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Globus Editorial: Wechsel in der Globus-Redaktion
Engelbert Mis Polen ist noch immer weit davon entfernt, seine Minderheiten normal zu behandeln. Am 1. Mai ist das Minderheitengesetz in Kraft getreten (Der Autor ist Chefredakteur der in Oppeln erscheinenden zweisprachigen Zeitung „Schlesisches Wochenblatt“)
Prof. Dr. Hartmut Fröschle Zu Besuch bei den Deutschbrasilianern. Eindrücke einer Forschungsreise im Herbst 2004 (Prof. Dr. Hartmut Fröschle ist Autor zahlreicher Publikationen über deutsche Gemeinschaften im Ausland
Kulturelle Identität der Rußlanddeutschen erhalten. VDA-Bundesvorsitzender Hartmut Koschyk, MdB, empfing Delegation des Internationalen Verbands der deutschen Kultur Moskau (IVDK)
VDA-Jugendaustausch: Die Umstellung war ganz gewaltig. VDA-Austauschschüler aus Brasilien verbrachten zwei Wintermonate in Bayern
"Ich bin froh, daß ich diese Erfahrung machen konnte". Stimmen zum Gegenaustausch mit Paraguay und Australien
Robert Stein DBU - das Theater der Ungarndeutschen. Die Minderheitenbühne in der ungarischen Provinz steckt sich ehrgeizige Ziele (Der Autor ist Leiter des Regional- und Nationalitätenstudios des Ungarischen Rundfunks in Fünfkirchen/Pécs und Leiter der deutschen Sendung)
Thomas Denk Die Bartholomäus-Brüderschaft der Deutschen in Lissabon. Sie ist heute die wohl älteste Hilfsorganisation von Auslandsdeutschen in der Welt
Deutsches Seniorenheim in Namibia ist auf Hilfe angewiesen
Für den Bücherfreund: · Kerstin E. Finkelstein: Ausgewandert. Wie Deutsche in aller Welt leben · Anton Bayr: Vergessene Schicksale. Überlebenskampf in sowjetischen Lagern ein Kriegsgefangener erinnert sich · Nordschleswig: Landschaft – Menschen – Kultur
Götz-Martin Rosin Vom Michigan Journal zur Nordamerikanischen Wochen-Post. Deutschsprachige Zeitung in den USA feierte 150. Geburtstag
Senya Müller Wie geht´s, Seemann? Die Deutsche Seemannsmission in Amsterdam (Die Autorin ist freischaffende Journalistin und lebt in London)
Zum Tode von Dr. Ernst Liesner
Gerd Stolz Conrad Poppenhusen - ein Unternehmer zwischen Alter und Neuer Welt
Aktuelles Maisacher Musiker vor großem Auftritt in den USA / Rußlanddeutscher Kulturpreis für Prof. Kehrer / Deutscher Soldatenfriedhof bei Kursk / Heinrich Kroll übernimmt VdG-Führung / Pädagogisches Institut der Ungarndeutschen
Aus den Landesverbänden Dr. Julie Kohlrausch 90 / Dr. Sauerzapf referierte über Siebenbürgen
Leserbriefe
Wechsel in der Globus-Redaktion: Dank an Hans Frick - "Glück auf" Frank Schüttig
Die vor Ihnen liegende „Globus“-Ausgabe ist die letzte, die der bisherige Redaktionsleiter Hans Frick verantwortet. Nachdem Hans Frick mit dem Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze aus der hauptberuflichen Beschäftigung beim VDA bereits zum 30. April 2003 ausgeschieden ist, gibt er zum 30. Juni diesen Jahres. nunmehr auch die Redaktionsleitung des „Globus“ an Frank Schüttig ab.
