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Ein Wort voraus
Liebe Globus-Leser!
In Franken sind 2008 bedeutende Jahrestage zu feiern: Vor 325 Jahren siedelte sich die erste deutsche Auswanderergruppe in Amerika an. Sie folgten der Initiative von Franz Daniel Pastorius und gründeten die Stadt Germantown in Pennsylanien. Frank Trommler berichtet aus Philadelphia, wie Pastorius zur identitätsstiftenden Figur der Deutschamerikaner wurde und welche Rolle er dort im Jubiläumsjahr noch spielt. Auch in Franken wollen wir ihn nicht vergessen. In Sommerhausen erinnert sein Geburtshaus an ihn, heute ein Weingut. Eine internationale Jugendbegegnungsstätte finden wir im Pastorius-Haus in Bad Windsheim.
Begleitet von einer ganzen Reihe von Festveranstaltungen und einem internationalen Kongreß wird in seiner Geburtsstadt Fürth und an seinem Wirkungsort Neuendettelsau der 200. Geburtstag von Wilhelm Löhe begangen. Dies liegt zwar wesentlich an seiner überragenden Bedeutung als einer der Gründerväter der Diakonie. Doch sehr lebendig werden nach wie vor die vielfältigen Beziehungen zu den „Frankensiedlungen“ in Michigan, USA, gepflegt, vor allem in der Partnerstadt Gunzenhausen. Legendär ist hierzulande das längst vergriffene Fränkisch-Englische Wörterbuch aus Frankenmuth. Hoffentlich lassen sich die Herausgeber zu einer Neuauflage bewegen! Hans Rößler und Marwood Frank geben einen Einblick ins Geschehen von beiden Seiten des Atlantiks.
Und schließlich feiern zwei Persönlichkeiten aus Fürth ihren 85. Geburtstag, die auch sechzig Jahre nach ihrer Emigration ihre Heimatstadt tief im Herzen bewahren: Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger, der mit seinem Bruder Walter erstmals der Fernsehjournalistin Evi Kurz Einblick in die persönliche Familiengeschichte gab. Und der in Argentinien lebende Schriftsteller Robert Schopflocher, der in diesen Tagen mit dem Jakob-Wassermann-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Mit mehreren Romanen und Erzählbänden in spanischer Sprache bereits erfolgreich, kehrte er vor einigen Jahren zu seiner Muttersprache zurück.
Daß die Franken auch Tüftler und Techniker sind, beweist uns die „Forschungsgemeinschaft Gustav Weißkopf“ in Leutershausen, die dem Flugpionier zu einem gerechten Platz in der Luftfahrtgeschichte verhelfen will. Matthias Lechner erzählt aus der spannenden Zeit der „tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten.“ Wesentlich erfolgreicher hat ein anderer fränkischer Auswanderer mit einem deutschen Schneider aus Riga das gemeinsame Patent vermarktet: Tanja Roppelt schildert den Weg von Levi Strauss aus Buttenheim – und den Weg eines Kleidungsstücks, das wie kaum ein anderes in der Welt berühmt wurde.
Wir wollen aber auch nachschauen, wie es den jüngeren Auswanderern an ihren neuen Wohnorten geht, was sie bewegt und wie sie aus der Entfernung auf ihre alte Heimat blicken. Arndt Peltner lässt uns den Rhythmus deutscher Rockmusik in San Franzisko spüren, von Jürgen Hornemann in Atlanta erfahren wir, wie sich die „Ansbacher im Ausland“ nicht aus den Augen verlieren. Wolfgang und Petra Bald versorgen Reisende am Südwestkap Europas mit der „letzten Bratwurst vor Amerika“. Jürgen Maussner erzählt, was ihn zur Rückkehr aus Australien bewegte. Franz Dieners fränkischen Bericht aus Südafrika haben wir für den GLOBUS ins Hochdeutsche übersetzt. Denn das scheint allen Befragten gemeinsam zu sein, bei aller Unterschiedlichkeit der Lebenswege: Die tiefe Liebe zu ihrem Frankenland und zur fränkischen Sprache.
Lassen Sie sich also herzlich einladen, diesen Landstrich und seine Bewohner kennenzulernen! Kommen Sie als gern gesehene Besucher, erleben Sie die fränkische Lebensart, die reiche Kultur seiner Städte und Landschaften. Nehmen Sie als Gastfamilien und Schüler am VDA-Jugendaustausch teil und bauen Sie mit an „lebendigen Brücken“ in andere Länder und Kulturen. Der VDA gestaltet vielseitige Angebote und lädt Sie ein, sich mit Ihren Ideen und Talenten einzubringen.
Nun bleibt mir noch ganz persönlich den Autoren dieser Ausgabe zu danken, ebenso den vielen Mitwirkenden, die mit Bildern, Hinweisen und Ratschlägen geholfen haben. Sie alle haben dies ehrenamtlich geleistet! Wir freuen uns, wenn wir von unseren Lesern erfahren, wie Ihnen die Beiträge gefallen oder über welche Themen Sie mehr erfahren wollen. Schreiben Sie uns auch gern, wenn Sie selbst einen Beitrag aus dem Ausland beisteuern können. Die Anschrift der VDA-Bundesgeschäftsstelle finden Sie im hinteren Teil des Hefts.
