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Editorial
Aktuelles 125 Jahre VDA: Terminankündigung Verein Deutsche Sprache fordert Sprachgesetz
Im Blickpunkt: Deutsche in Kanada Prof. Hartmut Fröschle: Geschichtlicher Überblick 6-7 Dr. Ulrich Frisse: Deutsche in Ontario 8-9 Ernst Friedel: Leben in Kanada 10 Dorothea S. Michelman: Mennoniten in Manitoba 11 Elisabeth von Ah: So kamen wir nach British Columbia 12 Prof. Hartmut Fröschle: Das Vereinswesen der Deutschkanadier 13 Patrick Friesen: Deutschkanadische Studien. 14 Angelika Arend/Victoria, B.C.: Deutscher Abend 15
Große Auslandsdeutsche Pionier in Kanada: William Berczy – Maler, Architekt, Kolonisator 16-17
Medien GLOBUS-Gespräch mit Erik Bettermann, Intendant der Deutschen Welle 18-20
Deutsche Sprache Gabriele Brähler: Deutsch macht mobil. Projekt zur Förderung des Deutschstudiums auf Island 21
Minderheiten Martin Schmidt: Hermannstadt auf dem Weg zur „Europäischen Kulturhauptstadt 2007“ 22-23
Geschichtliches Asta Meyer: Deutsche Architektur in Chile 24-25
Sport Bodo Bost über den erfolgreichsten Fußballer aller Zeiten, den Deutschbrasilianer Arthur Friedenreich 26-27
Die Deutschen in Kanada. Ein geschichtlicher Überblick
Von Hartmut Fröschle
Das heutige Kanada entwickelte sich aus einer zunächst französischen, dann englischen Kolonie. Mit der Gründung der Stadt Quebec im Jahr 1608 begann die französische Besiedlung Kanadas. Bei der ersten Volkszählung 1666 lebten ca. 3500 Einwohner in Nouvelle France, darunter einige Deutsche. Das Flußeinzugsgebiet der Hudson Bay wurde 1670 von der Hudson’s Bay Company für Großbritannien in Besitz genommen, und seitdem wurde die kanadische Geschichte von der englisch-französischen Rivalität gekennzeichnet. Im Frieden von Utrecht 1713 mußte Frankreich Akadien (die maritimen Provinzen) an England abtreten, durfte aber die Isle Royale (die Cape-Breton-Insel behalten), wo es die Festung Louisbourg errichtete. Bezeichnend für das öfters erlittene Schicksal deutscher Menschen in Nordamerika ist die Tatsache, daß auf beiden Seiten deutsche Truppen eingesetzt wurden. Ein Teil der Garnison von Louisbourg bestand von 1721 bis 1745 aus deutschschweizer Soldaten des Regiments de Karrer. Bis zum endgültigen Verlust der Festung gab es in der Nähe sogar ein deutsches Dorf, das Village des Allemands, dessen Grundriß vor einigen Jahren anläßlich der Expedition von Dr. Wolfgang Knabe (Mercator-Universität) auf den Spuren der frühen deutschen Siedler in Ostkanada rekonstruiert wurde.
