Globus 2/2008


Liebe Globus-Leser!

Unter den heute 15 Millionen Einwohnern Chiles leben rund 200.000 Nachfahren deutscher Einwanderer, die einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung des Landes geleistet haben. Chile feiert in diesem Jahr den 200. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Obwohl die erste größere Gruppe an deutschen Einwanderern erst Mitte des 19. Jahrhunderts eintraf, waren es insbesondere diese bäuerlichen deutschen Kolonisten, die den unwegsamen, wenig bevölkerten Teil des Südens besiedelt und urbar gemacht haben. Die Zentren der deutschen Einwanderung waren die Region um den Llanquihue-See und Städte im Süden wie Valdivia, Osorno, Puerto Montt oder Temuco. Der klimatisch gemäßigte Süden des Landes erinnerte an Landschaften in Süddeutschland. Die bäuerlichen deutschen Einwanderer haben einen entscheidenden Anteil daran, dass das Gebiet zur heutigen „Kornkammer Chiles“ geworden ist. Einige deutsche Einwanderer ließen sich aber auch in anderen Gebieten nieder, wie zum Beispiel Concepción, Santiago oder Valparaiso. Der 1838 in Valparaiso gegründete erste Deutsche Verein in Chile entwickelte sich dabei schnell zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in dieser wichtigen Hafenstadt. Der wachsende Wohlstand vieler Deutsch-Chilenen und der Bau der Nord-Süd-Eisenbahn erleichterten die Verbindung nach Mittelchile und in die Hauptstadt Santiago. 1896 immatrikulierten sich die ersten deutschen Studenten an der Universität in Santiago. Kein anderer Bereich Chiles ist seitdem von Deutschen so entscheidend geprägt worden wie der Bereich Schule und Ausbildung. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts verpflichtete die chilenische Regierung zahlreiche deutsche Pädagogen, welche wichtige Weichen für eine Schulreform, für die Gründung höherer Schulen und für die Lehrerausbildung stellten. Die damals gegründeten traditionsreichen deutschen Schulen nehmen bis heute eine Spitzenstellung im chilenischen Schulsystem ein und zählen zu den erfolgreichsten Bildungseinrichtungen des Landes. Die Deutsche Schule Osorno feierte im Oktober 2004 ihren 150. Geburtstag. Sie stellt damit die älteste deutsche Schule Lateinamerikas dar. Bis heute werden die Deutschen Schulen landesweit von tausenden von Schülern besucht. Es bestehen zahlreiche Kontakte nach Deutschland. Der VDA pflegt mit Chile seit 1970 einen regen Schüleraustausch, der oftmals dazu führt, dass Chilenen deutscher Abstammung nach dem Abitur zum Studium nach Deutschland kommen. Bis heute existiert in Chile eine große Anzahl von deutschen Vereinen und Einrichtungen, die das gesellschaftliche Leben Chiles prägen und einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung des Landes leisten. Zweifellos sind die Deutschen nach den Spaniern die wichtigste Einwanderungsgruppe. Der VDA begleitet und unterstützt die deutsche Gemeinschaft in Chile in ihrem Bemühen um den Erhalt der kulturellen Identität. Beispiele dafür sind neben anderen Maßnahmen die Fortbildung der Leiter deutscher Chöre in Chorleiterseminaren ebenso wie die Ausstattung der Computerräume von Schulen, die in den letzten Jahren vom VDA finanziert wurden. Das Beispiel Chile zeigt, dass es sich lohnt, im VDA für die Bewahrung der deutschen Sprache und Kultur einzutreten. Wir werden auch weiterhin unseren Auftrag erfüllen und für die Chilenen deutscher Abstammung „Brückenbauer“ zur alten Heimat sein.

Herzlichst Ihr

Hartmut Koschyk

VDA-Bundesvorsitzender

 

„Sprachrohr der deutsch-chilenischen Gemeinschaft“

Interview mit Cóndor-Chefredakteurin Birgit Tuerksch

GLOBUS:

Frau Tuerksch, Sie sind Chefredakteurin des Cóndor. Wie sind Sie zu der Zeitschrift gekommen?