Eine anregende und unterhaltsame Lektüre wünscht Ihnen Ihr
Dr. Wolfgang Betz
Mitglied des Bundesvorstands des VDA
Ansbacher im Ausland – unser Heimatnetzwerk im Internetvon Jürgen Hornemann, Atlanta, Georgia, USA
Ich hatte keineswegs vor, auszuwandern – sondern wollte mich einfach für ein bis zwei Jahre „in der Weltgeschichte umschauen“, wie man in Franken so sagt. Nach meiner Berufsausbildung im elterlichen Malerbetrieb in Ansbach bin ich viel gereist. Mein Traumziel war damals Kalifornien – das „Mekka der Bodybuilder“. Dort wollte ich unbedingt hin, denn Bodybuilding war meine große Leidenschaft. 1985, ich war gerade 24 Jahre alt, konnte ich mir diesen Traum erfüllen. Doch es kam anders als gedacht: In Lake Tahoe lernte ich Cindy kennen, wir verliebten uns Hals über Kopf, und nach drei Wochen waren wir schon verheiratet. So bin ich in Amerika geblieben. Zehn Jahre wohnten wir in Tucson, Arizona und sind dann nach Atlanta, Georgia, umgezogen. Wir können rundum zufrieden sein: Mit unseren beiden Töchtern und einem dritten Baby auf dem Weg, sind wir eine glückliche Familie. Mein Maler- und Renovierungsgeschäft floriert– deutsche Handwerksarbeit hat einen sehr guten Ruf in Amerika.
Ein Zurück nach Deutschland kann ich mir deshalb nicht mehr vorstellen. In den mehr als zwanzig Jahren habe ich mir eine sehr gute berufliche Existenz aufgebaut, bin mit einer Amerikanerin verheiratet, habe hier Wurzeln geschlagen, genieße die Freiheiten in diesem Land. Unsere Kinder wachsen zweisprachig auf und besuchen eine tolle Schule. Bei meinen Besuchen in Deutschland fällt mir auf, wie vieles sich auch dort verändert hat und es mir schwerfallen würde, wieder Fuß zu fassen.
Trotzdem bin ich meiner Heimatstadt Ansbach und dem Frankenland tief verbunden. In den ersten Jahren hier zählte für mich nur Amerika, in das ich mich regelrecht hineinstürzte. Erst nach fünf Jahren war ich wieder einmal zu Besuch in Deutschland. Inzwischen ist mein Verhältnis zu beiden Ländern ausgeglichener. Vielleicht wächst auch durch die große Entfernung ein besonderes Gefühl für die alte Heimat. So geht es offenbar vielen hier. Normalerweise sind die Deutschen hier sehr eng verbunden und halten zusammen. An unsere Fahrzeuge haben wir extra ein deutsches Autokennzeichen montiert, auch entsprechende Aufkleber sind nicht selten. Begegnet man sich in der Stadt, wird freudig gehupt und gegrüßt. Das machen die anderen Nationen untereinander übrigens genauso.
Ich halte sehr engen Kontakt zur alten Heimat, verfolge täglich die Nachrichten im Internet. An Silvester habe ich sogar die WebCam aus Ansbach eingeschaltet und dort das Feuerwerk mitverfolgt, mit sechs Stunden Zeitunterschied live! Ganz klar, daß ich im Fernsehen die Fußball-Bundesliga schaue. Als Franke bin ich natürlich Club-Fan, also Anhänger des 1. FC Nürnberg, aber auch auf „1860 München“ lasse ich nichts kommen. Atlanta und Nürnberg sind seit zehn Jahren Partnerstädte, was hier in der Öffentlichkeit aber kaum bekannt ist.
Irgendwie ist bei uns das Bedürfnis entstanden, als „Ansbacher im Ausland“ miteinander Verbindung aufzunehmen und Freundschaften zu pflegen. Ansbach war viele Jahre ein großer Standort der US-Armee. In unserem Auswanderer-Netzwerk überwiegen deshalb die Frauen, die ihrem amerikanischen Ehepartner, der als Soldat dort stationiert war, in die USA gefolgt sind. Und da wir ja weit verstreut wohnen, nutzen wir natürlich das Internet, eine sogenannte Yahoo-Group. Angefangen hat das mit einer Idee von Manuela Raysik aus Lichtenau, die inzwischen in Florida lebt und mir 1999 schrieb. Inzwischen ist der Kreis auf 140 Adressen gewachsen und ich bin mit Moderator der Gruppe. Es ist ein gewisser Kern von rund vierzig bis sechzig Leuten, die immer mitmischen, andere melden sich nur in größeren Abständen. Etwa zehn bis zwanzig Nachrichten werden zur Zeit täglich ausgetauscht, manchmal auch 50 oder mehr, das wird lebhaft genutzt. Regional sehen wir das nicht so eng, aber die meisten Interessenten, die sich anschließen, sind Franken. Wir schreiben uns oft fränkisch, das macht Spaß und ist unser gemeinsames Band. Die Mehrzahl wohnt im Süden und Osten der USA, aber wir haben auch einige aus Kanada dabei, eine Australierin und jemanden in Neuseeland und Korea. Wir sind weltweit offen. Und ein großer Teil der Mitglieder kennt sich inzwischen schon persönlich.
Einmal im Jahr im Oktober findet nämlich das große Franken-Treffen bei uns zuhause in Atlanta statt. Seit einigen Jahren machen wir das schon, und immer wieder kommen neue Gesichter dazu. Aus Virginia, Nord- und Süd-Carolina, Georgia, Florida, Alabama und anderswo kommen sie angereist – und dann wird fränkisch gesprochen! Am stärksten vertreten ist meine Generation, die in den 60er Jahren Geborenen. Es sind daraus sehr gute Freundschaften gewachsen, es hat sich ein enger Zusammenhalt gebildet, fast wie in einer Familie. Die mitreisenden amerikanischen Ehepartner verstehen zwar unseren Dialekt nicht, haben aber trotzdem ihren Spaß und sind tolerant.