Hans Frick kam als Banater Schwabe 1989 aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland. In Rumänien war er von 1961 bis 1987 Journalist und Redakteur bei der deutschsprachigen Tageszeitung. „Neuer Weg“. Am 1. April 1990 trat Hans Frick in die Dienste des VDA. Anfangs betreute er VDA-Projekte in der ehemaligen Sowjetunion, die der Erhaltung deutschsprachiger Medien dort dienten. Unter Federführung von Hans Frick wurden deutschsprachige Zeitungsredaktionen in den GUS-Staaten mit moderner Elektronik ausgestattet, Nachwuchsjournalisten aus Deutschland zur sprachlichen Unterstützung entsandt und der Zeitungsvertrieb nach Deutschland gefördert. Seit 1990 wirkte Hans Frick bereits in der Redaktion des „Globus“ mit, dessen Chefredakteur er ab 1. April 2001 wurde. Seit dieser Zeit hat Hans Frick ein umfangreiches Netzwerk an Autoren in der ganzen Welt aufgebaut, die in jeder „Globus“-Ausgabe über deutschsprachige Gemeinschaften, weltweit die Geschichte deutscher Aus- und Einwanderer, aber auch über die Situation deutscher Sprache und Kultur rund um den Globus berichten. Hans Frick hat einen entscheidenden Anteil daran, daß der „Globus“ zu einem gern gelesenen und beachteten Medium geworden ist. Neben der „Globus“-Chefredaktion hat Hans Frick auch mit sehr viel Liebe und Engagement an der Herstellung des alljährlichen VDA-Bildkalenders maßgeblich mitgewirkt. Oft war er dabei auch Ideengeber für die jeweiligen Schwerpunktthemen. Auch für die Erarbeitung eines Internet-Auftrittes des VDA und dessen Pflege hat sich Hans Frick besonders engagiert. Der VDA hat Hans Frick für die in 15 Jahren geleistete engagierte Mitarbeit aufrichtig zu danken. Besonders um die Erhaltung, Gestaltung und Weiterentwicklung des „Globus“ hat sich Hans Frick großartige Verdienste erworben.
Für den jetzt wirklich beginnenden Ruhestand wünschen wir Hans Frick alles erdenklich Gute, vor allem Gesundheit, Zufriedenheit, Wohlergehen und Gottes reichen Segen.
Ab 1. Juli übernimmt Herr Frank Schüttig die Redaktion des „Globus“. Frank Schüttig wurde 1954 in Großröhrsdorf (Sachsen) geboren, legte 1972 sein Abitur ab und studierte von 1975 bis 1980 Verfahrenstechnik an der Technischen Universität Dresden, was er als Diplom-Ingenieur abschloss. Von 1985 bis 1991 studierte er Geschichte, Germanistik, Publizistik und Informationswissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der Freien Universität Berlin mit dem Abschluss Magister, gleichzeitig wirkte er als Seminarleiter bei der Friedrich-Naumann-Stiftung und qualifizierte sich an der Industrie- und Handelskammer zu Berlin auch im wirtschaftlichen Bereich weiter. Von 1986 bis 1990 war er Referent am Gesamtdeutschen Institut in Berlin. Von 1990 bis 1999 war er Hörfunkautor und Reisejournalist beim Deutschlandradio, beim Magazin „GEO“, für den „Rheinischen Merkur“. Journalistisch war er für „Die Welt am Sonntag“, das MDR-Fernsehen, die „Berliner Morgenpost“ und den Berliner „Tagesspiegel“ tätig. 1999 bis 2004 leitete er die Berliner Redaktion der Monatszeitschrift „Diplomatisches Magazin“. Seit 2005 ist er deren Chefredakteur. Dadurch verfügt er über enge persönliche Kontakte zu den in Berlin akkreditierten ausländischen Botschaftern, aber auch zu internationalen Organisationen, Stiftungen und Unternehmen.
Frank Schüttig liegen die deutschsprachigen Gemeinschaften in der Welt, aber auch die Erhaltung deutscher Sprache und Kultur weltweit sehr am Herzen. Seine profunde Ausbildung, journalistische Erfahrung, aber auch seine emotionale Verbundenheit mit unseren deutschen Landsleuten im Ausland qualifizieren ihn hervorragend für die Redaktionsleitung unseres „Globus“. Wir wünschen Frank Schüttig für seine neue verantwortungsvolle Aufgabe ein herzliches „Glück auf“. Möge der „Globus“ unter seiner Verantwortung weiter wachsen, blühen und gedeihen.
