Globus 1/2007 - Inhalt


Editorial
Jürgen Seidel
Wirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern

Aktuelles
VDA als Gast im Reichstag
Dr. Kurt Linster zum 80. Geburtstag

Im Blickpunkt: Mecklenburg-Vorpommern
Dr. Wolfgang Betz: Ein Wort voraus
Sigrid Zessin: Der VDA-Landesverband stellt sich vor
Jana Sperber: Spurensuche in Australien
Dr. Wolfgang Zessin: Die Auswanderung aus Mecklenburg
Hartmut Brun: Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer
Udo Baarck: Wer war Jürnjakob Swehn wirklich?
Gerhard H. Ehlers: Gunther Plüschow in Feuerland
Ingo Kallweit: Schiffsreise ins Memelland
Dr. Heinirch Rathke: Wie Mecklenburg Kasachstan hilft
Klaus-Dieter Gralow: Zwischen Namibia und Mecklenburg
Eduard Bütow: Die Bug-Holländer aus Wolhynien

Jugendaustausch
Wolfgang Kresse: Schwieriges Plattdeutsch. Chilenische
Austauschschüler unterwegs in Mecklenburg-Vorpommern

Bücher

Spurensuche
Julian Schuppe: Ein Australier unterwegs in der Uckermark

Meine Auswanderung
Dorothea Michelman: Als Strandgut nach Amerika

Landesverbände/Leserbrief 

 

Ein Wort voraus

Liebe Globus-Leser, liebe Mitglieder und Freunde des VDA,

diese Ausgabe unserer Zeitschrift steht unter dem Leitmotiv „Mecklenburg-Vorpommern und die Deutschen im Ausland“.

Traditionell gilt die Region des heutigen Bundeslands als Auswanderungsgebiet. Bei den großen Auswandererwellen des 19. und 20. Jahrhunderts waren Mecklenburger und Pommern in großer Zahl vertreten. Und auch heute noch nimmt die Zahl der Einwohner jedes Jahr um einige Tausend ab. Es gab aber auch Zeiten einer starken Zuwanderung: Nach 1945 siedelten sich hier Hunderttausende Menschen aus dem Osten des damaligen Deutschen Reichs an, und die Wiedervereinigung Deutschlands löste seit 1990 starke Wanderungsbewegungen in beide Richtungen – Ost und West – aus. Das historische Auswanderungsland hat sich mehr und mehr zu einem Land des Austauschs gewandelt.

Was bewegt Menschen, ihre Heimat zu verlassen? Die Ursachen dafür sind so vielfältig wie die Folgen. Jeder Wegziehende ist zunächst einmal ein Verlust für die Heimatregion, das ist richtig – er fehlt als Nachbar, als Arbeitskraft, als Steuerzahler, als Kunde. Wir dürfen dies aber nicht nur beklagen, sondern wir wollen vielmehr die Chancen sehen, die uns die Aufrechterhaltung der Verbindung zu diesen Menschen bringt. Mit dieser Globus-Ausgabe möchten wir den Blick deshalb vor allem auf eines lenken: Heute leben weltweit auf allen Kontinenten Menschen verstreut, deren familiäre Wurzeln in Mecklenburg und Vorpommern zu finden sind, die sich in ihren neuen Heimatländern integriert haben, die im Ausland Großartiges geleistet haben und hoch geachtet sind. In manchen Ländern leben sie unter sehr schwierigen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen. Gemeinsames Band ist ihre Herkunft, vielerorts auch die deutsche Sprache und die überlieferten kulturellen Eigenheiten.

Bei den weltweiten Recherchen für diese Globus-Ausgabe habe ich es wieder sehr eindrücklich erlebt, wie stark die Verbundenheit der Ausgewanderten und ihrer Nachkommen zur alten Heimat ist, wie groß die Freude, wenn mit ihnen Verbindung aufgenommen wird, wie herzlich einladend die Gastfreundschaft. Sie interessieren sich für das Geschehen bei uns, besuchen das Land als Touristen, wünschen sich Geschäftsverbindungen. Umgekehrt ebnen sie uns Wege in ihren jetzigen Heimatländern, verstehen die dortige Mentalität und Gepflogenheiten, helfen über Sprachbarrieren hinweg.
Nur wenige Beispiele konnten wir aufnehmen, viele weitere Zuschriften erreichten uns. Bei unseren Landsleuten hier möchten wir das Interesse wecken, an der „lebendigen Brücke“ des VDA mitzubauen und gleichzeitig laden wir die Leser im Ausland ein, unser Bundesland zu besuchen, seine touristische Attraktivität und seinen kulturellen Reichtum zu entdecken.