In Atlanta fühle ich mich zuhause. Wir wohnen an der südlichen Grenze der Stadt, in Fayette County, Bis zum Stadtzentrum sind es etwa 25 Meilen. Wenn ich durch die Stadt fahre, empfinde ich sie überhaupt nicht fremd für mich. Ich fühle mich als Amerikaner, aber dennoch im Bewusstsein auch als Deutscher, das ist schwer zu erklären.
Ein besonderes Engagement ist meiner Frau und mir in Atlanta sehr wichtig geworden: Wir kümmern uns als outreach leaders bei Victoria’s friends um die Frauen, die in den zahlreichen Strip-Clubs ein menschenunwürdiges Leben führen und sich mit Drogen und Alkohol zerstören. Dazu muß man wissen, daß wir als frühere Bodybuilder – meine Frau hat auch als Model gearbeitet – die Welt aus Glitzer und Glamour aus erster Hand kennen. Wir gehen nun in die Clubs, bringen Geschenkkörbe mit und versuchen die Frauen aus diesem Teufelskreis herauszuholen. Die Kraft dazu gibt uns unser christlicher Glaube. Auch die betroffenen Frauen bekommen leichter einen Halt in ihrem Leben, wenn sie sich von Gott geliebt wissen. Für uns gehört das fest zusammen.
Wie geht es mir, wenn ich in Ansbach zu Besuch bin? Mir wurde deutlich: Wenn man weggeht aus der Heimat, ins Ausland, nimmt man ein bestimmtes Bild im Gedächtnis mit. Dies erwartet man bei der Rückkehr wieder vorzufinden, denn man lebt mit dieser Erinnerung. Die alten Freunde, die kenne ich noch so, wie sie früher ausgesehen haben, die Straßen, die Häuser. Es ist aber Vergangenheit, und ich merke doch, wie sich sehr viel verändert hat in den Jahren. Das macht es schwierig, sich vorzustellen, wieder heimzukommen – auch wenn die meisten Auswanderer meiner Generation die Brücken hinter sich wohl nicht abgebrochen haben. Für mich als Besucher dauert es zwar eine zeitlang, aber dann fühle ich mich doch wieder vertraut.
Eine ganz andere Frage bekommt nun Gewicht, die man sich in jungen Jahren überhaupt nicht stellt, denn da scheint das alles keine Rolle zu spielen: Auch meine Eltern werden älter, treten in Ruhestand, werden hilfsbedürftiger, brauchen vielleicht eines Tages Pflege. Werden Sie irgendwann zu mir nach Amerika ziehen? Den Platz haben wir im Haus, aber ob sie sich im Alter noch eingewöhnen? Ungelöste Fragen, die man vor sich herschiebt.
Was nehme ich auf dem Rückweg nach Amerika, nach Hause, mit ins Reisegepäck? Mancher mag an die fränkischen Leckerbissen denken, an Bratwürste, an Klöße. Aber in Atlanta haben wir gute deutsche Metzger und Restaurants. Es sind vielmehr Erinnerungsgegenstände, mit denen ich ein Stückchen Heimat mitbringe: Familienfotos, die tollen Bildbände aus Ansbach – und natürlich Bilder, die mein Vater Peter oder meine Mutter Emmi Hornemann gemalt haben.
Frankenmuth und sein deutsches kulturelles Erbe
von Marwood Frank, Frankenmuth
Die Stadt Frankenmuth im US-Bundesstaat Michigan ist heute eine blühende Stadt, in der mehr als 4900 Einwohner leben, die sehr stolz darauf sind, ihr deutsches Erbe zu bewahren. Wohn- und Geschäftshäuser sowie die umliegenden landwirtschaftlichen Betriebe befinden sich in ansehnlichem Zustand, was diese deutsche Tradition widerspiegelt. Gut gepflegte Blumen und üppiges Grün finden sich zuhauf an dem Ort, den viele Besucher als den bezeichnen, der in ganz Amerika bayerische Architektur am authentischsten präsentiert. Im vergangenen Jahr verlieh die Organisation „Amerika in Blüte“ (America in Bloom) den Ehrentitel, die schönste Stadt ihrer Größe in den Vereinigten Staaten zu sein.
Frankenmuth ist bekannt für gutes Essen. Zwei der größten Familienrestaurants der USA, das Bavarian Inn (gegründet 1856) sowie Zehnder’s Restaurant (gegründet 1888), bringen es zusammen auf annähernd zwei Millionen Essen, die dort pro Jahr serviert werden. Dabei ist ihre Spezialität das All-you-can-eat-chicken-Dinner.
Bronner’s, das weltgrößte Weihnachtsgeschäft mit einer Größe von über zwei Hektar (fünf Acres) befindet sich auch in Frankenmuth. Diese und viele weitere Attraktionen machen Frankenmuth mit über drei Millionen Besuchern pro Jahr zum am meisten besuchten Ort in ganz Michigan.