Hartmut Koschyk MdB Bundesvorsitzender des VDA
Eindrücke einer Forschungsreise im Herbst 2004 Prof. Dr. Hartmut Fröschle
Von Mitte Oktober bis Anfang Dezember 2004 hatte ich die Gelegenheit, für den VDA eine Reise durch fünf brasilianische Bundesstaaten zu machen, um Sprachstand und Selbstverständnis der Brasilianer deutscher Abstammung zu erforschen. Die Reise stand im Zusammenhang mit dem Jubiläum „180 Jahre deutsche Einwanderung in Brasilien.“ Ich mußte feststellen, daß sich im Vergleich mit meinen beiden vorherigen Informationsreisen bei den Deutschen in Lateinamerika – 1972 und 1986 – einiges geändert hatte. Der Wissensstand von Ende der 1970er Jahre ist festgehalten in dem von mir 1979 herausgegebenen Sammelwerk Die Deutschen in Lateinamerika. Schicksal und Leistung.
Diese siebenwöchige Reise durch die Staaten Rio Grande do Sul, Santa Catarina, Paraná, São Paulo, Espirito Santo und Rio de Janeiro wurde von Herrn Hans Günter Naumann, dem Gründer und langjährigen Leiter der Ausbildungsstätte für Deutschlehrer in Ivoti, organisiert und im südlichsten Bundesstaat auch betreut. Von Kontaktperson zu Kontaktperson wurde ich „weitergereicht“; ohne die großzügige, warmherzige Gastfreundschaft vieler Deutschbrasilianer wäre eine solch kompakte Reise, auf der ich Interviews mit etwa 50 Persönlichkeiten durchführte, unmöglich gewesen. Deshalb gilt mein herzlicher Dank meinen Betreuern, die mir auf vielfältige Weise behilflich waren: in RS Herrn Naumann, Familie Schünemann (Novo Hamburgo), Dr. Werner und Gisela Schinke (Estrela), Wolfgang Hans Collischonn (Lajeado), Pastor Hans Ulrich Werner (Rio Pardinho) und Prof. Lucildo Ahlert; in SC Frau Gertrud Steltzke, Pastor Friedrich Gierus sowie den Herren Hans Prayon (Blumenau) und Enio Schöninger (Florianopolis); in PR Dr. Alfredo und Peter Pauls, Uwe, Horst Gunter und Hans Ulrich Kliewer (alle Witmarsum), Pastor Germano Burger (Curitiba), der Familie Leh – Elisabeth Leh und ihren Töchtern Hildegard Reinhofer und Frau Remlinger (Entre Rios) sowie Pastor Osmar Bärtschi (Marechal Candido Rondón); in SP Pastor Wilhelm Waldmann, Joachim Tiemann, Dirk Brinkmann, Franz Schmidt, Karl Werner Scherwitz und João Beck; in ES Konsul Helmut Meyerfreund (Vitoria), Pastor Valdir Weber, Gerlinde Weber und Joel Velten (Domingos Martins), Helmar Potratz (Santa Maria de Jetibá), sowie in Rio Herrn Udo Dengler.
Es ist natürlich außerordentlich schwer, die vielfältigen Eindrücke auf einen Nenner zu bringen. Deshalb können verallgemeinernde Aussagen nur mit größter Vorsicht gemacht werden. Es erscheint aber unverkennbar, daß sich die deutschbrasilianische Volksgruppe in einem Umbruch befindet. Noch fand ich genügend Kontaktpersonen aus den verschiedensten Lebensbereichen, die Interviews auf deutsch geben konnten; größtenteils waren sie im Rentneralter. Daß Hochdeutsch in der Generation der 20jährigen als Muttersprache am Aussterben ist, kann nicht übersehen werden; es ist dies das Ende einer jahrzehntelangen Entwicklung, die im Zeichen der „Nationalisierung“ 1938 mit der Schließung der ca.1300 deutschen Privatschulen und ca. 2000 Vereine und 1942 mit dem Verbot der deutschen Sprache in Brasilien eingeleitet wurde. Der Schock über das Verbot der Muttersprache wirkte als Trauma lange nach; ihre Schulen waren von den deutschen Einwanderern in Selbsthilfe in abgelegenen Gegenden größtenteils zu einer Zeit gegründet worden, als es dort noch kein öffentliches Schulwesen gab. So wuchs die Generation der ab 1938 Geborenen ohne muttersprachlichen Unterricht auf; zwar wurde Deutsch als Fremdsprache in den Oberschulen 16 Jahre nach Kriegsende wieder zugelassen, danach auch an einzelnen Volksschulen in deutschen Siedlungsgebieten, aber die paar Stunden Deutschunterricht pro Woche konnten den vorherigen muttersprachlichen Unterricht nicht ersetzen, und das in vielen Familien noch gesprochene, meist dialektgefärbte Deutsch schwand zunehmend.