Die deutsche Gruppeneinwanderung begann im September 1750 in der 1749 von den Engländern gegründeten Hafenfestung Halifax mit der Ankunft des Schiffes „Anne“, das von deutschsprachigen protestantischen Siedlern gefüllt war. Die Ansiedlung dieser „foreign protestants“ erfolgte als Gegengewicht gegen die katholischen Franzosen, die von den Englandern teilweise vertrieben wurden. Von den bis dahin auf mehr als 2000 Menschen angewachsenen deutschen Siedlern gründeten etwa drei Viertel 1753 die Stadt Lunenburg in Nova Scotia. Bei der Volkszählung 1767 wohnten in Lunenburg 1417 Deutsche und 51 Briten. Zuzug in die maritimen Provinzen kam Mitte der 1760er Jahre durch Pennsylvaniendeutsche, die die Orte Shedopy und Moncton gründeten. Zum letzten Mal erhielten Nova Scotia und New Brunswick bedeutenden Zuwachs von deutschen Landsleuten durch Loyalisten der britischen Krone nach dem Ende des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs. Die deutsche Gruppeneinwanderung ab 1783 wandte sich hauptsächlich nach Upper Canada (dem heutigen Ontario), durch Loyalisten und abgemusterte Soldaten aus dem Herzogtum Braunschweig und den hessischen Fürstentümern; sie waren den Briten als Hilfstruppen für eine Zeitlang zur Verfügung gestellt (verkauft) worden. Viele von ihnen blieben nach dem Krieg sowohl in Kanada als auch in den Vereinigten Staaten. Daneben wurde ab 1780 eine weitere deutsche Einwanderergruppe erkennbar, nämlich die aus Pennsylvanien kommenden Mennoniten. Während sich diese Einwanderer aus dem Süden auf der Niagara-Halbinsel ausbreiteten und dabei einige Ortschaften gründeten, kam 1794 eine fast 190 Menschen zählende Gruppe aus Deutschland (nach einem kurzen Aufenthalt in den USA) unter der Führung von William Berczy nach Upper Canada, wo sie zu den Mitbegründern der Stadt Toronto wurden. In der County (Grafschaft) Waterloo am mittleren Grand River entstand ab 1799 ein deutsches Siedlungszentrum, wo viele kleine Orte noch heute deutsche Namen tragen. Der Siedlungsmittelpunkt hieß bis 1916 Berlin und wurde dann in Kitchener umgetauft.
Die Besiedlung Westkanadas begann 1811 mit der Gründung des Red River Settlement (der heutigen Stadt Winnipeg) durch die Hudson’s Bay Company; zum Schutz der neuen Siedlung wurden etwa 100 meist deutschsprachige Soldaten verpflichtet. Masseneinwanderung nach Westkanada erfolgte erst ab 1872 infolge eines günstigen Heimstättengesetzes für mittellose Landwirte und die Erschließung des riesigen Landes durch den Bau von Eisenbahnlinien sowie die systematische Einwanderungsförderung seitens der Regierung Laurier. Neue Provinzen entstanden: 1870 Manitoba, 1905 Saksatchewan und Alberta. British Columbia, das durch Goldfunde vorübergehend einen Massenzustrom von Menschen (darunter Deutschen) erlebte, war schon 1858 zur Provinz erhoben worden. Diese neuen Provinzen wurden dem 1867 durch Zusammenschluß der östlichen Kolonien entstandenen Dominion Kanada angegliedert. Vor dem 1. Weltkrieg wandte sich die Hauptmasse der deutschen Einwanderer nach Westkanada, wobei ab 1900 nur 10 bis 15% aus dem Reich, hingegen 40 bis 45% aus Rußland und Südosteuropa und etwa 20% aus den USA kamen. In Süd-Manitoba siedelten sich von 1874 bis 1879 ca. 7000 Mennoniten aus Süd-Rußland (der heutigen Ukraine) an, die in den sog. Ost- und West-Reserven zahlreiche Orte gründeten. Sie verließen ihre russische Heimat, weil der Zar die allgemeine Wehrpflicht auch für diese Pazifisten eingeführt hatte. In Alberta sind die ersten deutschen Siedler für 1882 verbürgt. In Saskatchewan entstanden die ersten deutschen Ortschaften 1885, für die Gründung der St. Peters-Kolonie und der St. Josephs-Kolonie 1902 und 1905 zeichnete eine deutschamerikanische Siedlungs-Gesellschaft in St. Paul verantwortlich.