Die Stadt wurde im Jahre 1845 von einer Gruppe von 15 Siedlern aus Mittelfranken gegründet – daher auch der Name, der sich aus Franken, der Heimat der Siedler, und ihrem Mut(h) zusammensetzt. Der Hauptzweck ihrer Entsendung bestand darin, den indianischen Ureinwohnern das Christentum nahe zu bringen sowie den lutherischen Glauben zu verbreiten. Zusammen mit ihrem Pfarrer August Craemer, wurden sie von Wilhelm Löhe in Neuendettelsau auf ihre Mission vorbereitet. In den folgenden zwei Jahren kamen je weitere 100 Immigranten nach Michigan, die aus den Gemeinden Roßtal und Neuendettelsau sowie vielen weiteren Gegenden Frankens kamen.
Dabei nahmen die Siedler ihren einzigartigen Dialekt, das Fränkische, mit nach Amerika. Im Laufe der Jahre wurden manche Wörter verkürzt, während englische Wörter neu in das sprachliche Repertoire aufgenommen wurden. So erhielt das ursprüngliche Fränkisch eine ganz besondere Ausprägung. Im Jahre 1995 erschien ein Wörterbuch mit dem Titel „Des Frankenmuda Gwaff“, das dieser Entwicklung Rechnung trägt. Dabei wird jeweils ein Dialektwort in einem typischen Satz vorgestellt, um dessen Verwendung zu illustrieren. Eine englische Übersetzung wird ebenso geliefert.
Mehr als 100 Jahre lang haben sich viele Familien in diesem Dialekt unterhalten. Bis zum Beginn der 1940er Jahre sprachen viele Kinder bis zu ihrer Einschulung kein Englisch. Sogar Handelsgespräche wurden auf Fränkisch geführt. Demgegenüber wurden die Gottesdienste jedoch auf Hochdeutsch gehalten. Vorurteile gegenüber allem Deutschen während des Zweiten Weltkriegs führten schließlich dazu, dass Deutsch wesentlich weniger gesprochen und sogar völlig aus den Schulen verbannt wurde. Heutzutage beherrschen nur noch sehr wenige Frankenmuther unter 70 Jahren Fränkisch. Dennoch gibt es immer noch einige, die sich täglich auf Fränkisch unterhalten. Diejenigen, die sich mit Freunden in Deutschland in diesem Dialekt unterhalten, stoßen auf sofortige Begeisterung (oft gepaart mit großem Gelächter), und in einigen Fällen haben ihnen ihre deutschen Freunde versichert: „Seit dem Tod meines Großvaters habe ich dieses Wort nicht mehr gehört!“
Viele Jahre lang gab es keine Deutschklassen an der Schule mehr. In den vergangenen Jahren wurde das Fach Deutsch jedoch wieder an der St. Lorenz – Grundschule sowie der Frankenmuth High School eingeführt. Nun sind die Schüler jedes Jahr unter anderem damit beschäftigt, einen deutschen Gottesdienst vorzubereiten. In diesem Jahr wird dieser zu Ehren von Wilhelm Löhe abgehalten werden.
Nach zwei Jahren Unterricht haben die Deutschschüler der High School die Möglichkeit, eine Reise nach Deutschland zu unternehmen. Dabei kommen sie in Kontakt mit ihrem fränkischen Erbe und sind in der Lage, einiges von dieser einzigartigen deutschen Kultur in sich aufzunehmen. Normalerweise bleiben die Schüler einige Tage lang in Privatquartieren in Gunzenhausen, der Partnerstadt von Frankenmuth. In diesem Jahr ist jedoch auch ein längerer Aufenthalt (mit Übernachtung in Familien) in Neuendettelsau vorgesehen, da die Schüler an den Feierlichkeiten zu Ehren des 200. Geburtstags von Wilhelm Löhe mitwirken. Auf diese Weise können die Schüler praktisch umsetzen, was sie gelernt haben.
Zwischen Frankenmuth und Gunzenhausen wurde im Jahre 1962 eine der ersten Städtepartnerschaften zwischen den USA und Deutschland besiegelt. Im vergangenen Jahr (2007) wurde das 45-jährige Jubiläum mit Festakten sowie weiteren Aktivitäten auf beiden Seiten des Atlantiks begangen. Dabei bestanden die jeweiligen Reisegruppen aus etwa 80 Teilnehmern. Zusätzlich zu den Reisen anlässlich der offiziellen Feierlichkeiten gab es noch weitere Austauschprogramme, an denen Jugend- und Erwachsenenchöre, Jugend- und Showbands beteiligt waren. Viele andere haben großen Einsatz für das Arbeitsaustauschprogramm geleistet. Alles in allem kann man die Städtepartnerschaft zwischen Frankenmuth und Gunzenhausen mit Fug und Recht als eine der aktivsten auf der ganzen Welt bezeichnen.
Die Gemeinde von St. Lorenz, die gleichzeitig die Gründungskirche ist, verkörpert mit mehr als 4500 Mitgliedern immer noch eine sehr aktive und rührige Glaubensgemeinschaft. Einmal pro Monat gibt es weiterhin einen Gottesdienst in deutscher Sprache, der von Reverend James Weber, einem Nachkommen der Gründungsväter von Frankenmuth, abgehalten wird. Musik spielt eine herausragende Rolle in der Kirche. Es gibt drei Erwachsenenchöre, zwei große Instrumentalgruppen, einen Handglockenchor sowie kleinere musikalische Gruppen. St. Lorenz hat auch eine Tagesschule christlicher Prägung, die mehr als 500 Schüler vom Vorschulalter bis zur 8. Klasse besuchen. Einen prominenten Platz nehmen Musikerziehung und musikalische Darbietungen ein. Die dortigen Schüler haben ausgiebig Gelegenheit, bei besonderen Konzerten und Gottesdiensten ihr Können zu zeigen.