Damit geht ein Phänomen zu Ende, das in der Welt einmalig war: 150 Jahre lang war Deutsch in weiten Gegenden Südbrasiliens Muttersprache! Daß zwar in dicht deutsch besiedelten Gegenden im Hinterland Rio Grande do Suls der hunsrückische Dialekt noch lebendig ist, aber das Hochdeutsche nicht mehr beherrscht wird, hängt auch damit zusammen, daß die seit den 1970er Jahren von der EKD unabhängige Evangelisch-lutherische Kirche Brasiliens in der Predigt bewußt auf die portugiesische Sprache umgestellt hat; deutschsprachige Gottesdienste sind Auslaufmodelle, obwohl es noch viele Ältere gibt, die Predigten gerne in der Muttersprache hören würden. Bei jüngeren bilingualen Pastoren ist klar erkennbar, daß sie sich im Portugiesischen wohler fühlen. Deutsch ist heute also auch in den deutschen Siedlungsgebieten Brasiliens nur noch eine Sprache, die mit anderen Fremdsprachen, vor allem Englisch, Spanisch und Französisch, konkurrieren muß. Daß es qualifizierte Deutschlehrer in befriedigender Zahl gibt, ist in erster Linie dem evangelischen Institut zur Ausbildung von Deutschlehrern in Ivoti zu verdanken, das eng mit der Jesuitenuniversität Unisinos in São Leopoldo zusammenarbeitet. Deutschunterricht spielt heute eine herausragende Rolle nur noch in den deutschen Zweigen der großen (ehemaligen deutschen) Schulen der Großstädte, etwa dem Colegio Cruzeiro und der Escola Alemã Corcovado in Rio sowie dem Colegio Visconte Porto Seguro, dem Colegio Imperatriz Leopoldina und der Humboldt-Schule in São Paulo. Deutschunterricht wird auch in den Goethe-Instituten in Porto Alegre, Curitiba, São Paulo und Rio angeboten.
Ist der Schwund der deutschen Sprache aus obigen und anderen Gründen (einsprachiges Fernsehen, größere Mobilität und dadurch mehr ethnisch gemischte Ehen u.a.) sehr zu bedauern, da es die fruchtbare Interaktion zwischen Binnen- und Auslandsdeutschen erschwert oder verhindert, so sind doch auf anderen Feldern beachtliche Aktivitäten der Deutschbrasilianer festzustellen. Der Erforschung verschiedener Aspekte der Geschichte der eigenen Volksgruppe widmen sich z.B. Gelehrte an den Universitäten Unisinos (Martin Dreher, Arthur Blasio Rambo, Irmgart Grützmann, Lúcio Kreutz), Porto Alegre (Cleo Altenhofen, René Gertz), Santa Cruz do Sul (Jorge Luiz da Cunha). Darüber hinaus wird viel lokale und regionale Forschung von Laien durchgeführt; es existiert ein von dem Bürgermeister von Forquetinha, Waldemar Richter, gegründeter Verband deutschbrasilianischer Geschichtsforscher, der schon einige Konferenzen organisiert hat. In Lajeado kümmert sich Wolfgang Collischonn erfolgreich um den Aufbau des dortigen deutschbrasilianischen Freilichtmuseums. Das von Telmo Lauro Müller geleitete Historische Museum in São Leopoldo existiert schon seit den 1980er Jahren. In Sinimbu kann man in der Pousada (Pension) Engelmann ein kleines Koloniemuseum besichtigen; in Rio Pardinho ist es Pastor Werner gelungen, den alten Friedhof zu retten, indem er ihn zu historischem Erbe erklären ließ.