Tuerksch:

Zufällig, der Cóndor suchte jemanden, der zwei Mal wöchentlich die Druckfahnen korrigierte. Danach wurde ein Redakteur gebraucht und ich habe diese Aufgabe übernommen. 2003 wurde der Posten der Chefredaktion frei. Seitdem bin ich Chefredakteurin des Cóndors. Ich hatte vorher in Santiago in einem Verlag gearbeitet und in Deutschland beim Hessischen Rundfunk. Ich komme also, was die journalistische Arbeit betrifft, eher vom Rundfunk.

GLOBUS:

Wer sind Ihre Leser?

Tuerksch:

Die Leser sind an erster Stelle die Mitglieder der deutsch-chilenischen Gemeinschaft. Der Cóndor ist das Sprachrohr dieser Gemeinschaft und hält durch die Berichterstattung der über 150 deutsch-chilenischen Institutionen im ganzen Land, die Gemeinschaft zusammen. Der Cóndor hat wie alle Auslandszeitungen, die nicht in der Muttersprache des Landes erscheinen, mit dem Rückgang der deutschen Sprache, vor allem bei der jüngeren Generationen, zu kämpfen. Der Cóndor muss den „Spagat“ schaffen, sowohl seine ältere Leserschaft zufrieden zu stellen, als auch jüngere Leute  anzuziehen.

GLOBUS:

Wie sieht die wirtschaftliche Situation der Zeitschrift aus?

Tuerksch:

Der Cóndor finanziert sich ausschließlich über den Anzeigenverkauf. Das ist sehr schwierig, und eine „Nischenzeitung“ zu sein erweist sich hier sowohl als Vor- als auch als Nachteil. Um den Werbeverkauf anzuregen, veröffentlicht der Cóndor normalerweise einmal im Monat eine Spezialausgabe mit unterschiedlichen Schwerpunkten wie Tourismus, Gastronomie, erneuerbare Energien oder dergleichen.

GLOBUS:

Bekommen Sie Unterstützung aus Deutschland?

Tuerksch:

Der Cóndor erhält als chilenische Zeitung in deutscher Sprache keinerlei finanzielle Unterstützung aus Deutschland. Wir arbeiten aber mit allen deutschen Institutionen wie Goethe-Institut, Stiftungen und Deutsche Botschaft sehr gut zusammen.

GLOBUS:

Wird in der Redaktion eigentlich mehr Spanisch oder mehr Deutsch gesprochen?

Tuerksch:

In der Redaktion sprechen wir normalerweise Deutsch, da wir, mein Kollege Arne Dettmann und ich, aus Deutschland kommen. Ansonsten wird Spanisch gesprochen, da außer uns die weiteren Mitarbeiter Chilenen sind. Mit unserem Direktor Ralph Delaval, der Deutsch-Chilene ist und fließend beide Sprachen beherrscht, sprechen wir eher Deutsch.

GLOBUS:

Wie soll es mit dem Cóndor weitergehen?

Tuerksch:

An erster Stelle steht, den Cóndor als Bindeglied der deutsch-chilenischen Gemeinschaft zu erhalten und ihn gleichzeitig als moderne Zeitung weiterzuentwickeln. In nächster Zukunft soll die Erhöhung der Seitenzahl auf 20 sowie die Neugestaltung der Web-Seite erfolgen. Die neue Internetseite wird auch über einen Blog verfügen, der einen Austausch mit und unter den Lesern möglich macht.

Die Fragen stellte Frank Schüttig.