Die Bürger der Stadt feiern ihr besonderes Erbe weiterhin mit einer Reihe von Festen und Aktivitäten. So findet im Juni das Bavarian Festival statt. Zu den Attraktionen zählen dabei der Festzug sowie Musikdarbietungen und Essen, was vergleichbaren Festen in Deutschland recht nahe kommen dürfte. Im August bietet das Summer Music Fest den Besuchern eine große Bandbreite an Künstlern. Im Festkalender schließt sich im September das einzige amerikanische Oktoberfest, das von der Stadt München offiziell und ausdrücklich gebilligt wird, an. Zu diesem Anlass spielt traditionell die Gunzenhäuser Blous’n auf, eine Blasmusikgruppe von jungen Musikern aus der Partnerstadt von Frankenmuth. Zu den weiteren Festen und Aktivitäten zählen die World Expo of Beer, das Winter Snowfest (Künstler gestalten Skulpturen mit Schnee und Eis), die Volksläufe, das Farm Fest sowie das Auto Fest.
Besonders erwähnt werden sollte, dass viele der freiwilligen Helfer bei diesen Festen Bürger sind, die erst in den vergangenen Frankenmuth zu ihrem Domizil gemacht haben und dabei von dessen Sauberkeit, Schönheit, Bildungseinrichtungen sowie dessen besonderem Erbe angezogen worden sind.
Die Weihnachtszeit wird mit einer speziellen Lichterzeremonie (Lighting Ceremony and Candlewalk) sowie einem Weihnachtsmarkt eingeläutet. Zu dieser Zeit sind die Straßen, Geschäfte und Privathäuser mit Millionen von Lichtern geschmückt.
Kurz nach der Gründung von Frankenmuth hat Wilhelm Löhe weitere Siedler in die Umgebung von Frankenmuth entsandt. Die Orte, die auf sie zurückgehen, heißen Frankentrost, Frankenlust und Frankenhilf (heute Richville). Auch sie bauten und gründeten Kirchen, die auch heute noch sehr aktiv sind. Diese Gemeinden haben sich einen eher ländlichen Charakter bewahrt und sind stolz auf die florierenden landwirtschaftlichen Betriebe, die sich überall im Gemeindegebiet finden.
Die christliche Lebensweise, die von Wilhelm Löhe vermittelt wurde, ist heute immer noch sehr präsent in all diesen Gemeinden, die in der Mitte Michigans liegen. Das kirchliche Leben spielt weiterhin eine sehr wichtige Rolle. Dabei findet der missionarische Eifer von Löhe seine Fortsetzung, wenn sich Menschen auf örtlicher Ebene für Projekte einsetzen oder weltweit Missionsaktivitäten unterstützen. Die Gemeinden unterstützen traditionelle Missionsprojekte nicht nur mit beträchtlichen finanziellen Mitteln, sondern sie entsenden regelmäßig Gemeindemitglieder in arme Länder in der ganzen Welt. Diese Missionshelfer, die sich nur kurzzeitig im Ausland befinden, helfen dort mit bei der medizinischen Versorgung sowie bei Aufbauarbeiten, wobei sie Gottes Wort mit den Menschen des jeweiligen Landes teilen.
Franz Daniel Pastorius:
Ein Franke begründete 1683 die deutschamerikanische Geschichte
von Frank Trommler
Am 6. Oktober 2008 jährt sich zum 325. Mal die Ankunft der ersten deutschen Siedlergruppe in Nordamerika. Die dreizehn Familien hatten im Sommer 1683 von der Stadt Krefeld Abschied genommen, waren mit dem englischen Schiff “Concorde” von Southampton nach Philadelphia gesegelt und wurden dort von Franz Daniel Pastorius in Empfang genommen. Pastorius war ihnen von Frankfurt vorausgefahren und brachte sie nun zu einem unerschlossenen Landstrich zehn Kilometer im Norden der eben erst gegründeten Stadt Philadelphia. Auf diesem Landstrich hatten die Krefelder durch die Vermittlung von Pastorius und der Frankfurter Siedlungsgesellschaft Anteile erworben, nachdem William Penn sich in vorhergehenden Jahren um deutsche Quäker bemüht hatte, die das ihm vom englischen König vermachte Land – bald Penn-Sylvania genannt – erschließen sollten. Pastorius nannte das neue Städtchen Germantown, und die Krefelder ernannten Pastorius zu ihrem Bürgermeister.