Alle Autoren haben die vorliegende Ausgabe mit ihren Berichten, Bildern und Beiträgen gestaltet, ohne dafür ein Entgelt zu verlangen. Dafür sei ihnen ganz herzlich gedankt. Unseren Lesern wünsche ich nun eine anregende und vergnügliche Lektüre,

Ihr
Dr. Wolfgang Betz
Mitglied des Bundesvorstands des VDA
und Schriftführer im Landesvorstand des VDA Mecklenburg-Vorpommern

 

Nach Feuerland

Das abenteuerliche Leben des mecklenburgischen Flugpioniers, Kapitäns und Entdeckers Gunther Plüschow

„Nirgends wieder auf der Erde gibt es diesen Zusammenklang wie hier im Feuerland und etwas nördlicher in Patagonien, es ist eine einzige ungeheure Symphonie von tiefstem Schweigen, ungeheuren Eis- und Gletschermassen, grünen, schier undurchdringlichen Wäldern, blauem Meer, düsteren Kanälen, blau- grün- weiß schimmernden und schwimmenden Eisblöcken, steile aus der Flut bis zu fast dreitausend Meter emporragenden Bergen, deren Gipfel aus einem einzigen Stück Eis bestehen, um die aber fast immer Wolken wallen.“ Mit diesen leidenschaftlichen Worten beschreibt der Deutsche Gunther Plüschow in seinem 1929 erschienen Buch „Silberkondor über Feuerland“ die Landschaft am Ende der Welt. Er berichtet über die abenteuerliche Reise mit einem Forschungsschiff von Deutschland nach Punta Arenas und über seine Expeditionen nach Ushuaia, Kap Horn und zum Torres del Paine. Dieses Buch wurde in Deutschland und in vielen Ländern der Welt von Hunderttausenden gelesen, der gleichnamige Film von unzähligen Menschen gesehen. Buch und Film brachten nicht nur die beeindruckenden Naturbeschreibungen von Feuerland und Patagonien in das ferne Europe, zum ersten Mal waren Bilder von der überwältigenden Schönheit der Landschaft aus der Luft zu sehen.

Kindheit in Schwerin

Wer war dieser Mann, der 1927 im Alter von 41 Jahren von Deutschland aus aufbrach, um sich einen Kindheitstraum zu erfüllen: eine Reise nach Feuerland und Patagonien.

Was bewog ihn, seine Heimat zu verlassen und sich auf eine gefährliche, abenteuerliche und sehr lange Expedition an das (aus europäischer Sicht) Ende der Welt zu begeben? Gunther Plüschow wurde am 8. Februar 1886 in München geboren, zunächst zog seine Familie für einige Jahre nach Rom. Ab 1895 wohnten die Plüschows wieder in Mecklenburg, sie waren entfernt verwandt mit einem mecklenburgischen Großherzog. Der Vater übernahm eine Stelle als Konservator im Museum der mecklenburgischen Landeshauptstadt Schwerin. Inmitten dieser weiten und flachen Landschaft nahe der Ostsee erlebte der kleine Gunther unbeschwerte Jahre. Er lernte Reiten und Segeln und lauschte gespannt den Erzählungen eines pensionierten Kapitäns, einem Freund der Familie. Diese Geschichten weckten seine Sehnsucht nach fernen Ländern und Abenteuern.
Der Flieger von Tsingtau