 

Mein Lieblingsland Chile

von Stefan Ehrlich, Frankfurt (Oder)

Im Jahr 2004 nahm ich am VDA-Jugendaustausch mit Chile teil, genauer gesagt lebte ich bei Familie Zwanzger in La Unión, im schönen Süden Chiles. Ich muss weit zurückgreifen. Chile war schon lange mein Lieblingsland, das liegt wohl an der eigenartigen Geographie: Chile erstreckt sich ja bekanntlich über 3600 Kilometer "chiliförmig" über den südamerikanischen Kontinent. Zum Schüleraustausch kam ich, weil ich als Schülersprecher an meinem Gymnasium Werbung für den VDA gemacht hatte und plötzlich eine Freundin eine chilenische Austauschschülerin mit in die Schule brachte. Wir freundeten uns an und ich lernte schon damals einiges über Chile. Dann kam mir die Idee, auch am Austausch teilzunehmen, wobei das noch ein wenig Überzeugungskraft kostete, bis ich auch meine Eltern dafür begeistern konnte.

Es war ein großer Schritt für mich, denn bis dahin hatte ich weder Europa noch Deutschland für so lange Zeit verlassen, und dann in ein Land, dessen Sprache ich nicht sprechen konnte. Aber ganz alleine war ich nicht: meine Schulfreundin kam ja auch mit. Die siebzehn Stunden Flug waren voller Aufregung und Anspannung. Wie werde ich aufgenommen? Versteht man mich überhaupt? Außerdem war ich Vegetarier und das kann in Chile wirklich zum Problem werden! (Bei meiner Familie jedoch nicht, sie nahmen es fassungslos hin und ich bekam das beste Gemüse und den besten Fisch des Landes!) Schließlich, nach weiteren zwölf Stunden Busfahrt, wurde  ich sehr herzlich in meiner chilenischen Familie mit dem deutschen Nachnamen aufgenommen und so war es kein Wunder, dass sich eine sehr enge Freundschaft zu meinem Gastbruder Christian entwickelte. Wir unternahmen viel, feierten gemeinsam, aber ich lernte auch langsam Spanisch und nach vier Wochen konnte ich schon ein bisschen mehr als „Hola“ und „¿Cómo estás?“. Allerdings gab es sowieso fast keine Kommunikationsprobleme, denn viele Leute, die Schüler, aber auch deren Eltern und Personen, von denen ich es nicht erwartet hatte, sprachen Deutsch. So kommt schon mal in einem Restaurant von der Bedienung die Frage in gebrochenem Deutsch: "Kommen Sie aus Frankfurt? Dort war ich schon!"

Ich hatte das Glück, sehr günstig mit meiner Schulklasse  zwei Wochen lang auf Klassenfahrt durch den Norden zu fahren.  So lernte ich in den acht Wochen Austausch nicht nur die chilenische Herzlichkeit und Gastfreundschaft, sondern auch viele schöne Orte von Puerto Montt bis Iquique kennen. Den größten Eindruck machte die Atacama-Wüste auf mich. Die Leere, am Horizont kleine Fata-Morganas und auf der anderen Seite die schneebedeckten Fünftausender, dazwischen kleine Oasendörfer. Aber auch die Hafenstadt Puerto Montt hat ihren ganz besonderen Reiz: Das raue Wetter, die herzlich-heiteren Marktfrauen im Hafenviertel Angelmo, die unidentifizierbaren Meeresfrüchte (die leckersten heißen „Locos“, zu deutsch also „Verrückte“), all dies macht das Tor zur Antarktis zu einem ganz besonderen Ort für mich. Ein richtiges Abenteuer war der Familientrip nach Argentinien, das im schmalen Chile ja nie weit weg ist. Von San Martin de los Andes nach Barriloche sollte es gehen, doch es kam anders: Mit dem Pickup durch den Fluss, weil die Brücke nicht mehr stand, leider stecken geblieben und von netten Argentiniern wieder herausgezogen endete die Fahrt vor einem umgestürzten Baum. Und zurück ging es wieder mit den netten Argentiniern durch den Fluss.

Man glaubt es kaum, aber in nur wenigen Wochen war ich am "Ende der Welt", wie man oft Chile tituliert, perfekt integriert, für manche nicht mehr der Gringo aus Alemania, sondern schon annähernd chilenisch. Und trotz meiner mangelhaften Kenntnisse in spanischer Grammatik und Vokabular, eignete ich mir schnell einige der typischen Wörter und Phrasen, die „Chilenismen“, an und lernte mit der Zeit sogar zwei Strophen der chilenischen Nationalhymne.