Während bei den Jubiläumsfeierlichkeiten im Januar 2008 in der ehrwürdigen Union League in Philadelphia im Beisein des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und des Krefelder Oberbürgermeisters Gregor Kathstede die Brücken zwischen Krefeld und Germantown gebührend herausgehoben wurden, werden sich die Veranstaltungen im Oktober traditionsgemäß eher an Pastorius orientieren, der in seinem Bemühen um das Leben in der neuen Welt vieles aus seiner Heimat Franken lebendig erhielt. Pastorius (1651-1719) stammte aus Sommerhausen in Franken, das zu seiner Zeit noch nicht zu Bayern gehörte. Als Sohn des angesehenen Anwalts Melchior Adam gehörte Pastorius zur angesehenen Schicht seiner Zeit, wurde wie sein Vater Anwalt und Verseschmied, hatte aber ein unbändiges Bedürfnis, neue Wege einzuschlagen und heimische Kultur und Sitte in die Welt zu tragen. Melchior Adam, viele Jahre lang Bürgermeister der Reichsstadt Windsheim, erlangte eine gewisse Berühmtheit als Dichter und Mitglied der Pegnitzschäfer, der Dichtervereinigung, die Nürnberg in der Barockliteratur einen Ehrenplatz verschafft hat. Sohn Franz erbte vom Vater eine eindrucksvolle poetische Ader und ließ sich auch später, wenn die Alltagsprobleme des kleines Ortes in der amerikanischen Wildnis die Siedler fast zu überwältigen drohten, nicht nehmen, in dichterischer Form seinen Trotz, seine Identität, seinen Glauben und seine Persönlichkeit zu artikulieren. Wie die Zeitgenossen berichteten, war Pastorius in der Tat eine eindrucksvolle, wenn auch zurückhaltende Persönlichkeit, in Liebe seiner Verwaltung, seinen Schriften, seinem Garten und seiner Frau Anna hingegeben. In dem umfangreichen, englisch und deutsch geschriebenen Konvolut The Beehive (Der Bienenstock), das die Bibliothek der University of Pennsylvania in Philadelphia aufbewahrt, hat Pastorius neben seinen Alltagsberichten, poetischen Einfällen, historischen Vignetten auch die Liebe zu Anna festgehalten, ironisch in einem Spruch eingeflochten, der den Namen Anna von vorn und hinten lesen läßt.
Pastorius’ Ruhm als Anführer deutscher Siedler in Nordamerika stammt weniger von der unspektakulären Besitznahme des von William Penn erworbenen Landstrichs als von dem im späten 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten anwachsenden Bedürfnis von Deutschamerikanern, gegenüber den englisch-puritanischen Pilgervätern der Mayflower die eigene Gründungsgeschichte zu feiern. Als Oswald Seidensticker, Deutschprofessor an der University of Pennsylvania und Bibliotheksdirektor der ältesten deutschen Einwanderergesellschaft, der German Society of Pennsylvania, 1883 zum ersten Mal einen Festumzug in Philadelphia zum Gedenken an die Gründung Germantowns 1683 initiierte, wurde Pastorius besonders herausgehoben. Wie ein Zeitgenosse berichtete, umfasste der Festzug etwa 10 000 Personen, 3 000 Pferde, 1 000 Kutschen und 300 dekorierte Wagen. Dem der Gründung Germantowns gewidmeten Wagen kam besondere Beachtung zu:
[Dem Wagen] voraus ritt ein Reiter in der Tracht des siebzehnten Jahrhunderts, mit einer Standarte, auf der das Wappen von Germantown abgebildet war, das bekannte Kleeblatt, das den Weinstock, die Flachspflanze und den Webstuhl zeigt. Dieses Wappen bildlich darzustellen, war dem Künstler vortrefflich gelungen. Man erblickte ein Blockhaus, wie es die ersten Ansiedler auf Germantowns Grund und Boden mögen errichtet haben. Das hübsche Häuschen war umrankt von Epheu und Weinreben mit ihren köstlichen Beeren. Davor saßen zwei Frauen in der Tracht der damaligen Zeit am Spinnrocken, den goldenen Faden des Flachses drehend. In dem Hause stand ein Webstuhl, an dem ein Weber eifrig das Webschiffchen regierte. Auf dem Platze vor dem Hause stand Pastorius, umgeben von seinen Genossen. Dem Wagen folgten Fußgänger in der Tracht der Quäker und zwei Kutschen mit solchen.
Das Bild von Pastorius als Anführer, umgeben von den Siedlern, behielt seine Prägekraft für die folgenden Jahrzehnte. In ihm vereinigten sich zwei Intentionen: zum einen der Wunsch nach dem großen Mann, der der Identität der Deutschamerikaner historische Gestalt gab, zum andern die Verehrung des Friedenspatriarchen, der sich dem Dienst an der Gemeinschaft widmete. Während das erstere der ethnischen Repräsentation zugute kam, entsprach das letztere dem Selbstbild deutschamerikanischen Daseins, in dem Fleiß , Bescheidenheit, Religiosität und Gemeinschaftssinn obenan standen. Pastorius, der diese Tugenden mit Wort und praktischem Vorbild propagiert hatte, gewann zunehmend Profil als eine Art Schutzpatron der Deutschamerikaner, auch wenn er nie die Popularität von Baron von Steuben, Washingtons “Drillmaster” in der Revolution, oder Carl Schurz, dem deutschamerikanischen Politiker und Freund Lincolns, erreichte. Als von den Feierlichkeiten 1883 noch Gelder übrigblieben, beschloss man, sie als ersten “Beitrag zur Errichtung eines Pastorius-Monuments in Germantown” zu verwenden.
Dass dieses Denkmal die Assoziation an Moses aufnehmen würde, entsprach den Erwartungen. Ihre biblischen Dimensionen fanden im “Festgedicht zur zweihundertjährigen Jubelfeier der Deutschen in Amerika” von einem gewissen G. Brühl Ausdruck, das der deutschamerikanische Historiker Heinrich Rattermann der Zeitschrift “Der Deutsche Pionier” Ende 1883 voranstellte. In ihm werden die Beschwerden der Auswanderer beschworen, aber auch ihre Entschlossenheit, besonders die ihres Anführers Pastorius. So heißt es darin:
Wie Juda’s ausgewähltem Stamme,
Schritt auf der mühevollen Bahn
Mit der Begeistrung Oriflamme
Ein treuer Führer kühn voran.