Im Alter von zehn Jahren beginnt Plüschow eine militärische Ausbildung an einer Kadettenanstalt. Ein Bild, auf dem ein Schiff vor einem feuerländischen Gletscher zu sehen ist, weckt seine Phantasie. Er betrachtet es oft und fängt an von diesem so schönen und fernen Land zu träumen. Nach dem Abschluss an der Kadettenanstalt beginnt er eine Offiziersausbildung. Interessiert an neuer Technik, bewirbt er sich im Sommer 1914 um eine Ausbildung zum Flugzeugführer, besteht nach nur 4 Tagen die Prüfung und versieht von nun an als Flieger seinen Dienst in der deutschen kaiserlichen Marine. Sein erstes Kommando führt ihn in die Festung Tsingtau der deutschen Handelskolonie Kiautschou (China). Als japanische Truppen die Festung zu Beginn des 1. Weltkrieges belagern, gelingt ihm im November 1914 mit seinem Flugzeug der Aufsehen erregende Ausbruch aus der Stadt. Nach neunmonatiger spektakulärer Flucht durch China, die USA und England trifft er im Juli 1915 in Deutschland ein. Ein Jahr später erschien sein erstes Buch "Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau“, welches eine Auflage von über 700.000 Exemplaren erreicht. In den wirtschaftlich schwierigen Nachkriegs – und Inflationsjahren von 1918 bis 1924 übt Plüschow eine Reihe sehr unterschiedlicher Tätigkeiten aus: Depeschen – und Zeitungsflieger, Reporter, Kinoansager, Autoverkäufer, Motorrad-Weltrekordfahrer und Handlungsreisender in Sachen Stahl. Es war für Plüschow in dieser Zeit nicht immer leicht, seine Frau und seinen Sohn (geb. 1918) zu versorgen.

Am Ende der Welt

Dann endlich 1925 ein Neuanfang. Plüschow macht das Patent zum Kapitän auf Große Fahrt und bereist das Mittelmeer. Auf einer dieser Reisen lernt er einen Reeder kennen, der ihm anbietet, auf einem Segelschiff nach Südamerika zu fahren. Begeistert nimmt Plüschow diesen Vorschlag an, denn damit ist er seinem Traumland ein ganzes Stück näher gekommen.

Bis 1926 segelt er mit der Viermastbark „Parma“ um Kap Hoorn und an die Küsten Chiles.

Und er beschreibt auch dieses Abenteuer in einem Buch, „Segelfahrt ins Wunderland“, veröffentlicht einen Film, hält Vorträge über Südamerika und lernt so Menschen kennen, die ihn bei der Realisierung seines großen Traumes unterstützen können und werden: einer Expedition nach Feuerland.

Im November 1927 ist es soweit, die zurückliegenden Mühen und Rückschläge sind vergessen. Ein zum Forschungsschiff modifizierter Fischkutter und ein stoffbespannter Doppeldecker sind bereit für das bisher größte Abenteuer des Kapitän Plüschow, einer Reise an das Ende der Welt. Und der Name seines Schiffes ist zugleich das Ziel: TIERRA DEL FUEGO. In seiner Mannschaft, mit der er diese lange, anstrengende und gefährliche Fahrt in Richtung Kap Horn und um Feuerland wagen will, sind auch der Steuermann Paul Christiansen und Ernst Dreblow, ein 34jähriger Flugzeugingenieur.

Plüschow trifft mit Schiff und Besatzung im Oktober 1928 in Punta Arenas ein. Zur Erfüllung des Vertrages mit dem Berliner Ullstein-Verlag, dem wichtigsten Sponsor der Expedition, besuchte er zuvor deutsche Siedler und Eingeborene im brasilianischen Urwald, filmte und schrieb Reportagen. In bewegenden Worten beschreibt Gunther Plüschow auf einer Erkundungsfahrt durch die feuerländischen Kanäle seine erste Begegnung mit dem Land seiner Sehnsucht: „Die Sonne lässt auch alles in so wunderbaren, so märchenhaft schönen Farben leuchten und spielen, mit ganzer Wucht überfällt mich dazu die Stille ... als beträte ich einen mächtigen Dom … dies ist mein Feuerland, dies ist mein Traum.