Die Unterbrechung der Einwanderung aus Deutschland durch den 1. Weltkrieg war 1927 zu Ende, als Deutschland seinen Status als „bevorzugtes Land“ für Einwanderer wiedererlangt hatte. Für einige Jahre schwoll der deutschen Immigrantenstrom wieder an, kam aber 1931 infolge der Weltwirtschaftskrise fast zum Stillstand. Denn jetzt erlaubte Kanada prinzipiell nur noch die Einwanderung vermögender englischer und amerikanischer Staatsbürger, sonst nur Familienzusammenführung von Ehepartnern und Kindern. Diese restriktive Politik änderte sich auch nach 1933 nicht, so daß relativ wenige Emigranten aus rassischen und politischen Gründen nach Kanada gelangten. Nach dem 2. Weltkrieg erwies sich das riesige, dünn besiedelte und rohstoffreiche Kanada wieder als sehr attraktives Einwanderungsland für verarmte, sicherheitsbedürftige und vor allem auch heimatvertriebene und geflüchtete Europäer. Von 1946 bis 1971 wanderten laut kanadischer Statistik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz 412 373 Menschen ein, davon ca. 250 000 von 1951 bis 1960. Bei der Volkszählung von 1951 bekannten sich 619 995 Personen zu ihrer deutschen Abstammung. 1971 ergab der Zensus 1 317 195 Menschen deutscher Abstammung; heute schätzt man die Zahl der (ganz oder teilweise) Deutschstämmigen in Kanada auf ca. 2, 5 Millionen. Zum spektakulären wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg Kanadas in den letzten 50 Jahren haben diese deutschsprachigen Staatsbürger erheblich beigetragen, wie man beispielsweise in den „Deutschkanadischen Jahrbüchern“ und der Zeitschrift „Canadiana Germanica“ nachlesen kann.
Literaturhinweis: Hartmut Fröschle, Die Deutschen in Kanada. Eine Volksgruppe im Wandel. Wien: Österreichische Landsmannschaft (ÖLM). Restexemplare sind bei der ÖLM in Wien noch erhältlich.
„Weltweit gut aufgestellt“
GLOBUS-Gespräch mit Erik Bettermann, Intendant der Deutschen Welle, über die Programmschwerpunkte des Senders, die Einstellung des Bezahlfernsehens GERMAN TV und den Wert des Auslandsrundfunks für Deutschland.
GLOBUS: Herr Bettermann, die Deutsche Welle hat in den letzten Jahren erhebliche Einsparungen hinnehmen müssen. Die neue Bundesregierung hat Ihrem Sender jetzt einen Etatzuwachs in Aussicht gestellt. Wird dem Auslandsrundfunk wieder mehr Bedeutung beigemessen?
Bettermann: In der Tat ist es so, dass die Deutsche Welle in diesem Jahr keine weiteren Etatkürzungen hinnehmen muss. Im Gegenteil: Der Haushalt wird im Investitionsbereich sogar um 2,2 Millionen Euro leicht aufgestockt. Darüber sind wir mehr als erfreut. Seit 1998 sind unsere Mittel um rund 50 Millionen Euro reduziert worden, ein Aderlass, den wir nur unter größten Schmerzen verkraftet haben. Ich bin Bernd Neumann, dem für uns zuständigen Kulturstaatsminister, sehr dankbar für diese Unterstützung unserer Arbeit. Ihm ist es gelungen, die gewachsene Bedeutung des deutschen Auslandsrundfunks im Kabinett zu vermitteln und trotz angespannter Haushaltslage keine weiteren Kürzungen für die DW zuzulassen. Nach Jahren rückläufiger Etatzahlen ist dies das richtige Signal, damit die Deutsche Welle ihre vielfältigen Aufgaben auch künftig angemessen erfüllen kann. Das entspricht auch der Koalitionsvereinbarung, in der es heißt die Deutsche Welle solle „in der Wahrnehmung ihrer Aufgaben gestärkt werden“. Die Entscheidung des Bundeskabinetts, uns erstmals seit acht Jahren wieder mehr Geld zu geben, markiert nach meiner festen Überzeugung eine echte Trendwende. Ich bin zuversichtlich, dass auch der Deutsche Bundestag die Kabinettsvorlage beschließen wird. Es scheint so zu sein, dass wir in Berlin wieder mehr Gehör finden und wir es geschafft haben, die Politik von dem Mehrwert des Auslandsrundfunks für Deutschland zu überzeugen.