Zum Abschluss veranstaltete man für uns beiden Thüringer ein chilenisches Abschiedsfest, viele Leute kamen, sogar ein Lamm wurde unseretwegen geschlachtet. Die Gastfreundschaft und  Nähe, die wir erlebten, war unbeschreiblich groß und ehrlich, das machte natürlich den Abschied keineswegs leichter, auch wenn mein Gastbruder und viele Schulfreunde im Winter nach Deutschland kommen würden. Mit Tränen in den Augen und überhäuft mit Abschiedsgeschenken verließ ich wieder mit dem Bus den Süden Chiles in Richtung Flughafen Santiago. Die ausgetauschten Telefonnummern, E-Mail-Adressen, die Fotos und Impressionen, die Mitbringsel und das rudimentäre Spanisch mussten dann ununterbrochen die Beziehung zu meinem „Traumland“ aufrechterhalten, denn Christian, mein Gastbruder, sollte erst im Dezember zu uns kommen.

Auch in meiner Familie wurde Christian aufgenommen wie ein Sohn und Bruder, als selbstverständlicher Dank an ihn und seine Familie. Wir erlebten auch in Europa viel zusammen, waren in Süddeutschland und in den Alpenländern, er lernte Skilanglauf im Thüringer Wald und sprach am Ende der Austauschzeit fast fehlerfrei Deutsch.

Die zwölf Wochen, in denen Christian in unserer Familie lebte, waren für alle eine tolle Zeit und eine große Bereicherung, die weder meine Eltern noch mein älterer Bruder je missen wollen.

 

Ein Jahr später reiste ich nochmals alleine für zwei Wochen nach Santiago und La Unión und konnte dort nicht nur den 18. Geburtstag meines Gastbruders feiern, sondern auch die Licienciatura und den Abschlussball meiner chilenischen Klasse besuchen. Auch heute stehe ich noch mit meiner Familie in Patagonien und einigen Freunden, die nun über viele Universitäten im Land verteilt sind, im Kontakt. Ich denke, der Austausch in Chile und die Zeit mit meinem Gastbruder in Deutschland haben mich mehr als vieles andere in meinem Leben geprägt. Nicht nur die Eindrücke aus Südamerika blieben hängen, ich habe in Chile auch eine ganz andere Betrachtung meiner Heimat erlernt. Wenn man 13 000 Kilometer weg von zuhause über Deutschland spricht, schwillt einem die Brust vor Stolz, nicht zuletzt auch, weil man sich unter vielen stolzen Chilenen befindet. Plötzlich erkennt man, dass Deutschland viel besser von außen aussieht als es von innen scheint. Man entdeckt, dass es die Wartburg, Heidelberg, Weimar, der Kölner Dom und viele andere Orte in Deutschland oder Persönlichkeiten von Beethoven über Luther bis zu Humboldt sind, die uns wirklich berühmt machen und man im Ausland nicht nur unsere schwierige Vergangenheit betrachtet. Diese Erfahrung gehört zu den wichtigsten, die ich in Chile gemacht habe.

 

Die Bergung der Glocke des Kleinen Kreuzers Dresden

Ein chilenisch-deutsches Gemeinschaftsunternehmen

Die Geschichte des Kreuzers „Dresden

Vor 100 Jahren wurde der Kleine Kreuzer Dresden auf der Hamburger Werft Blohm & Voss gebaut. Der  Dresdner Oberbürgermeister Dr. Otto Beutler taufte das 117 Meter lange Schiff am 5. Oktober 1907 auf den Namen der Patenstadt. Am 1. Januar 1914 verließ die Dresden ihren Heimathafen Kiel mit dem Ziel „Mittelamerika-Station“. Als  ihr Einsatz vor der mexikanischen Küste beendet war, trat sie die Rückreise an; mit Kriegsbeginn am 4. August erhielt ihr Kommandant, Kapitän z. S. Fritz Lüdecke, den Befehl, in den Südatlantik zu laufen und Kreuzerkrieg zu führen.