"Silberkondor über Feuerland“

Bis Dezember 1928 bauen Plüschow und sein Flugzeugmechaniker auf der Werft von Braun y Blanchard in Punta Arenas den in Kisten verpackten Heinkel-Doppeldecker von Typ HD 24 W zusammen. Voller Freude fliegt Plüschow anschließend eine Ehrenrunde über der Stadt. Der erste große Flug geht in das argentinische Ushuaia, mit an Bord ist ein Postsack: die erste Luftpost von Punta Arenas nach Ushuaia. In den folgenden Monaten überflogen der Pilot Plüschow und der Bordingenieur Ernst Dreblow als erste Menschen die Darwin-Kordillere auf der großen Feuerlandinsel, Kap Hoorn und die Torres del Paine in Patagonien. Sie waren fasziniert von der überwältigenden Schönheit des patagonischen Inlandeises und brachten von ihren Flügen, oft unter Lebensgefahr, zum ersten Mal Fotos und Filmmaterial von diesen bis dahin unerforschten Gegenden Südamerikas mit.

Nach seiner Rückkehr aus dem tiefsten Süden dieser Erde im Jahre 1929 veröffentlicht der mittlerweile in Berlin wohnende Plüschow ein weiteres Buch: „Silberkondor über Feuerland“. Sein gleichnamiger Film wird ein großer Erfolg. Das Publikum ist begeistert von den beeindruckenden Landschaften und den noch nie zuvor gesehenen, sensationellen Luftaufnahmen der vereisten Gipfel Feuerlands. Das Buch wird mehrere hunderttausend Mal verkauft und vermittelt vielen Lesern in Europa erstmalig ein Bild von den Menschen und der Landschaft Feuerlands und Patagoniens. Plüschow reist mit Film und Buch durch ganz Deutschland. Er hält Vorträge und wirbt bei Vertretern der deutschen Industrie und der Regierung um Unterstützung für eine weitere Reise nach Südamerika.

Der letzte Flug

Im Juli 1930 bricht der Feuerlandflieger erneut in Richtung Südamerika auf. Nur begleitet von Flugzeugingenieur Dreblow will er die Andenkordilleren nordwärts bis El Calafate in der argentinischen Provinz Santa Cruz befliegen, um letzte weiße Flecken von der Landkarte zu tilgen und Filmaufnahmen von dem Gletscher Perito Moreno drehen. Es wird ihre letzte gemeinsame große Reise. Am 28. Januar 1931, gegen 5.00 Uhr Südzeit, stürzt der Heinkel-Doppeldecker mit der Kennung „Tsingtau D 1313“, genannt SILBERKONDOR, aufgrund eines technischen Defektes in die eisigen Fluten des Rico-Sees, unweit des Perito-Moreno Gletschers. Die sterblichen Überreste der beiden Flugpioniere werden in ihre Heimat überführt und unter großer Anteilnahme der Medien, der Reichsregierung und der Berliner Bevölkerung auf dem Parkfriedhof Berlin-Lichterfelde beigesetzt.

Gerhard H. Ehlers

Gerhard H. Ehlers hat mit Ingrid W. Gaa die Ausstellung „Gunther Plüschow – ein Flugpionier aus Mecklenburg“ zusammengestellt. Sie ist noch bis zum 7. April im Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum Rostock (www.schifffahrtsmuseum-rostock.m-vp.de) zu sehen. Weitere Stationen sind München (Deutsches Museum), Berlin, Dresden, Buenos Aires, Ushuaia, Santiago de Chile und Punta Arenas (Chile).

 

 

In dem Streben nach eigen Land und Hüsung

Jürnjakob Schwehn, der Amerikafahrer

1917 erschien in Berlin Johannes Gillhoffs "Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer". Trotz oder vielleicht wegen der damals alles beherrschenden Kriegsliteratur wurde der Roman eines der größten deutschen Bucherfolge. Noch 1917 erschien das 2. bis 30. Tausend und schon 1919 wurde das erste Hunderttausend erreicht. In dem Jahr kam das Buch auch mit vierzehn Illustrationen von Professor Walther Heinrich Eduard Linde (1868 - 1939) auf den Markt und wurde ins Norwegische übersetzt. 1920 folgten die Übersetzungen in niederländische und dänische Sprachen. In diese drei Sprachen wurde der Roman noch ein zweites Mal übertragen und seit dem Jahre 2000 gibt es die erste englisch-amerikanische Übersetzung von Richard Trost aus Iowa.

