minderheit in Rumänien in erheblichem Maße. Infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise im Lande sank der Lebensstandard der gesamten Bevölkerung auf das niedrigste Niveau nach Kriegsende. Der Assimilationsdruck auf die Minderheiten verstärkte sich. Die stetig wachsenden Aussiedlerzahlen hatten einen verhängnisvollen Rückkoppelungseffekt zur Folge, der Prozess entfaltete eine fatale Eigendynamik: Die örtlichen Gemeinschaften zerfielen, sinkende Lehrer- und Schülerzahlen an den deutschen Schulen führten zu einem verschlechterten Unterrichts- und Bildungsangebot auch für jene Rumäniendeutschen, die noch nicht zur Ausreise entschlossen waren.
Nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur am 22.12.1989 verließen innerhalb von sechs Monaten 111.150 Deutsche Rumänien. Die Bundesregierung beschloss daraufhin, Dämme gegen die neue Ausreiseflut der Deutschen aus den ehemals kommunistischen Ländern zu errichten. Seit Mitte des Jahres 1990 wurde eine Reihe von gesetzlichen Maßnahmen beschlossen mit dem Ziel, die Einreise dieser Personengruppe in die Bundesrepublik zahlenmäßig zu beschränken. So wurden die Aufnahmebestimmungen für Aussiedler verschärft, ihre Freizügigkeit auf dem Territorium der Bundesrepublik befristet eingeschränkt, Eingliederungshilfen und Renten gekürzt. Diese Maßnahmen haben nicht nur unter den in Rumänien verbliebenen Deutschen, sondern auch unter den in der Bundesrepublik Deutschland lebenden deutschen Aussiedlern aus Rumänien Besorgnis und Enttäuschung hervorgerufen.
Fortbestand der deutschen Minderheit unter gewandelten Bedingungen
Wie ist es zu erklären, dass so viele vor allem junge Rumäniendeutsche den ungewissen Neubeginn in der Bundesrepublik Deutschland dem noch ungewisseren Neubeginn in Rumänien vorzogen? Eine wichtige Rolle spielte zweifellos die Tatsache, dass über 80 Prozent der in Rumänien lebenden Deutschen lange vor 1989 den Entschluss gefasst hatten, das Land zu verlassen. Misstrauen und mangelndes Vertrauen in die Rechtslage in Rumänien bestimmten das Bewusstsein der Rumäniendeutschen, obwohl in der 1991 verabschiedeten und 2003 novellierten neuen rumänischen Verfassung die Gleichheit aller Bürger und das Recht der nationalen Minderheiten auf die "Bewahrung, Entwicklung und Äußerung ihrer ethnischen, kulturellen, sprachlichen und religiösen Identität" verankert waren.
Verfassung und Wahlgesetzgebung garantieren auch jenen Parteien der nationalen Minderheiten, die bei den Wahlen nicht die für einen Parlamentssitz erforderlichen Stimmen erzielen konnten, de jure je einen Abgeordnetensitz. Den 1945 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportierten Deutschen wurden Entschädigungen gewährt, die spezielle Diskriminierung der Deutschen bei der Bodenreform von 1945 wurde bei der Novellierung des 1991 erlassenen Bodengesetzes berücksichtigt, der nach der kommunistischen Machtergreifung enteignete Besitz deutscher Körperschaften – Ende 2006 sogar das Brukenthal-Museum – wurden restituiert.
Das vordringliche Ziel der Politik der Bundesrepublik Deutschland nach der Wende war die Stabilisierung der deutschen Minderheit in Rumänien. Am 21.4.1992 unterzeichneten die Bundesrepublik und Rumänien einen Vertrag über Freundschaftliche Zusammenarbeit, dessen vordringlichstes Ziel darin bestand, die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen für das künftige Überleben der deutschen Minderheit in Rumänien zu schaffen. In Zusammenarbeit mit der rumänischen Regierung wurden Programme verabschiedet, die es ermöglichen sollten, den Bestand der deutschen Minderheit zu sichern, ihr kulturelles Erbe zu sichern und sie bei der Neugestaltung ihres politischen, gesellschaftlichen, und wirtschaftlichen Lebens zu unterstützen.
Mit dem 2004 bzw. 2007 erfolgten Beitritt Rumäniens zu NATO und EU sich die sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die in Rumänien verbliebenen Deutschen signifikant verbessert. Mit Hermannstadt wurde erstmals nach der Wende eine osteuropäische Stadt zur Kulturhauptstadt Europas ernannt.
Dr. Anneli Ute Gabanyi ist Mitarbeiterin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.