GLOBUS: Laut Deutsche Welle-Gesetz, das seit 2005 gilt, gehört zum Programmauftrag auch die Förderung der deutschen Sprache. Viele Auslandsdeutsche wünschen sich mehr Sendungen für Kinder, um ihnen damit die deutsche Sprache näher bringen zu können. Könnte hier noch mehr getan werden?
Bettermann: Wir haben in allen unseren Medien – in Fernsehen, Hörfunk und Internet – ein umfassendes Angebot in deutscher Sprache. Das ist per se ein Beitrag, um rund um die Welt für die Sprache Goethes und Schillers, Brechts und Brentanos zu werben. Aus vielen Reaktionen von Hörern oder Internetnutzern wissen wir, dass die Sendungen und Websites gern genutzt werden, um unsere Sprache neu zu lernen oder Deutschkenntnisse aufzufrischen. Darüber hinaus haben wir kostenlose Deutsch-Sprachkurse im Programm, die in unseren 30 Sendesprachen verfügbar sind. Hier können Menschen zum Beispiel in Usbekistan oder Tansania die Kurse im Radio hören und das Gelernte in Begleitunterlagen nacharbeiten. Mit Blick auf Sendungen für Kinder muss ich freimütig einräumen: Ja, da könnte mehr gemacht werden. Ich muss allerdings ein weit verbreitetes Missverständnis aufklären. Die Deutsche Welle ist nicht in erster Linie der Sender für die Deutschen im Ausland. Wir haben – auf der Grundlage unseres gesetzlichen Auftrags – eine klare Zielgruppenpriorität. Insbesondere wenden wir uns an ausländische Multiplikatoren, also derzeitige und zukünftige Meinungsmacher sowie an Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft, die an differenzierten Informationen über Deutschland und Europa interessiert sind. Die zweite Zielgruppe sind Menschen in unfreien Medienmärkten oder Krisengebieten, d.h. über Multiplikatoren hinaus auch die breite Öffentlichkeit. Erst dann kommen dauerhaft oder vorübergehend im Ausland lebende Deutsche. Natürlich ist es unser Interesse, auch für deren Kinder eine Brücke nach Deutschland zu schlagen. Spezielle Programmflächen können wir – und hier geht es dann leider auch um Geld – für sie aber nicht einrichten. Möglicherweise werden sich jedoch durch eine engere Zusammenarbeit der Deutschen Welle mit den ARD-Landesrundfunkanstalten und dem ZDF im Fernsehen hier neue Chancen ergeben, Sendungen für Kinder und Jugendliche ins Programm aufzunehmen.
GLOBUS: Viele unserer Leser leben in Lateinamerika, vor allem in Brasilien, Argentinien und Chile, wo auch die deutsche Wirtschaft stark engagiert ist. Welche Bedeutung hat diese Region für die Deutsche Welle?