Der Schriftsteller Johannes Gillhoff schildert in seinem Roman das Schicksal eines mecklenburgischen Tagelöhners. Er beschreibt Aufbruch, Auszug und Ankunft Jürnjakob Swehns in Amerika, erzählt vom Erwerb der eigenen Farm und von den grotesken Folgen einer landwirtschaftlichen Überproduktion, von der Weltausstellung in Chicago sowie von Schul- und Kirchenverhältnissen im Mittelwesten der USA. Kristallisationspunkt des Romans "Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer" bilden die Briefe ausgewanderter Mecklenburger. Allein zwischen 1851 und 1874 verließen rund 89 000 Frauen, Männer und Kinder das Land, ein Sechstel der Bevölkerung des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin. Die wirtschaftliche Not und die Aussicht von einem besseren Leben auf eigenem Grund und Boden trieb sie über den Atlantik.

Briefe der Auswanderer

Johannes Gillhoff wurde am 24. Mai 1861 in dem Dorf Glaisin bei Ludwigslust geboren. Der Vater war hier von 1854 bis 1908 Lehrer. In dieser Zeit sollen 350 Menschen von Glaisin nach Amerika ausgewandert sein. "Mit 250 dieser Auswanderer stand mein Vater im Briefwechsel", berichtete Johannes Gillhoff. 1898 erhielt er diese Briefe vom Vater. Sofort nach Sichtung der Handschriften entschloss sich Gillhoff, diese literarisch zu verarbeiten. Unmittelbar nach Empfang der Schriften veröffentlichte er von Parchim aus Bruchstücke daraus, aber erst in den Sommerferien 1916 schloss er im Schulhaus zu Spornitz die Arbeit am Manuskript endgültig ab. Es bestand aus einem Bündel eng bekritzelter Quartblätter. Diese sandte Johannes Gillhoff 1916 der Berliner Zeitung "Tägliche Rundschau". Der Erstabdruck des Romans "Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer" erfolgte daraufhin in Fortsetzungen im Feuilletonteil der Tageszeitung. Die Resonanz der Leser war sehr positiv. So entschloss sich die Redaktion des Blattes, um jedem Risiko aus dem Weg zu gehen, zunächst nur 1 000 Exemplare des Buches im Verlag herauszubringen. Damit begann der Siegeszug des Romans.

Auswandererbriefe waren der Auslöser, für Johannes Gillhoff Mittel zu Zweck bei der Gestaltung des Stoffes vom Amerikafahrer. Die Frage, was Dichtung und was Wahrheit an der Geschichte ist und vor allem, wer Jürnjakob Swehn war, beschäftigt Literaturwissenschaftler und Historiker gleichermaßen seit Erscheinen des Buches. Neueste Forschungen in den USA sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich bei dem Auswanderer Jürnjakob Swehn um Carl Wiedow (1847-1913) aus dem Kirchspiel Eldena handelt, der 1868 nach Amerika auswanderte und in Gemeinschaft mit anderen Glaisinern im Staate Iowa farmte. Die Originalbriefe soll Johannes Gillhoff nach Erscheinen des Buches vernichtet haben, so dass schwer nachvollziehbar ist, inwieweit die Schilderungen in dem Roman mit denen des Carl Wiedow oder anderer Auswanderer identisch sind. Demgegenüber stehen Passagen und ganze Kapitel in dem Buch, die auf Eigenerlebtes, Geschautes und Gehörtes des Autors berufen. In dem Kapitel "Am Sterbebett der Mutter" beschreibt Johannes Gillhoff den Tod seiner Mutter im Jahre 1905 in Glaisin und Teile des Kapitels "Beim Maispahlen" spielten im Hause seines älteren Bruders Friedrich, der von 1903 bis 1915 Auswanderermissionar in Bremen war.