Der Kreuzer war mit seinem schnellen Dampf-Turbinenantrieb nicht für große Distanzen ausgelegt; dennoch begann nun eine Langfahrt, die in den Pazifik bis zur Osterinsel führte. Dort traf SMS Dresden auf das Ostasiengeschwader des Vizeadmirals Maximilian Graf von Spee, das der Kreuzer auf dem beabsichtigten Rückmarsch nach Deutschland begleiten sollte. Es folgte die Schlacht bei Coronel mit siegreichem Ausgang für das Geschwader bei großen britischen Verlusten, und schließlich die Schlacht bei den Falklandinseln, in deren Verlauf von Spee´s Geschwader verlorenging mit einem Verlust von fast 2.000 Menschen. Allein die schnelle Dresden, vom Geschwaderkommodore rechtzeitig entlassen, konnte entkommen und sich in den chilenischen Fjorden der Magellan-Straße verbergen.

Um sich mit einem Kohleschiff zu treffen, lief Dresden Anfang März 1915 in Richtung der Insel Mas a Tierra, heute Robinson Crusoe Insel, mußte aber nach einer vergeblichen Verfolgung durch den schweren britischen Kreuzer HMS Kent mit erschöpften Kohlevorräten und defekten Turbinen die Cumberland Bucht der Insel Robinson Crusoe anlaufen. Am 10. März wurden Schiff und Besatzung einvernehmlich vom neutralen Chile interniert.

Am 14. März erschienen morgens die britischen Kriegsschiffe HMS Kent und HMS Glasgow, die sofort das Feuer eröffneten. Die vor Anker liegende Dresden war nur bedingt gefechtsfähig; mit zum Land gerichtetem Bug konnte sie ihre Geschütze nur eingeschränkt einsetzen. Ihr Kommandant ließ noch während des Gefechtes große Teile der 350 Mann starken Besatzung zum nur 500 Meter entfernten Ufer ausbooten. In aussichtsloser Lage setzte er weißes Tuch und ließ die vorderen Munitionskammern sprengen. Dresden sank daraufhin rasch über den Bug. Das Gefecht hatte dennoch keinen unfairen Charakter: Beide Parteien sandten Parlamentäre aus, Kreuzer Glasgow mit der Frage, ob ärztliche Hilfe benötigt würde.

Kommandant und Besatzung wurden von den chilenischen Behörden auf die dicht vor dem Festland liegende Insel Quiriquina verbracht, wo sie mit allem Notwendigen gut versorgt bis zum Ende des Jahre 1919 auszuharren hatten. Gut ein Drittel der Besatzung allerdings verblieb im Land, heiratete und begründete Existenz und Familie. So entstand eine bis heute andauernde, unmittelbare Verbindung zwischen dem deutschen Kreuzer und der chilenischen Bevölkerung.

Die Entdeckung der Glocke

Im Jahre 2003 genehmigten und unterstützten der Consejo de Monumentos Nacionales de Chile (Staatl. Denkmalpflege) und die Armada de Chile (chilenische Marine) eine deutsch-kanadische Expedition zum Wrack der Dresden. Im Vergleich zu anderen Schiffswracks des I. Weltkrieges ist dieses Wrack, wie es sich zeigte, gut erhalten. Es fehlen allerdings die Aufbauten sowie die beiden oberen Decks des Achterschiffes.

Gegen Ende der taucherischen und filmischen Arbeiten wurde die Schiffsglocke von SMS Dresden entdeckt. An der Glocke hing ein kaum angerostetes Stahlkabel, das von einem mißglückten Plünderungsversuch zeugte. Wenige Tage nach der Entdeckung kam es zu einem erneuten Versuch, die Glocke zu stehlen, wobei einer der Taucher schwer verletzt wurde.