Bettermann: Deutschland und Lateinamerika haben traditionell starke kulturelle und historische Verbindungen. Der Kontinent bleibt aber auch wegen seiner politischen Bedeutung und des starken Engagements der deutschen Wirtschaft gerade in den so genannten ABC-Ländern ein wichtiges Zielgebiet für die Deutsche Welle. Fernsehen ist in den lateinamerikanischen Staaten das dominierende Medium; stark aufgeholt hat in den vergangenen Jahren das Internet. DW-TV ist in der Region über Satellit auf Deutsch und Englisch sowie mit einem zweistündigen Fenster in Spanisch zu empfangen. Das 24-Stunden-Programm ist in fast allen Ländern der Region in über 900 terrestrischen und Kabel-Stationen vertreten und erzielt hier mit wöchentlich 7,5 Mio. Zuschauern eine beachtliche Reichweite. Mit Internetangeboten in brasilianischem Portugiesisch und Spanisch deckt DW-WORLD.De den gesamten südamerikanischen Kontinent ab. Wir haben in den vergangenen Jahren von dem starken Anstieg der Online-Nutzung in den Kernländern Brasilien, Argentinien und Mexiko profitiert. Vor dem Hintergrund der Regionalisierungstrends im Internet wollen wir die Online-Redaktion Spanisch ausbauen. Deutsche in Lateinamerika haben somit ebenso wie alle anderen Menschen in der Region die Möglichkeit, sich über die Deutsche Welle in ihrer Sprache zu informieren. Aus vielen Zuschriften wissen wir: DW-TV und DW-WORLD.DE werden in Lateinamerika als Verbindung und Brücke zu Deutschland und Europa sowie als Alternative zu den US-amerikanischen Programmangeboten hoch geschätzt. Aufgrund der spezifischen Mediennutzung ist DW-RADIO in Lateinamerika nur noch auf Deutsch über Kurzwelle zu empfangen. Mit der Einführung digitaler Kabelsysteme eröffnen sich jedoch neue Möglichkeiten der Verbreitung über Partnerstationen, besonders in so genannten deutschen und englischen „Kolonien“.
GLOBUS: GERMAN TV, das Bezahlfernsehen von ARD, ZDF und Deutscher Welle vor allem für den nordamerikanischen Markt, ist nach vierjähriger Erprobungsphase Ende 2005 eingestellt worden. Den Nutzern wurde der Empfang von DW-TV angeboten. Warum ist das Projekt gescheitert und welche Erfahrungen lassen sich daraus ziehen?
Bettermann: Lassen Sie mich zunächst klarstellen: Auch wir bedauern, dass GERMAN TV zum 1. Januar 2006 seinen Sendebetrieb einstellen musste. Diese Gemeinschaftsinitiative von DW, ARD-Landesrundfunkanstalten und ZDF ist aber keineswegs gescheitert. Die schlichte Wahrheit ist, dass der Kultur- und Medienausschuss des Deutschen Bundestages entschieden hat, die für eine Fortsetzung des Sendebetriebs notwendige finanzielle Unterstützung zum Jahresende 2005 einzustellen. Die aus Steuermitteln stammende Anschubfinanzierung für GERMAN TV war auf vier Jahre befristet. Das Ziel bestand darin, mit einer ausreichend hohen Zahl an Abonnenten die Selbstfinanzierung des Pay-TV-Kanals zu gewährleisten. Dieses Ziel konnte auf dem wohl schwierigsten TV-Markt weltweit, dem der USA, nicht erreicht werden. Etwas Positives bleibt aber. Die Kooperation zwischen ARD, ZDF und Deutsche Welle hat sich bewährt. Diese Kooperation wollen wir fortsetzen und wenn möglich ausbauen. Die Deutsche Welle sucht daher gemeinsam mit ihren Partnern nach alternativen Wegen, die mediale Außenrepräsentanz Deutschlands durch ein verbessertes Auslandsfernsehen zu stärken. Wir sind zuversichtlich, bis Ende dieses Jahres zu einer Lösung zu kommen. Bis dahin empfangen die ehemaligen Abonnenten von GERMAN TV das derzeitige Angebot von DW-TV. Bisher haben nur wenige den Wechsel zum Anlass genommen, ihr Abonnement zu kündigen.
GLOBUS: Im März hat der Rundfunkrat der Deutschen Welle die Aufgabenplanung für die Jahre 2007 bis 2010 verabschiedet. Was haben Sie sich für die nächsten Jahre vorgenommen?