Hochdeutsch und Plattdeutsch

Die Faszination des Buches beruht aber weniger auf der Handlung, der bloßen Aufzählung von Ereignissen, wirtschaftlichen Situationen oder anderen Abläufen, sondern liegt in Stil und Sprache begründet. Johannes Gillhoff lässt seinen Helden, oder Anti-Helden, in einer plump, unbeholfen und naiv klingenden Sprache erzählen. Es ist die lebendige Sprache des mecklenburgischen Tagelöhners, der in einer plattdeutsch sprechenden Umwelt aufgewachsen ist, selbst plattdeutsch denkt und spricht, aber nicht Plattdeutsch schreiben kann. So entsteht beim Abfassen der Briefe ein Gemenge aus Hoch- und Plattdeutsch, das Missingsch. "Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer" ist der erste Roman in der deutschen Literaturgeschichte, dessen handlungstragenden Sprache das Missingsch ist. Gerade diese Sprache und der Stil sowie der stille hintergründige niederdeutsche Humor sind es, die die Beliebtheit des Buches bis heute ausmachen, das der deutschen Nationalliteratur nahesteht.

Bei allem Unterhaltungswert ist "Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer" ein sehr kritisches Buch. Allein die Tatsache der Auswanderung spricht dafür. Wenn jemand seine Heimat verlässt, ist es immer ein Zeichen von Unzufriedenheit. Jürnjakob Swehn trieb wirtschaftliche Not über den Großen Teich und Johannes Gillhoff fand in seiner geliebten Heimat Mecklenburg nicht die Erfüllung seiner Wünsche. Er war ein ehrgeiziger und tüchtiger Lehrer in Parchim, dem trotz Mittelschullehrerprüfung und bestandenem Rektoratexamen sämtliche Aufstiegsmöglichkeiten in ein höheres Schulamt in Mecklenburg verwehrt blieben. So "wanderte" Johannes Gillhoff 1903 von Mecklenburg nach Mitteldeutschland aus und wurde Lehrer in Merseburg, Erfurt, Halberstadt und Genthin. Hier bildete er nun selbst Erwachsene zu Lehrern aus.

Mit schärferem Blick

Nachdem Johannes Gillhoff Mecklenburg verlassen hatte, brach sich sein erzählerisches Talent Bahn. 1905 erschien in Dresden der Sammelband "Bilder aus dem Dorfleben". Dieser Erzählband geriet aber unverdient schnell in Vergessenheit. Anders der Briefroman "Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer", der zehn Jahre nach Johannes Gillhoffs Amtsantritt als Ordentlicher Seminarlehrer in Genthin erschien. Bei allen Hinweisen auf Briefen ausgewanderter Mecklenburger, schrieb sich Johannes Gillhoff hier Frust von der Seele. Enttäuscht von den Zuständen im geliebten Heimatland schaut er mit den Augen des ausgewanderten Tagelöhners Jürnjakob Swehn auf Alt-Mecklenburg zurück. Johannes Gillhoff war längst als Lehrer in Mitteldeutschland der provinzialischen Enge Mecklenburgs entrückt. Er hatte ausgedehnte Reisen durch Nord- und Südeuropa unternommen, so bessere Möglichkeiten für Vergleiche empfangen und gleichzeitig den Blick für heimische Verhältnisse geschärft. Aus entsprechender Entfernung hatte sich bei dem weltoffenen Mann, der die Bindung an Mecklenburg dennoch nie verlor, ein ganz anderes Urteilsvermögen herausgebildet. Als Form für sein Buch um Jürnjakob Swehn wählte Johannes Gillhoff den Briefroman. Nicht er, der Autor, kritisiert die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse Mecklenburgs zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sondern der Briefeschreiber, wobei Johannes Gillhoff die Handlung in das 19. Jahrhundert verlegt.

Der Bestseller um den biederen, ehrlichen und aufrechten Farmer Jürnjakob Swehn ist ein Hohelied auf den arbeitenden Menschen. In Jürnjakob Swehn hat Johannes Gillhoff darüber hinaus nicht nur das Synonym für den deutschen Auswanderer des 19. Jahrhunderts geschaffen, sondern auch eine literarische Gestalt, die an Originalität kaum zu überbieten ist. 1924 ließ sich Johannes Gillhoff als Lehrer pensionieren. Er kehrte nach Mecklenburg zurück, bezog in Ludwigslust eine Wohnung und begründete hier mit dem Titel "Mecklenburgische Monatshefte" eine Zeitschrift für alle Bereiche der Kunst, Kultur, Literatur, Geschichte und Natur. Vom Januar 1925 bis zu seinem Tod gab Johannes Gillhoff als Redakteur dieses gutgemachte Periodicum in Ludwigslust heraus. Seine Schrift entwickelte sich in diesen Jahren zu einer der führenden Kulturzeitschriften in Norddeutschland.