Auch andere Pastoren kümmern sich um das historische Erbe, etwa Armindo Müller in Nova Friburgo, der die frühe Einwanderung in den Bundesstaat Rio dokumentiert. Der Initiative von Franz Schmidt ist es vor allem zu verdanken, daß der lange vergessene und verwilderte Pionierfriedhof in Colonia Velha bei São Paulo restauriert wurde. In Espirito Santo gibt es in letzter Zeit eine lebhafte Forschung über die dort im 19. Jahrhundert eingewanderten Pommern, die Pomeranos, etwa seitens Prof. Ismaier Tessmann in Santa Maria (der an einem pommerisch-portugiesischen Wörterbuch arbeitet) und Jorge Küster aus Vila Pavao. Nicht zu vergessen ist natürlich das 1938 gegründete Instituto Martius Staden in São Paulo, der archivarische Mittelpunkt der deutschbrasilianischen Forschung, dessen Forschungsergebnisse im Staden-Jahrbuch veröffentlicht werden. Leider sind mit Ausnahme dieses Jahrbuchs heutzutage fast alle anderen deutschbrasilianischen Publikationen auf portugiesisch verfaßt. Dies trägt zwar zum besseren Wissen der allgemeinen brasilianischen Bevölkerung über die deutsche Volksgruppe Brasiliens bei, birgt aber die Gefahr in sich, daß das Wissen in Deutschland um die neuesten Entwicklungen in Brasilien schwindet und transatlantische wissenschaftliche Kommunikation zum Erliegen kommt.
1981 publizierte ich als Eckart-Schrift in Wien ein Buch über die Deutschen in Kanada mit dem Untertitel „Eine Volksgruppe im Wandel“. Ein Wandel in mehrfacher Hinsicht ist heute auch bei den Deutschbrasilianern bemerkbar. Es wird unerläßlich sein, in meiner für 2006 geplanten Eckart-Schrift über Die Deutschbrasilianer einst und jetzt neben den grundlegenden Fakten über Einwanderung und Siedlungsentwicklung auch die tiefgreifenden Veränderungen zu würdigen.
Was bleibt, ist die von den deutschen Einwanderern und ihren Nachfahren geprägte Landschaft mit den um die neugotische Kirche gruppierten anheimelnden Dörfern und Kleinstädten, die mit ihren alten und neuen Fachwerkbauten eine spezifische Atmosphäre haben. Von Blumenau (dem Veranstaltungsort eines großen Oktoberfestes) aus verbreitet sich seit den 1980er Jahren in den deutschstämmigen Siedlungen Südbrasiliens die Sitte, den deutschen Charakter durch Fachwerk zu symbolisieren. Diese Betonung eines spezifischen kulturellen Erbes erweist sich zunehmend als Attraktion für Brasilianer aus dem Norden. Ein Besuch in dem landschaftlich malerischen Südbrasilien mit seinen freundlichen Menschen vermag auch dem mitteleuropäischen Besucher – neben Sensationen wie den Iguaçu-Fällen – einiges zu bieten. Mir wird mein Besuch unvergeßlich bleiben.
Die Minderheitenbühne in der ungarischen Provinz steckt sich ehrgeizige Ziele
Von Robert Stein
Die Deutsche Bühne Ungarn in Seksard zeigte 1982 ihre erste Vorstellung, damals noch in einem Nebenraum des städtischen Kulturzentrums, aber selbst der Weg dahin würde genügend Stoff für eine große Vorstellung liefern. Die Entstehung der DBU gehört zu den ungarndeutschen Legenden und dieser Geist läßt das Theater von Zeit zu Zeit ordentlich durchrütteln.
Dabei wird am Garay-Platz in Seksard ordentliche Arbeit geleistet und ein Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte bringt etliche Höhepunkte, gute Regiearbeiten, anerkannte schauspielerische Leistungen und oft auch einen Hauch des ganz großen Theaters ans Tageslicht. Die DBU wird von ihren Freunden geliebt und geschätzt, und selbst die Idee eines deutschen Theaters in Ungarn führte oft dazu, daß man die Lizenz - und wohl auch die damit verbundenen staatlichen Förderungen – gerne woanders gesehen hätte.