Bettermann: Für die Deutsche Welle stehen in dem vierjährigen Planungszeitraum drei Schwerpunkte im Mittelpunkt: die Europäische Zusammenarbeit, der Dialog mit den Menschen im arabischen Sprachraum und im Iran sowie die Präsenz in Asien. Hier wollen wir unsere Programmangebote ausbauen, die Verbreitung an die sich ändernden Nutzungsgewohnheiten anpassen sowie ihre Bekanntheit mit Marketingaktivitäten fördern, um gegenüber unseren Wettbewerbern nicht zurückzufallen. Unser Ziel ist es, die Kernzielgruppe der Multiplikatoren und Entscheidungsträger in den Ballungszentren und Metropolen deutlich besser und mit optimierten Inhalten zu erreichen. Im Fernsehbereich wollen wir durch die Übernahme ausgewählter Sendungen von ARD-Landesrundfunkanstalten und ZDF die Attraktivität des deutschsprachigen Programmanteils von DW-TV deutlich erhöhen. Die Deutsche Welle ist weltweit gut aufgestellt. Die Erfolge des deutschen Auslandsrundfunks können sich sehen lassen. Aber diese Erfolge sind kein Selbstläufer. Die Nutzer in aller Welt müssen täglich neu gewonnen werden, indem wir ihnen einen Mehrwert bieten, den sie woanders nicht bekommen. Es muss einen klaren Grund geben, die DW einzuschalten, ihre Inhalte zu konsumieren. Dazu müssen die Angebote genau auf die Menschen, die erreicht werden sollen, zugeschnitten und über die passenden Übertragungswege verbreitet werden. Nur wenn das gelingt, wird die Deutsche Welle ein fester und unverzichtbarer Bestandteil im Alltag ihrer Zielgruppen bleiben. Durch unsere konsequente Schwerpunktsetzung schaffen wir die Grundlage für eine erfolgreiche Arbeit im Planungszeitraum 2007-2010.
Interview: Frank Schüttig
Aufbruchsstimmung in Siebenbürgen Hermannstadt auf dem Weg zur "Europäischen Kulturhauptstadt 2007" / Von Martin Schmidt
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten auf dem Gebiet des heutigen Rumäniens ungefähr 900 000 Deutsche. Die meisten von ihnen waren im Banat beheimatet (im gesamten, die kleineren serbischen und ungarischen Landesteile einschließenden Banat siedelten 1910 knapp 390 000 Deutsche und stellten 24,5 Prozent der Bevölkerung) sowie in Siebenbürgen (rund 235 000, was einem regionalen Bevölkerungsanteil von 8,5 Prozent entsprach). Dort hatten sich deutsche Siedler bereits ab dem 12. Jahrhundert niedergelassen. Allein in Hermannstadt, dem politischen, kulturellen und religiösen Zentrum der sogenannten Siebenbürger Sachsen, waren es 1901 mehr als 16 000.
Im Gefolge des Zweiten Weltkriegs verringerte sich die Zahl der Deutschen im Banat und in Siebenbürgen zusehends, ohne aber die Existenz dieser Minderheiten zu gefährden, die ihre Schulen und Kirchen trotz kommunistischer Herrschaft bewahren konnten. Erst die politische Entwicklung nach dem Sturz des roten Diktators Ceausescu veränderte alles und mündete in die Massenaussiedlung der Jahre 1990/91. Damals verließen etwa drei von vier Deutschen ihre rumänischen Heimatgebiete, um im Vaterland der Vorfahren neu anzufangen. 1992 waren in ganz Rumänien noch etwa 200 000, größtenteils ältere Deutsche übriggeblieben, 1997 dann nur noch rund 60 000, Tendenz weiter sinkend.