Nach den Erfahrungen, die Marinearchäologen weltweit machen, können wertvolle Teile von Schiffswracks nicht dauerhaft geschützt werden; die Internationale der Plünderungstaucher wird immer einen Weg finden, dieses Kulturerbe zu entwenden. Das Abbergen solcher Gegenstände mit begleitender archäologischer Dokumentation ist die einzige Möglichkeit, den Verlust zu verhindern. Dies galt es umzusetzen

Die Bergung

Das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein fand im Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam einen Partner, der in das Projekt „Bergung der Glocke des Kleinen Kreuzers Dresden“ entscheidende Faktoren einbringen konnte. Das dem Forschungsamt angegliederte Militärhistorische Museum der Bundeswehr (MHM) in Dresden würde die Glocke in angemessenem Rahmen präsentieren können. Amtsleiter (bis Ende 2004) Kapitän z. S. Dr. Jörg Duppler konnte darüber hinaus den damaligen Inspekteur

der Marine, Vizeadmiral Lutz Feldt, zur Unterstützung des Vorhabens gewinnen.

Das Militärgeschichtliche Forschungsamt stellte schließlich beim Consejo de Monumentos den Antrag, die Glocke gemäß der UNESCO-Konvention von 2001 „zum Schutz des Kulturgutes unter Wasser“ zu bergen. Die Bergung war dabei von vornherein als chilenisch-deutsches Gemeinschaftsunternehmen konzipiert.

Bergung und Dokumentation standen unter Leitung eines deutschen Archäologen (Dr. Willi

Kramer), unterstützt von einer chilenischen Archäologin (Claudia Prado Berlien); historische und marine Beratung leistete Kapitän z. S. a. D. Dr. Jörg Duppler, der das Militärgeschichtliche Forschungsamt vertrat.

Am 24. Februar 2006 gelang die Bergung der Glocke aus 65 Meter Tiefe. Sie war nun stehend angetroffen worden, das Stahlkabel fehlte und auch der Standort war etwas versetzt. Die eingesetzten vier Taucher hängten einen Auftriebsballon an, der rund 120 kg Gewicht aufnehmen konnte. An Führungs- und  Sicherungsleinen gesichert konnte die Glocke schließlich zur Oberfläche gezogen werden. Die Rückfahrt mit der Glocke im Schlauchboot kann nur als triumphal beschrieben werden.

Das Wrack der Dresden ist als nationales Denkmal zu einem Eigentum der Republik Chile geworden, und so ist auch die Glocke chilenisches Staatseigentum. Im Oktober vergangenen Jahres verfügte Bildungsministerin Yasna Provoste, dass die Glocke als Leihgabe nach Deutschland verbracht werden könne. Am 23. Mai 2007 wurde im Museo Naval y Maritimo der Übernahmevertrag unterzeichnet. Die weltweit tätige Spedition Kühne+Nagel KG verpackte die Glocke danach sorgfältig und brachte sie auf dem Luftweg ohne Kostenberechnung nach Deutschland. Neben diesem Förderer des Unternehmens darf auch noch die ThyssenKrupp Marine Systems (Blohm + Voss) AG genannt werden, die ebenso dankenswerterweise weitere notwendige Ausgaben übernommen hat.

Am 20. Juni 2007 übergab die Botschafterin der Republik Chile, I.E. Frau Marigen Hornkohl, die Glocke an den Stellvertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr, Herrn Vizeadmiral Wolfram Kühn, in Anwesenheit des Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein, Herrn Peter Harry Carstensen. Die Glocke wird danach ein Jahr lang in den Archäologischen Zentralwerkstätten des Archäologischen Landesmuseums in Schleswig entsalzt, gereinigt und konserviert werden. Die dortigen Restauratoren und Konservatoren haben in der Behandlung mariner Funde, ob aus Holz oder aus Metall, international  geachtete Kompetenz. Im Anschluß an die Konservierung wird die Glocke dem Militärhistorischen Museum

der Bundeswehr in Dresden zugeführt werden.

Dr. Willi Kramer

Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein

 

 

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