Seit einem Jahr hat die DBU die jüngste Intendantin des Landes, Frau Ildiko Frank, die ein kaum noch funktionierendes Theater übernahm, ohne festes Ensemble, ohne bühnentaugliche Stücke und ohne geordnete Finanzen. Mit harter und sicherer Hand holte sie erfahrene Schauspieler nach Seksard zurück und verpflichtet junge Leute, die gemeinsam ordentliche Stücke auf die Bühne stellten, darunter Mrozeks „Das Haus auf der Grenze”, Molnárs „Olympia”, Kishons „Es war die Lerche” und zuletzt auch Canettis „Die Hochzeit”. Diese Stücke bilden im Moment das Repertoire des Theaters, keine schlechte Leistung in der kurzen Zeit. Gut für die schnelle Genesung war auch die Tatsache, daß der Komitatstag der Tolnau und die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen bereits 2003 einen Vertrag über die gemeinsame Trägerschaft der DBU unterzeichneten, wodurch die Stellung des Theaters stabilisiert und die Finanzlage erheblich verbessert werden konnte. Jetzt sei man soweit, so Intendantin Frank, sich bereits Gedanken darüber zu machen, wie das Theater seinen endgültigen Platz im Leben der Ungarndeutschen und in der ungarländischen Theaterwelt finden könnte. Man suche die völlige Konsolidierung und sowohl die Anerkennung der Theaterfreunde, als auch die der Branche. Als gleichberechtigter und gleichwertiger Akteur wolle man eben verstanden werden. Ehrgeizige Ziele für ein Minderheitentheater in der ungarischen Provinz.
Als 1982 die Zuschauer der ersten Vorstellung von Schnitzlers „Anatol” entgegenfieberten, sah dies alles noch ganz anders aus. Im düsteren Nebenraum des städtischen Kulturzentrums, den man bald mit dem Stadtfernsehen teilen mußte, munkelte man noch darüber, welche Kontakte den Direktor in diese Position hievten ohne der deutschen Sprache mächtig zu sein, wieso gerade Seksard auserkoren wurde und was das alles überhaupt sein soll mit einem deutschen Theater in Ungarn. In den ersten Jahren ihres Bestehens funktionierte die DBU eher als ein imaginäres Theater, in dem ungarische Schauspieler auftraten, der Sprache kaum mächtig, von einer Theaterleitung verpflichtet, die keine große Ahnung hatte, wie man eine derartige Instituition leitet und was man damit überhaupt anfangen sollte. Nicht selten kam es vor, daß Schauspieler nach der Vorstellung zugeben mußten, vom Text eigentlich kein Wort verstanden zu haben.
Erst mit der Übernahme der Intendatur durch András Frigyesi änderte sich die Situation radikal. Frigyesi hatte als Dramaturg und Regisseur an mehreren Theatern auch im deutschsprachigen Ausland Erfahrungen gesammelt und begann die DBU zu professionalisieren. Zu diesem Prozeß gehörten die Verpflichtung wirklich guter und landesweit bekannter Schauspieler, die deutsch ordentlich beherrschten, die Auswahl guter Stücke und der Aufbau professioneller Strukturen, die von der Neuordnung des technischen Bereichs bis hin zur Erarbeitung eines neuen Images reichten. Nach ein paar guten Stücken, darunter die „Dreigroschenoper”, von Claudia Nowotny vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater aus Bautzen inszeniert, begann auch das Publikum das Theater ernst zu nehmen. Paralell dazu wurde auch die Frage der Unterbringung gelöst. Mit maßgeblicher Unterstützung des Landes Baden-Württemberg über die Donauschwäbische Kulturstiftung wurde 1994 das Gebäude eines Kinos erworben und zu einem kleinen aber schmucken Theater wieder aufgebaut. Die achtzig Plätze im Zuschauerraum und die moderne Technik boten eine gute Grundlage für Vorstellungen mit besonderer Stimmung. Übergeben wurde das neue Gebäude mit Lessings „Nathan der Weise”, die Vorstellung wurde auch vom damals amtierenden Staatspräsidenten Árpád Göncz besucht. Dies war zweifelsohne der Ritterschlag der DBU. Es folgten gute und dann weniger gute Jahre mit Interimsintendanten und schließlich mit einer Leitung, die Anfang des neuen Jahrhunderts selbst viel dafür tat, die eigene Lage mit zerrütteten menschlichen Beziehungen und schlechten Stücken zu untergraben.