Beglückt mit selt’ner Sehergabe,
Wies er mit mächt’gem Zauberstabe
Ihr hehres Ziel den Pilgern an.
Höher konnte der Autor in seinem Philiopietismus kaum greifen, wenn er auch sicherlich Recht hatte, die religiösen Erwartungen der ersten Siedler herauszustellen. So sehr sich die deutschsprachigen Einwanderer in und um Germantown in ihren Glaubensformen unterschieden – neben Quäkern waren es vor allem Pietisten, Mennoniten und Lutheraner - , so sehr verband sie die Hoffnung, eine neue christliche Lebensform zu begründen. Pastorius sah sein Werk als Bürgermeister der neuen Gemeinschaft im Lichte einer geschichtlichen Mission, die sich auf frommen Lebenswandel, aber auch Humor und Lebensfreude gründete. An einer später von Deutschamerikanern mit besonderem Stolz erwähnten Aktion hatte er führenden Anteil: dem 1688 bei einer Quäker-Zusammenkunft in Germantown formulierten ersten öffentlichen Protest auf amerikanischem Boden gegen das Halten und den Besitz von Sklaven.
Mochte Pastorius’ Wirken im 18. und 19. Jahrhundert auch in Vergessenheit geraten, der Gründer Germantowns war sich seiner historischen Mission voll bewusst. In seiner “Ansprache an die Nachkommenschaft”, die er dem Grund- und Lager-Buch von Germantown 1683/84 voranstellte, formulierte er in ergreifender Form seinen Appell an die Nachkommenschaft, der ersten Siedler mit Nachsicht zu gedenken und aus ihren Versäumnissen zu lernen, es besser zu machen. Die entsprechenden Zeilen lauten:
“Where we have failed to do
Aright, or wisely live,
Be warned by us, the better way pursue,
And, knowing we were humans, even as you,
Pity us and forgive!”
Wo wir fehlten,
Macht’s richtig oder lebt weise,
Aber laßt euch warnen, schlagt den besseren Weg ein,
Wißt, daß wir menschlich waren,
Habt Mitleid mit uns und vergebt uns!
Diese Wendungen erinnern im 20. Jahrhundert an ein anderes Gedicht, das “An die Nachgeborenen” gerichtet wurde: Bertolt Brechts poetisches Testament von den dunklen Zeiten, durch die seine Generation hindurchmußte. Es endet mit den Worten:
Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.
Den Deutschamerikanern, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts um die Wiederbelebung von Pastorius’ Ruhm bemühten, waren seine Worte Wasser auf die Mühle ethnischer Selbstermahnungen. In ihnen konnten sie noch etwas von dem Gefühl einer geistigen Mission ergreifen, das in der Massenemigration der vorangegangenen Jahrzehnte verschwunden war.
Dem Geist dieser Mission, zu der der Germantown-Protest gegen die Sklaverei gehörte, gab der bekannteste “Quaker Poet” des 19. Jahrhunderts, der Neu-Engländer John Greeleaf Whittier, in einem damals vielzitierten und –rezitierten Gedicht beredten Ausdruck. Hier hatte Pastorius’ Funke offensichtlich jenseits der ethnischen Grenzen gezündet. In “The Pennsylvania Pilgrim” vertiefte Whittier, der auch die “Ansprache an die Nachkommenschaft” ins Englische übertrug, das Bild des Pilgers Pastorius ins Mythische, etwas, das von Deutschamerikanern bereitwilligst aufgenommen wurde.
Es überrascht kaum, daß die Pastorius-Verehrung in der Periode, da Historiker die Geschichte als Abfolge von Taten großer Männer interpretierten, große Verbreitung fand. Als Höhepunkt vor dem Ersten Weltkrieg kann wohl die Bemühung um ein Pastorius-Denkmal in Philadelphia gelten, das 1908, dem Erscheinungsjahr der großen Pastorius-Biographie des Deutschprofessors an der University of Pennsylvania, Marion Dexter Learned, seine wissenschaftliche Begründung fand. Learned, der uns das meiste, was wir von Pastorius wissen, zusammen mit Seidensticker erschlossen hat, versetzte sich so tief in Pastorius’ Denken und Fühlen, daß er es nicht unterlassen konnte, 1908, im Jahr des 225. Jahrestages der Gründung von Germantown an der Universität selbst als Pastorius aufzutreten. Learneds Rekonstruktion vor genau hundert Jahren stellt eine unterhaltsame und zugleich ernstzunehmende Ergänzung der Biographie dar, insofern von Pastorius kein Bild überliefert ist.
Pastorius ist seitdem bildlos geblieben. Als es so weit war mit dem Denkmal – dessen Entwurf von Bildhauer J. Otto Schweizer Pastorius im Sinne des Festumzuges als Moses vorsah – , entschied die Bundesregierung in Washington, die mit einer beträchtlichen Summe zur Finanzierung beigetragen hatte, statt der ethnischen Gründerszene eine unhistorische Allegorie (“Die Quelle” von Albert Jaegers) auf den Sokel in Philadelphia zu setzen. Zu dieser Entscheidung dürfte bereits die zunehmend anti-deutsche Spannung am Vorabend des Ersten Weltkrieges beigetragen haben. Als die USA 1917 dem Deutschen Reich den Krieg erklärten, kam das Denkmal erst einmal hinter eine Holzverschalung. 1920 wurde es mit sehr gedämpfter Begeisterung enthüllt. Das in der German Society of Pennsylvania, der ältesten Einwanderergesellschaft in Nordamerika, in Philadelphia aufgestellte Modell des Denkmals nach dem Entwurf von Schweizer – von dem eine Kopie nach Krefeld gelangte – hat der Nachwelt die Pastorius-Verehrung von vor hundert Jahren eindrucksvoll aufbewahrt.