Am 13. Dezember 1928 wurde Johannes Gillhoff in das Krankenhaus in Parchim eingeliefert. Trotz eines unheilbaren Krebsleidens arbeitete er unermüdlich an der Herausgabe der "Mecklenburgischen Monatshefte". Am 16. Januar 1930 starb Johannes Gillhoff im Krankenhaus Parchim und wurde vier Tage später in Ludwigslust beigesetzt. Sein Grab auf dem Friedhof Ludwigslust ist seit 1976 ein geschütztes Denkmal der Kulturgeschichte.

Hartmut Brun

 

 

Treffen in Schwedt

Wie David Kraatz aus Australien die Spuren seiner Vorfahren in der Uckermark fand

„Komm nach Deutschland, David! Wir gehen gemeinsam auf die Suche nach den Spuren deiner Vorfahren.“ Womöglich war es mein Angebot, das David Kraatz, einen 45-jährigen Australier, motiviert hatte, sein ganz großes, schon immer heiß ersehntes Abenteuer anzupacken. Doch zunächst zurück ins Jahr 1986. Alles hatte seinen Anfang genommen, als der Zufall David das Buch „The history of the Kraatz family“ in die Hände spielte. Schon als Student für Geschichte und Archäologie hatte er sich für die Wurzeln seines deutschen Familiennamens Kraatz interessiert. Das Buch ermöglichte es ihm, die Lebenswege seiner Vorfahren nachzuvollziehen. Bestehend aus einem Erzählteil und einem Stammbaum-Verzeichnis beschreibt es die Geschichte der Kraatz-Familie zurück bis in das Jahr 1850.

Ihre Auswanderung aus Deutschland im Jahr 1860, als Gottfried Kraatz mit Frau und Kind die Uckermark verließ und sich auf den langen beschwerlichen Weg nach Australien machte, wird ebenso beschrieben wie das harte Leben der deutschen Einwanderer in Australien. Mit Davids Großvater verliert sich die Spur. Das Buch beantwortete viele Fragen, die sich David schon immer gestellt hatte. Bis auf eine: „Habe ich noch Verwandte in der Uckermark, der Heimat meiner Vorfahren von vor über 150 Jahren?“

Ich lernte David während meines Praktikums in Australien kennen. Im Ministerium für Regionalplanung und lokale Verwaltung in Rockhampton im Bundesstaat Queensland waren wir Kollegen. Bald freundeten wir uns an und David erzählte mir häufig mit leuchtenden Augen und stolzer Miene von seinen deutschen Wurzeln. Seinen Traum, das Land seiner Vorfahren zu bereisen, offenbarte er mir kurz bevor ich im Juli 2005 nach Ende des Praktikums Rockhampton verließ. Ich hatte nicht erwartet, dass mich David wirklich beim Wort nehmen würde. Aber er ließ nicht locker und nach einem Jahr regem E-Mail-Kontakt war es soweit. Der Australier mit deutschen Vorfahren hatte seinen Flug nach Europa gebucht. Er brannte darauf, Deutschland und besonders die Uckermark zu sehen. Wir hatten Sommerferien und ich konnte David durch das Land seiner Vorfahren begleiten. Dies stellte sich als sehr vorteilhaft heraus, da die Sprachbarriere für den Australier hoch war. Denn „Guten Morgen“ und „Guten Tag“ waren für sein Unterfangen, mögliche Verwandte in der Uckermark zu finden, nicht ausreichend. 

Unsere Reise begann in Bayern und führte uns zunächst nach Thüringen, in den Harz und nach Quedlinburg. Dort planten wir unser weiteres Vorgehen. Eine wertvolle Hilfe war uns dabei das Buch über die Geschichte der Familie Kraatz, das David mitgebracht hatte. Einer Schatzkarte gleich sollte es uns durch die Uckermark und ans Ziel führen. Zunächst jedoch war unser Forscher-, Entdecker- und Organisationstalent gefragt. Abwechselnd studierten wir Landkarten von Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern und die Ortsbeschreibungen oder landkartenähnliche Darstellungen in Davids Buch. Wo waren die Zusammenhänge, welche Orte von damals existieren noch heute? Bald hatten wir einen Plan für die nächsten drei Tage, der uns einen Schritt näher an das Geheimnis der Kraatz-Vorfahren bringen sollte.