Ildiko Frank ging mit 19 Jahren nach Temeswar in Rumänien, um in der Schauspielklasse der Westuniversität ausgebildet zu werden. Ihr Studium wurde von der DBU gefördert und von der Donauschwäbischen Kulturstiftung finanziert. Sie galt von Anfang als großes Talent und in vieler Hinsicht auch als Hoffnungsträgerin. Ihre erste Rolle in Seksard im „Das kunstseidene Mädchen” war eine Hauptrolle, aber selbst sie hätte wohl nicht gedacht, daß sie bereits nach drei Jahren zur Intendantin gewählt wird. Doch die Not war groß und damit auch der Druck, daß sie den Job übernimmt, als jemand mit Kenntnissen über den Theaterbetrieb, als eine Vertrauensperson und nicht zuletzt als gute Schauspielerin, die weiß, was man in diesem Theater zeigen sollte. Daß sie auch sonst weiß, wie man eine Institution leitet und wie man mit harter Hand für Disziplin sorgt, stellte sich gleich bei der ersten Pressekonferenz heraus.
Die DBU muß, sagt sie, in unmittelbarem Kontakt zu den Ungarndeutschen stehen und zu allen anderen, die sich gerne deutsche Theatervorstellungen in diesem Land anschauen möchten. In jeder Saison wird ein deutscher Klassiker, ein musikalisches Stück, ein Kinderstück und ein Lustspiel im Repertoire stehen. Von den sechs Planstellen für Schauspieler sind alle besetzt, doch wie es in dieser Branche üblich ist, gibt es auch schon mal einen Wechsel. Junge Schauspieler wie etwa Bálint Meran oder Judit Taskovics, von Gabriela Hadschikostowa und Bern von Boemches ganz zu schweigen, bringen eine gute sprachliche Qualität in die Vorstellungen und stärken die Professionalität. Daß nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, gibt auch Intendantin Frank zu, aber immerhin sei man dabei, etwas zu leisten und Lösungen zu suchen.
Viel schwieriger sei es, den Ausweg in Sachen Schauspielerausbildung zu finden, meint Ildiko Frank, denn wenn man jemanden ins Ausland schicke, bestehe eben die Gefahr, daß dieser dann nicht mehr zurückkommen wolle. Das weiß sie aus eigener Erfahrung. Eine Lösung wäre vielleicht alles in die eigene Hand zu nehmen, vielleicht in Zusammenarbeit mit der Hochschule in Seksard oder Kaposvár, aber das sei schwierig, man muß ja zuerst die Akkreditierung schaffen und dafür stehen die Chancen schlecht.
Besser gelaufen sind bisher die Auslandskontakte. Die DBU hatte schon Gastspiele aus Südtirol und Bautzen und eigene Stücke in mehreren Städten in Rumänien gezeigt, darunter auch beim Theaterfestival in Arad. Doch weitere Kontakte zu anderen deutschen Theatern in der Welt würde die junge Intendantin gerne ausbauen und könnte sich gut gegenseitige Minisaison-Auftritte vorstellen, in dem ein deutsches Theater in ein anderes Land geht und in einer Woche alle Stücke vorstellt, die man in der Saison gespielt hatte. Man würde zu dieser guten Idee gerne Partner finden.
Ob das Theater in Seksard am richtigen Ort ist? Eine Frage, so Frau Frank, die sich selbst erledigt. Das Theater ist in Seksard, und seit dem sie mit ihrer Familie dort lebt, lernt sie auch die besseren Seiten der Stadt kennen, die zur Arbeit gar nicht ungeeignet ist. Die Stücke, die dort entstehen, sollen zukünftig auch in vielen anderen Ortschaften Ungarns zu sehen sein, die Abstecher und speziell die Vorstellungen für Schüler und Studenten, Literaturstunden inbegriffen, sollen einen sehr wichtigen Teil ihres Angebots bilden.
Daß die DBU in Ungarn eine Zukunft hat, davon ist Ildiko Frank überzeugt. Das Theater wird immer ein besonderes Flair haben und sich von allen Spielstätten in Deutschland und Ungarn durch ihre besondere Situation unterscheiden. Doch nicht nur diese Sonderstellung allein, eher die Professionalität und die gute Qualität der gezeigten Stücke sollen Ungarndeutsche und andere Freunde des deutschen Theaters nach Seksard locken. Die Sache scheint in guten Händen zu sein.
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