Immerhin kam Pastorius nach dem für die Deutschamerikaner so verhängnisvollen Ersten Weltkrieg die Ehre zu, dem am 6. Oktober vielerorts gefeierten “Deutschen Tag” den Namen zu geben: “Pastorius Day.” Zu dieser Zeit war ein gottesfürchtiger Siedlungsgründer mehr gefragt als der deutsche Militärheld General von Steuben. Nur Carl Schurz, in dessen Namen 1929 die Carl Schurz Memorial Foundation für den kulturellen Austausch zwischen den USA und Deutschland gegründet wurde, bot die Basis für eine ähnliche positive Identifikation. Die 250-Jahr-Feier der deutschen Einwanderung im Jahr 1933 stand im Zeichen von Pastorius. Die Feierlichkeiten enthielten drei verschiedene Theaterinszenierungen mit Szenen aus seinem Leben. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als von Demonstrationen deutscher Größe nicht viel gehalten wurde, sprachen zur Feier von Pastorius’ 300. Geburtstag 1951 sogar der Gouverneur von Pennsylvanien und der Bürgermeister von Philadelphia. Neben dem Begriff “Founder’s Day” hielt sich eine zeitlang “Pastorius Day.” Es zielte auf die eher inneramerikanische Ausrichtung dieses Jubiläums.
Als dann 1983 die 300-Jahr-Feier der Gründung Germantowns – das German-American Tricentennial - begangen wurde, mochte diese inneramerikanische Perspektive nicht mehr genügen. Pastorius rückte in den Hintergrund zugunsten der Feier der nach 1945 langsam, aber solide aufgebauten Versöhnungs- und Kooperationspolitik zwischen Amerika und Deutschland. Während Hunderte von deutschamerikanischen Vereinen ihre lokalen und regionalen Traditionen aufpolierten und mit Stolz den Beitrag der Deutschen zum Aufbau Amerikas feierten, ging es den Offiziellen mehr um die historische Symbolik, die besagte, daß die Gemeinsamkeit lange vor den Weltkriegen etabliert worden war und für die westliche Allianz eine feste Basis bildete. Dazu kam, daß Anfang der achtziger Jahre durch den Beschluß der NATO, Mittelstreckenraketen in Deutschland aufzustellen, die Rüstungsgegner auf den Plan gerufen wurden, gegen die man in beiden Regierungen die Gemeinsamkeit beschwor. Zu der Stunde, da beim Festbankett in Philadelphia am 6. Oktober 1983 der deutsche Bundespräsident Carstens und der amerikanische Vizepräsident Bush auf die 300-jährige Geschichte tranken, demonstrierten Tausende vor dem Kunstmuseum gegen die erneute Rüstung.
Gewiß war die symbolische Feier des Deutschen Tages unter Hinweis auf Pastorius ohnehin mehr an der Ostküste verbreitet, während man im mittleren Westen, im Süden und in Texas die eigene Gründungsgeschichte in den Vordergrund stellte. Seine Erhöhung hatte nicht zuletzt mit den Impulsen zu tun, die, wie im Falle der Gründung des Deutsch-Amerikanischen Nationalbundes 1901 unter Charles Hexamer, dem Präsidenten der German Society of Pennsylvania, von Philadelphia ausgingen. Das wurde von Deutschamerikanern in anderen Staaten bemerkt und keineswegs ohne Kritik hingenommen. Es läßt verstehen, warum Pastorius’ Beitrag zur deutschamerikanischen Geschichte heutzutage zumeist nur an der Ostküste beschworen wird, während er unter Deutschamerikanern in anderen Landesteilen als ein fernes und eher akademisch verstandenes Geschichtsdetail zur Sprache kommt.
Auch in Philadelphia wird aber sein Name nur selten noch mit dem Deutschen Tag am 6. Oktober zusammen genannt, wenn verschiedene Vereine, darunter die Donauschwaben und Deutschungarn, der Erzgebirgsverein und der Cannstatter Volksfestverein nicht nur die Bratwurst zum Oktoberfest heißmachen, sondern die Gründung Germantowns und den Anteil der Deutschen am Aufstieg Amerikas in Erinnerung rufen. Er ist eher bei den Veranstaltungen der German Society of Pennsylvania anwesend, die ihre Aktivitäten seit jeher sowohl der Fürsorge wie der kulturellen Förderung der Deutschamerikaner widmet. So wurde sein Pioniergeist bei der von der German Society mitgetragenen, eingangs erwähnten Feier im Januar nachdrücklich beschworen. Ob sein Wirken bei den für den Oktober 2008 geplanten Feierlichkeiten wirklich noch einmal Profil gewinnt, muß im Moment offen bleiben. Immerhin wurde unlängst in Philadelphia ein rühriges “German-American Day Celebration Committee” gegründet, das die Jubiläumsfeier dazu benutzt, auf die Präsenz des Deutschen im multikulturellen Geflecht der USA aufmerksam zu machen. Die Veranstaltungen im Jubiläumsjahr lassen sich leicht auf der Webseite www.GermanAmericanDay.org abrufen. Mal sehen, ob Franz Daniel Pastorius’ Nachkommenschaft dem fränkischen Altmeister eine erneute Huldigung darbringt.
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