Auf unserem Weg von Quedlinburg in die Uckermark lagen drei Dörfer mit dem Namen Kraatz vor uns. Wir besuchten zuerst das fast verlassene Dorf Kraatz in der Altmark. An der Kirchentür des nur zehn Häuser zählenden Straßendorfes fanden wir Informationen zur Geschichte des Dorfes, das, wie sich herausstellte, schon im Jahr 1327 durch einen Ritter Namens Kraatz gegründet worden war. Einen Verweis in Davids Buch gab es nicht. Erst das Kraatz-Dorf in der Uckermark war im Buch genannt. Mittlerweile hatten wir unser Quartier in einer Jugendherberge in Mirow aufgeschlagen, von wo aus wir das zweite Kraatz-Dorf voller Tatendrang erforschten. Wie im Buch beschrieben, stand auf dem Dorfplatz eine sehr alte Linde. Auf dem Friedhof fanden wir einige Gräber mit dem Namen Kraatz. „Hier leben schon lange keine Kraatzes mehr“, erzählte uns eine Frau aus dem Dorf. Wir wussten, dass wir weiter suchen mussten. Nachdem wir auch im dritten Kraatz-Dorf an der Oberhavel vergeblich nach Hinweisen nach verstorbenen oder lebenden Kraatz-Familienmitgliedern gefahndet hatten, richtete sich unsere Hoffnung auf einige im Buch erwähnte Dörfer rund um die beiden Uckerseen. Suckow, Stegelitz und Grüneberg rückten nun in unser Visier.

Es war 16 Uhr nachmittags, als wir Suckow passierten. Ein älteres Ehepaar, das gerade im Garten arbeitete, gab uns hilfsbereit und geduldig Auskunft auf unsere Fragen, ob es denn noch Kraatzes in der Umgebung gäbe und ob sie hier noch welche kenne. Und zu unserer Freude war ihnen der Name nicht nur ein Begriff, sie kannten sogar wirklich mehrere Lebende aus der Kraatz-Familie, darunter eine Frau, deren Mädchenname Kraatz gewesen war. Nun hatten wir einige Telefonnummern. Als wir wieder ins Auto stiegen, hatten wir noch nicht den blassesten Schimmer, dass uns hier der Zufall Informationen in die Hände gespielt hatte, die es uns möglich machen sollten, David einen lang und heiß ersehnten Traum zu erfüllen.

Der nächste Tag war von David lange geplant gewesen. Schon von Australien aus hatte er Kontakt mit dem Journalisten Frank Schüttig vom „Globus“, der Zeitschrift des Vereins für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA), aufgenommen. Herr Schüttig empfing uns in seinem Berliner Büro. David und ich hatten nun die Möglichkeit, die Telefonnummern auszuprobieren. „Guten Tag. Hier ist David Kraatz, haben Sie Englisch?“ Das waren Davids erste Worte, die er an Ingrid Jüttner, geborene Kraatz, richtete. Als Dolmetscher übernahm ich dann den Telefonhörer. „Können Sie sich noch an den Namen Ihres Urgroßvaters erinnern?“ fragte ich. „Ja“, meinte sie nach kurzem Zögern. „Er hieß Karl-Friedrich Kraatz.“ David war fassungslos. Er kannte den Namen aus dem Stammbaum seines Buches! Die Verbindung war jetzt sonnenklar: David Kraatz’ Urgroßvater Gottfried war der jüngere Bruder von Ingrids Urgroßvater Karl-Friedrich Kraatz. Zwei Tage später konnte David überglücklich die europäische Seite seiner Familie bei einem Treffen in Schwedt kennenlernen. Vor 146 Jahren hatten sich die Wege der Familienmitglieder Karl Friedrich Kraatz und Gottfried Kraatz getrennt. Im September 2006 trafen - geleitet von Zufällen und Ahnenforscherdrang - ihre Urenkel wieder zusammen.

Julian Schuppe

 

 

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