Wer jedoch angesichts dieses gewaltigen Schwunds meinte, daß die einst überaus starke Präsenz deutscher Kultur und deutscher Menschen in Rumänien ein Auslaufmodell sei, sah sich getäuscht. Um beim Beispiel Siebenbürgen zu bleiben, so überlebten zwar nur wenige sächsische Dorfgemeinschaften den Massenexodus (etwa das unweit von Schäßburg abseits der Verkehrswege gelegene Malmkrog), doch das höhere Schulwesen konnte fortbestehen. Bildungsanstalten wie das Brukenthal-Lyzeum in Hermannstadt, das Josef-Haltrich-Lyzeum in Schäßburg oder das Honterus-Lyzeum in Kronstadt genossen einen derart guten Ruf, daß sich insbesondere zahlreiche Angehörige der rumänischen Oberschicht dafür entschieden, ihren Kindern eine fundierte Ausbildung in deutscher Unterrichtssprache zukommen zu lassen.
Das gesellschaftliche Klima in Rumänien ist betont deutschfreundlich. Das Bedauern der aus einer jahrzehntelangen Fehlentwicklung resultierenden Massenausaussiedlung der "eigenen" Deutschen ist inzwischen nicht nur für Intellektuellenkreise typisch, sondern gibt eine Grundstimmung in den betroffenen Regionen wieder. Sorin Preda hat diese Reue im August 1999 in der Bukarester Zeitschrift Formula AS mit Blick auf die Siebenbürger Sachsen in folgende Worte gefaßt: "Ein Jahrtausend sächsischer Geschichte geht dramatisch zu Ende; in völliger Indifferenz läßt man das Erlöschen der zivilisatorischen Prägungen zu, denen die siebenbürgischen Rumänen enorm viel zu verdanken haben. Friedliche Weggefährten unserer Geschichte, lassen die Sachsen eine schmerzliche Leere zurück. Ihr Weggehen ist in erster Linie eine rumänische Niederlage."
Auch vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum die Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahren stets zu den drei wichtigsten rumänischen Handelspartnern gehörte. Ausgesiedelte Siebenbürger Sachsen oder Banater Schwaben etc. spielen zusammen mit wenigen Rückkehrern eine wichtige Rolle für die weitere Ausgestaltung der Wirtschaftsbeziehungen. Hermannstadt (rumän.: Sibiu) mauserte sich zum begehrten Standort bundesdeutscher Firmen. Großkonzerne wie Siemens oder Thyssen-Krupp haben sich hier niedergelassen, aber auch zahlreiche mittlere und kleine Unternehmen, deren Gesamtzahl in der Kommune Hermannstadt mittlerweile auf die Hundert zugeht.
In der Stadt am Zibin vermischen sich ökonomische Aufbruchsstimmung und kulturpolitische Selbstfindung. Das alte Zentrum Hermannstadts ist ein Kleinod mitteleuropäischer Architektur. Noch jedenfalls, denn der Zerfall in den von Gotik und Barock geprägten Häuserzeilen und Plätzen der noblen Ober- und besonders der einst den Handwerkern vorbehaltenen Unterstadt war lange Zeit so augenfällig, daß er sogar die rumänische Regierung auf den Plan rief. Am 21. Januar 1999 wurde die im 12. Jahrhundert von deutschen Siedlern gegründete Stadt zusammen mit knapp 50 Ortschaften aus dem weiteren Umland per Regierungserlaß zu "Objekten von nationalem Interesse" erhoben. Die verantwortlichen rumänischen Stellen setzen für diese Herkulesaufgabe angesichts eigener leeren Kassen auf ausländisches, speziell deutsches Engagement. Und das mit einigem Erfolg, denn neben der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in der Bundesrepublik Deutschland und in Österreich engagieren sich unter anderem die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die Hanns-Seidel-Stiftung, das Bundesland Bayern sowie darüber hinaus der UNESCO-Weltfonds für Baudenkmäler, die Weltbank und das Großherzogtum Luxemburg. Auf örtlicher Ebene bemüht sich die Anfang 1998 gegründete Stiftung "SOS-Hermannstadt" um schrittweise Sanierungsfortschritte.