Am Ende der Welt
Plüschows Expeditionsbericht „Silberkondor über Feuerland“- jetzt neu!
In den vergangenen zwei Jahren erlebte ein bin dahin fast in Vergessenheit geratener deutscher Flugpionier, Schriftsteller und Abenteurer seine verdiente Renaissance: Gunther Plüschow (1886 – 1931). In deutschen und internationalen Zeitungen und Magazinen (siehe GLOBUS Ausgabe 1/2007) erschienen illustrierte Artikel über den deutschen Flieger und Seemann, vor zahlreichem und immer begeisterten Publikum wurden in verschiedenen deutschen Städten Vorträge über sein Leben gehalten und die erste europäische Gunther – Plüschow - Ausstellung war bis Ende September im Deutschen Museum in München zu sehen.
Plüschows Expeditionsschiff, welches bis 2005 noch Dienst auf den Falklandinseln tat, wurde im Sommer 2006 nach Deutschland geholt und wird zurzeit in Norddeutschland mit viel Engagement und Liebe zum Detail rekonstruiert. Und nun, kurz vor dem 80. Jahrestag des Starts seiner legendären 1. Feuerlandexpedition im November 1927 in Büsum, erscheint im Verlag E. S. Mittler & Sohn, Hamburg in einer erweiterten Neuauflage Plüschows Buch „Silberkondor über Feuerland“. Dabei wurde die Ausgabe von 1989 um mehrere Kapitel ergänzt, die die Geschichte des Expeditionsschiffes FEUERLAND fortschreiben und auf Fotos dokumentieren.
Plüschow führte ein spannendes, abenteuerliches Leben (siehe o.g. GLOBUS –Artikel) und beschrieb dieses in drei Büchern. Auch wenn sein Erstlingswerk „Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau“ eine wesentlich höhere Auflage (über 600.000 Exemplare) als die aktuelle Neuerscheinung hatte, so ist der „Silberkondor über Feuerland“ zweifellos sein wichtigstes Buch, denn diese erste, eigene Feuerlandexpedition war der eindeutige Höhepunkt seiner Aktivitäten als fliegender Entdecker und forschender Seemann.
Auf über 200 Seiten wird der Leser mitgenommen auf eine Reise mit einem 16 Meter langen Forschungsschiff von Büsum an der Nordseeküste, über Portugal, die Azoren bis nach Brasilien und schließlich in die Kanäle und Fjorde des feuerländischen Archipels. Der „Silberkondor über Feuerland“ ist ein Buch über beeindruckende Landschaften und zugleich eine packende Schilderung der ständigen Auseinandersetzung des Menschen mit den Unbilden der Natur, über die oft lebensgefährlichen Abenteuer zu Wasser und in der Luft mit Stürmen, Eis und Schnee.
Vielleicht packt ja den Leser von heute (wie den Verfasser dieser Zeilen) nach der Lektüre des „Silberkondors“ das Fernweh und macht Lust auf eine Fahrt in den Süden Chiles und Argentiniens, in diese bis heute weitgehend unberührte Landschaft am Ende der Welt. Dort angekommen wird er viele Spuren finden von dem in beiden Ländern hoch verehrten deutschen Flugpionier: Gedenksteine, Erinnerungsstücke in lokalen Museen und nicht zuletzt den erst im Dezember 2006 eingeweihten „Gunther – Plüschow –Platz“ in Punta Arenas, Chile.
Gerhard H. Ehlers
Gunther Plüschow, Silberkondor über Feuerland, Mit Segelkutter und Flugzeug ins Reich meiner Träume, 216 Seiten, 88 s/w-Fotos, € (D) 19,90 / € (A) 20,50 / SFr 34,90, ISBN 978-3-8132-0877-1, Verlag E. S. Mittler & Sohn, Hamburg
Film: Gunther Plüschow (2 DVDs) 1. Dokumentation über das Leben des Flugpioniers (von Ingrid W. Gaa), 70 Min. 2. Silberkondor über Feuerland (Original Stummfilm von 1929), 75 Min. Preis: € 30,--<//font><//font>
Buch und Film können bezogen werden über die VDA Verlags- und Vertriebs-GmbH, Kölnstr. 76, 53757 Sankt Augustin Tel. +49 (0) 2241-21071, Fax +49 (0)2241-29241, E-Post: krieger@vda-globus.deoder den Freundeskreis Gunther Plüschow p.A. Gerhard H. Ehlers, Johann-Häck-Str. 2, 51519 Odenthal Fax +49 (0) 2174 791030, E-Post: FK-Gunther-Plueschow@web.de