In den letzten Jahren haben sehr viele im heutigen Hermannstadt wohnende Rumänen die besonderen Chancen offensichtlich erkannt. Anders wäre die zweimalige Wahl von Klaus Johannis, dem heutigen Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR), zum Bürgermeister der 170 000 Einwohner zählenden Kreishauptstadt kaum erklärbar. Schließlich liegt der Anteil der örtlichen deutschen Minderheit nur noch bei gut einem Prozent (knapp 2000 Personen). Trotzdem fiel der Zuspruch der Bevölkerung für Johannis bei seiner Wiederwahl im Juni 2004 mit rund 88 Prozent der Stimmen überwältigend aus. Auch im Rat der Kommune Hermannstadt sowie im Kreisrat erzielte das DFDR 2004 absolute Mehrheiten. Im über 60 000 Einwohner zählenden Mediasch hatte der sächsische Geschäftsmann Daniel Thellmann mit sensationellen 30 Prozent die Nase vorn, und in Heltau wurde Johann Krech zum Bürgermeister gewählt.
Die Hermannstädter Bevölkerung ist mit ihrem deutschen Bürgermeister sehr zufrieden, zumal die Erfolge der ersten Amtszeit unübersehbar sind: Nirgendwo in Rumänien war das Wirtschaftswachstum größer; gute Straßen entstanden, Parkanlagen, eine moderne Infrastruktur und ein neues Industriegebiet im Westen der Stadt. Im Zentrum wird an allen Ecken und Enden an der Verschönerung des Ortsbildes gewerkelt. Der städtebaulich herausragende Große Ring soll neu gepflastert und besser beleuchtet werden, am Kleinen Ring ist eine Fußgängerzone anvisiert. Man ist gemeinsam stolz auf die Geschichte der einstigen Hauptstadt der Siebenbürger Sachsen, in der 1544 das erste Buch in rumänischer Sprache gedruckt wurde, 1797 Samuel von Hahnemann das erste Homöopathielabor der Welt gründete und schon ab 1904 eine elektrische Straßenbahn verkehrte. Bis 2007 soll Hermannstadt wieder in "neuem alten Glanz" erstrahlen, denn dann trägt die einstige Sachsenmetropole zusammen mit Luxemburg den Ehrentitel einer europäischen Kulturhauptstadt. Angesichts der großen internationalen Aufmerksamkeit, die Hermannstadt 2007 zweifellos zuteil werden wird, möchten die Stadtoberen noch rechtzeitig die Anerkennung der Altstadt als UNESCO-Weltkulturerbe erreichen. Die Chancen hierfür stehen gut.
An der Grundproblematik aller Sanierungsbestrebungen in Siebenbürgen ändern solch erfreuliche Entwicklungen jedoch nur wenig, denn die Auswanderung jener Menschen, die die betreffenden Gebäude noch bis zur lawinenartigen Aussiedlung der Jahre 1990/91 zum großen Teil bewohnt und gepflegt haben bzw. sich mit den Repräsentationsbauten und den vielen Kirchenburgen besonders identifizierten, läßt sich nicht mehr rückgängig machen. Viele der nunmehr verwaisten insgesamt noch etwa 200 Kirchenburgen und auch etliche andere alte Gebäude werden auf Dauer kaum zu retten sein. Daran vermögen auch die Gelder aus EU- und UNESCO-Töpfern oder die rührige Tätigkeit eines englischen Vereins für die Unterstützung der siebenbürgischen Kirchenburgen mit Prinz Charles als begeistertem Fürsprecher wenig zu ändern. Aber es sollte wenigstens soviel wie möglich von dieser faszinierenden Kultur erhalten bleiben, um späteren Generationen einen anschaulichen Eindruck des über 800jährigen deutschen Erbes in Siebenbürgen zu vermitteln.
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